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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Tiburtius, Franziska

Lehrerin, Medizinerin

* 1843, 24.01.
Bisdamitz/Rügen

† 1927, 05.05.
Berlin

Franziska Tiburtius gehört zu den ersten akademisch ausgebildeten Ärztinnen in Deutschland. Mit ihrem wissenschaftlichen Studium und ihrer Berufstätigkeit als Ärztin verstieß sie gegen die Konven­tionen einer Zeit, in der die Wissenschaften und der Arztberuf al­lein Männern vorbehalten sein sollten. In der Öffentlichkeit war sie deswegen als „Emanzipierte" verschrien, doch sie selbst verstand sich keineswegs als Frauenrechtlerin und war der Frauenbewegung gegenüber kritisch und distanziert eingestellt. Franziska Tiburtius wurde auf der Insel Rügen als jüngstes von neun Geschwistern geboren und verbrachte dort ihre Kindheit auf dem kleinen Gutshof Bisdamitz. In Stralsund, wo sich die Familie im Jahr 1851 niederließ, besuchte sie eine Privatschule. Ihr „Wunsch nach eigenem Erleben in der Welt draußen und nach ma­terieller Selbständigkeit" bewog sie im Alter von 17 Jahren, den einzig standesgemäßen Beruf zu ergreifen, der bürgerlichen Frauen ihrer Zeit offenstand: den der Erzieherin. Insgesamt neun Jahre übte sie ihn aus; zunächst betreute sie die Kinder der pommerschen Adelsfamilie Lyngen von Werbelow und ging dann im Jahr 1867 nach England, wo sie die vier Töchter eines englischen Geistlichen unterrichtete.

Mit 28 Jahren entschloß sich Franziska Tiburtius, den Lehrerberuf zugunsten der Medizin aufzugeben. Sie empfand diesen Schritt als „Sprung ins absolut Dunkle", denn es war ein Vordringen in die Wissenschaften und die professionalisierte Medizin, beides Berei­che, die Frauen bislang verschlossen waren. So ließen die Univer­sitäten in Deutschland bis in das Jahr 1900 Frauen nicht zum Stu­dium zu. Daher ging Franziska Tiburtius im Jahr 1871 an die Uni­versität Zürich, die seit den 60er Jahren auch Frauen immatriku­lierte. Um sich die Rückkehr in den Lehrerberuf offenzuhalten, hielt sie ihr Studienvorhaben zunächst geheim, denn „welche Eltern hätten wohl einem emanzipierten Frauenzimmer, das im Präpariersaal und in medizinischen Vorlesungen gewesen, ihre Töchter anvertraut?" Das Studium absolvierte sie innerhalb von fünf Jahren mit Bravour; von männlichen Kommilitonen und Pro­fessoren, die es nach ihrer Aussage „vortrefflich verstanden, Frau­en durch die Art ihres Vortrages hinauszugraulen", ließ sie sich nicht abschrecken und bestand 1876 ihr Doktorexamen mit der Note „sehr gut". Ein halbes Jahr verbrachte sie als Assistenzärztin an der Königlichen Entbindungsanstalt in Dresden, bevor sie Ende des Jahres 1876 nach Berlin ging, um dort eine eigene Praxis zu eröffnen.

