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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Tralles, Balthasar Ludwig

Arzt

* 1707, 01.03.
Breslau

† 1797, 07.02.
Breslau

Balthasar Ludwig Tralles war Sohn des Breslauer Kaufmanns Johann Christian Tralles. Sein Großvater Christian Tralles, Doktor der Medizin, war Stadt-Physikus zu Breslau sowie Leibarzt des Kurfürsten von Sachsen, Friedrich Augusts I. aus dem Haus Wettin, der auch polnischer König war. Großvater Tralles starb 1698 in Warschau.

Balthasar Ludwig Tralles begann im 19. Lebensjahr ein medizinisches Studium an der Universität in Leipzig. Gleichzeitig befaßte er sich mit Physik, Mathematik und Philosophie. Gegen das Ende seines Studiums ging er nach Halle, wo er zum Doktor der Medizin und Chirurgie promoviert wurde. Ein weiteres Studium im Ausland, konnte er sich aus finanziellen Gründen nicht leisten; er kehrte deshalb nach Breslau zurück. Wegen großer Konkurrenz war er eine Zeitlang ohne Arbeit. 1734 diente er in Dresden als ärztlicher Begleiter des schwer kranken Feldmarschalls Graf Wackerbart. Danach bot man ihm die Stelle des Leibarztes am königlich sächsischen Hofe an. Aus religiösen Gründen jedoch (Tralles war im Unterschied zum Dresdner Hof evangelisch) nahm er diesen einträglichen Posten nicht an. Tralles’ Verhalten wurde am Königshof und im Kreise der Ärzte weit und breit kommentiert. Die ganze Angelegenheit hatte jedoch für Tralles einen günstigen Ausgang. Sie lenkte die Aufmerksamkeit der Ärzteschaft auf ihn und brachte ihm Anerkennung und Popularität ein.

Tralles war ein vorzüglicher Beobachter und verstand sich das Vertrauen der Patienten und die Achtung seiner Kollegen zu gewinnen und zu erhalten. Er war ein begabter, gewissenhafter und tüchtiger Arzt. Seine wissenschaftlichen Arbeiten: Über die Cholera,Über Opium,Über Pocken erregten das Interesse des schweizerischen Anatomen, Psychologen, Botanikers und Poeten Albrecht von Haller (1708-1777), der in den Jahren 1736 bis 1753 Professor der Anatomie, Medizin und Botanik an der Universität in Göttingen war, und trugen ihm seine Sympathie ein. Diesem, der Verfasser einer großen Anzahl vielbändiger Werke in den erwähnten Forschungsgebieten, einer umfangreichen Bibliographie der medizinischen Klassiker und etwa 12.000 wissenschaftlicher Rezensionen war, hatte Tralles seine Empfehlung und den Vorschlag zu einer Professur an der Universität zu Göttingen zu verdanken. Mit einem Gedicht über das Schlesische Sudetengebirge, das er Haller widmete, bedankte sich Tralles für die Unterstützung.

Tralles erreichte sehr schnell die höchsten Stufen der wissenschaftlichen Laufbahn. In kurzer Zeit wurde er Assessor des Breslauer Medizinal-Kollegiums und Mitglied der Akademien zu Wien und München.

Im Jahre 1752 hatte Tralles, angeregt durch einen Besuch bei seinem schwer an Cholera erkrankten Freund Pastor Volkmer in Petersdorf im Sudetengebirge, sein medizinisches Werk Über die Cholera veröffentlicht. 1762 bekam Tralles von Stanislaus Leszczynski, König von Polen, der mit Lothringen abgefunden worden war und in Lunéville residierte, das Angebot, bei ihm die Stelle eines Leibarztes anzutreten. Er lehnte es jedoch ab. 1767 entschied er sich für die ehrenvolle Stellung eines Leibarztes am Hofe von Sachsen-Gotha.

Tralles betreute auch den an einer schweren Lungenentzündung leidenden Bruder des preußischen Königs Friedrich II., Prinz Ferdinand. Als bei dem Kranken nach mehreren Tagen keine Besserung eintrat, verordnete Tralles zum vierten Mal einen Aderlaß. Das rief seitens der übrigen Ärzte heftige Opposition hervor. Unterstützt durch die Autorität eines Kollegen, setzte er seine Entscheidung durch. Dank dieser Therapie erzielte man beim Prinzen Ferdinand in kurzer Zeit eine Besserung seines Gesundheitszustandes.

Während eines Aufenthaltes bei der Gräfin Schaffgotsch in Neuhof/Böhmen, kam es zu einer Begegnung Tralles mit den Vertretern und Gründern der älteren klinischen Schule zu Wien, den bekannten Ärzten Gerhard van Swieten (1700-1772) und Anton de Haen (1704-1776). In Neuhof ist Tralles auch mit der Kaiserin Maria Theresia zusammengetroffen und konnte mit ihr sprechen, denn sie nahm an medizinischen Disputationen Anteil. Sie bewertete seinen Professionalismus hoch. Ähnliche Gespräche hatte Tralles früher mit dem Preußenkönig Friedrich II. geführt, fernerhin auch mit der geistreichen Herzogin von Sachsen-Gotha, Luise Dorothea.

Außer dem medizinischen Beruf ging Tralles auch der Philosophie, Dichtung und Theologie nach. In seiner Abhandlung über das Dasein und die Immaterialität der menschlichen Seele (herausgegeben 1778 in Breslau; in Latein schon 1776) kam Tralles zu Feststellungen, die den späteren Auffassungen eines der bedeutendsten Vertreter der deutschen klassischen Philosophie, Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), ähnlich sind.

Tralles war sein ganzes Leben lang unermüdlich und höchst aktiv in der Verfolgung seiner medizinischen und wissenschaftlichen Ziele. Im Alter von 80 Jahren gab er seine Tätigkeit zum Teil auf und ließ sich nur noch konsultieren. Mit 90 Jahren starb der berühmte Breslauer.

Lit.: G.B. Preuss: Physici Vratislavienses. Memoria Jaenisiana quam Miscellaneis Medico-Literariis renovatum Academiae Caesareae Leipoldino-Carolinae Curiosorum Collegio Vratislawiensi, [w:] Academiae Cesareo Leopoldinae Carolinae Naturae Curiosorum, Ephemerides sive observationum Medico-Physicarum a Celeberrimis Viris, tum Medicis, tum allis eruditis in Germania cum extra cam communicatorum, Norimbergae 1715, S. 16, 22. – A.W.E. Th. Henschel: Jatrologiae Silesiae specimen primum exhibens brevissimam medicorum Silessiorum saeculi XIII. ad XVI. notitiam cui catalogus medicorum Silesiae recentiorum eorumque celebriorum adiectus est prodromus, Vratislaviae 1847 (Appendix, Catalogus Medicorum Silesiorum Recentiorum Eorumque Celebriorum Prodromus, Sec. XVII-XVIII). – Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur. Philosophisch-historische Abtheilung, H. I, 1868. – J. Graetzer: Lebensbilder hervorragender schlesischer Ärzte aus den letzten vier Jahrhunderten, Breslau 1889, S. 82-85, 170, 213. – B. Seyda: Dzieje medycyny w zarysie [Geschichte der Medizin im Überblick], Warschau 1973, S. 187. – W. Eckart: Geschichte der Medizin, Berlin-Heidelberg 1990, S. 171, 177, 192-193.

Włodzimierz Kaczorowski

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