Doch ihre Niederlassung stieß auf großen Widerstand der preußi­schen Behörden und ihrer Ärztekollegen: die Approbation wurde ihr nicht erteilt, der Schweizer Abschluß nicht anerkannt; zum Staatsexamen wurde sie erst gar nicht zugelassen. Man denunzierte sie gar wegen angeblich unbefugter Führung des Doktortitels, und Presse und Öffentlichkeit standen ihr mit Skepsis gegenüber. „Wir hatten erst Beweise zu liefern, bevor man uns traute", so kommen­tierte Franziska Tiburtius in ihren Memoiren das Mißtrauen, mit dem sich die ersten Ärztinnen konfrontiert sahen. Sie reagierte ge­lassen: „Da hieß es ruhig bleiben, das Gesicht wahren, unentwegt seines Weges gehen, (…) und die beruflichen Pflichten so heilig und ernst nehmen, wie der hochgespannteste ethische Imperativ sie nur irgend verlangen konnte." Aufgrund der Gewerbefreiheit konn­te sie auch ohne Approbation praktizieren. Allmählich überzeugte sie durch ihre fachliche Kompetenz und zählte mit der Zeit einen im­mer größer werdenden Kreis von Frauen aller Gesellschaftsschich­ten zu ihren Patientinnen. Zusätzliche Anerkennung und Beliebtheit gewann sie durch die Einrichtung einer Poliklinik für Frauen in einem Arbeiterviertel Berlins, die sie mit großem sozialen Engage­ment gemeinsam mit der Studienkollegin und Freundin Emilie Lehmus betrieb. Durch sehr niedrige Honorare ermöglichten die beiden Ärztinnen auch Arbeiterinnen eine ärztliche Behandlung. Der Poliklinik wurde später eine kleine Pflegeanstalt im Dachgeschoß des Wohnhauses von Franziska Tiburtius angeschlossen, aus der sich die „Klinik der weiblichen Ärzte" entwickelte. Diese wurde zum Zentrum der ersten Generation von Ärztinnen in Berlin. Franziska Tiburtius gab im Jahr 1907 nach über 30 Jahren Berufs­tätigkeit ihre gut besuchte Praxis auf. Die nun 64jährige unter­nahm zahlreiche Reisen in alle Welt. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie in mehreren Aufsätzen über naturwissenschaftliche, juristische, politische, religiöse und pädagogische Themen. Während des Er­sten Weltkrieges war sie noch einmal als Ärztin tätig und widmete sich der Kranken- und Wohlfahrtspflege. In ihren Erinnerungen schreibt sie: „Mein Leben ist köstlich gewesen, denn es ist Mühe und Arbeit gewesen.“ Sie starb im Alter von 84 Jahren. Franziska Tiburtius verschaffte sich in Deutschland als eine der er­sten Frauen Zugang zum Beruf der Ärztin. Sie engagierte sich für die vollwertige und universitäre Ausbildung von Ärztinnen und ge­meinsam mit Helene Lange für die Verbesserung der Bildungsmög­lichkeiten von Frauen. Durch ihre Pionierarbeit und ihr Beispiel forcierte sie die Öffnung des ärztlichen Berufs für Frauen und wur­de wegweisend für spätere Generationen von Ärztinnen.

Lit.: Bluhm, Agnes: Franziska Tiburtius, in: Jahrbuch der Frauenbewegung 1914, S. 170-174. – Gerhard, Ute: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewe­gung. Frankfurt 1990, S. 160-162. – Hildebrandt, Irma. Zwischen Suppenküche und Salon. 18 Berlinerinnen, Köln 1987, S. 55-60. – Lange, Helene: Dr. Franziska Tiburtius f. Ein Gedenkwort, in: Die Frau 34 (1926/27), S. 528 f. – Lange-Mehnert, Christa: „Ein Sprung ins absolute Dunker. Zum Selbstverständnis der ersten Ärztin­nen: Marie Heim-Vögtlin und Franziska Tiburtius, in: Frauenkörper – Medizin -Sexualität, hg. v. Johanna Geyer-Kordesch, Annette Kühn, Düsseldorf 1986, S. 286-310. – Dies.: Marie Heim-Vögtlin und Franziska Tiburtius: Erste Ärztinnen im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Medizin. Motive, Hintergründe und Folgen ihrer Berufswahl [med. Diss.], Münster 1989. – Lück, Conradine: Frauen. 9 Lebens­schicksale, Reutlingen 1961, S. 155-185. – Schönfeld, Walther: Frauen in der abendländischen Heilkunde vom klassischen Altertum bis zum Ausgang des 19. Jahr­hunderts, Stuttgart 1947. – Tiburtius, Franziska/Zacke, Paul: Bildung der Ärztin­nen in eigenen Anstalten oder auf der Universität? Verhandlungen der 7. Kommission u. d. Frauengruppe d. freien kirchlich-sozialen Konferenz gelegentlich ihrer 5. Haupt­versammlung zu Erfurt am 18. – 20.4.1900, Berlin 1900, S. 3 -17. – Tiburtius, Fran­ziska: Erinnerungen einer Achtzigjährigen, Berlin 1929 (3. Aufl.). – Dies.: Aufsätze in der Zeitschrift „Die Frau« 2 (1894/95), S. 194-202; 4 (1896/97), S. 405 bis 413; 6 (1898/99), S. 10-14; 9 (1901/2), S. 366-369; 10 (1902/3), S. 270-278; 13 (1905/6), S. 478-484; 14 (1906/7), S. 592-605; 15 (1907/8), S. 545-553, 595-599; 17 (1909/ 10), S. 213-224.

Bild: Jahrbuch der Frauenbewegung 1914

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