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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ulfig, Willi

Maler, Graphiker

* 1910, 26.10.
Breslau

† 1983, 05.02.
Regensburg

Willi Ulfig gehört zu der Gruppe junger Künstler der Zwischen- und Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts, die man als die „Verschollene Generation“ bezeichnet und die in zunehmendem Maß in Ausstellungen eine verdiente Aufmerksamkeit erregt. Auf Grund des 100. Geburtstags Ulfigs werden allein in seiner zweiten Heimatstadt mehrere Ausstellungen zu sehen sein. Als junger Künstler ausgebildet durch Vertreter der Moderne stieß er auf eine politisch und ideologisch geprägte Umwelt, die die Moderne ablehnte und diffamierte. Der Zweite Weltkrieg zerstörte nicht nur seine beginnende Karriere sondern auch weitestgehend sein Frühwerk. Nach dem Krieg sah er sich wie seine Kollegen zum Neuanfang gezwungen.

Als Ulfig am 26. Oktober 1910 in der Wassergasse 3 in Breslau geboren wird, ahnten Max Ulfig und seine Frau Klara nicht, welch bewegte Zukunft das Leben ihres zweiten Sohnes haben werde. Alle fünf Kinder, drei Söhne und zwei Schwestern schlugen später den Weg der schönen Künste ein. Während die Geschwister sich dem Gesang und der Musik widmeten, beschritt Ulfig das Reich der darstellenden Kunst.

Schon früh beeindruckten den kleinen Willi Farben, und so blieb das Farbspiel des nächtlichen Brands der Werdermühle in der Nähe der Wohnung. „Kaskaden von brennenden Getreidekörnern, die Spiegelung im Wasser der Oder … ein heut noch nicht vergessener Anblick.“ Zunächst erregte das Interesse des Jungen für Farben und Zeichnen noch nicht die Aufmerksamkeit der Eltern, auch wenn der ältere Bruder über seine ausgedrückten Farbtuben nicht erfreut war und dem jüngeren seine Einschätzung handgreiflich zu verstehen gab, wie sich Ulfig später erinnerte.

In der Schule fiel das Talent des Jungen auf. Sein Lehrer befand, „der Junge muss Maler werden“, und ermutigte den Schüler. In der Freizeit wurden die Dominsel Breslaus mit dem Klösseltor, dem Dom und ihren Kirchen seine ersten Motive. Die Umgebung Breslaus wird in Wasserfarben festgehalten. Der Lehrer überzeugt schließlich auch den Vater.

Somit sollte nach Ende der Schulzeit der Junge Maler werden. Der Vater bestand allerdings auf einer fundierten handwerklichen Ausbildung seines Sohnes zum Maler. Ein solider Beruf sollte die Zukunft absichern. Die Enttäuschung ist zunächst groß, doch die Entscheidung des Vaters sollte sich als weitschauend erweisen. Ulfig schließt die Ausbildung zum Malergesellen mit Auszeichnung ab. Er lernt so den Umgang mit Farben, Lacken und Pinseln von Grund auf, was ihm in späteren schwierigen Zeiten nicht nur hilft, seinen Lebensunterhalt zu sichern, sondern auch in seiner künstlerischen Entwicklung der von seinen Sammlern so geschätzten Leichtigkeit des Umgangs mit Farben und Materialien dienlich ist.

Die freie Zeit nutzt Ulfig auch während seiner handwerklichen Ausbildung und Tätigkeit mit Skizzen und Zeichnungen nach der Natur zur Weiterentwicklung. 1929 bis 1930 schreibt er sich zum Studium an der Kunstgewerbeschule in Breslau ein. Seine Lehrer sind Peter Ludwig Kowalski für Aktzeichnen und Zeichnen im Breslauer Zoo, für Bühnenbildnerei Hans Wil­dermann und ebenfalls für Zeichnen Holscher. In seinen Aufzeichnungen wird auch Hans Zimbal genannt. Das Ende dieser Ausbildung krönt ein kleines Stipendium.

Den Abschluss der Ausbildung bildet das Studium an der Kunstakademie Breslau von 1931 bis 1932. An ihr unterrichten Künstler wie Otto Mueller, Johannes Molzahn, Alexander Kanoldt, Oskar Schlemmer und Georg Muche. Sie vermitteln den Studenten die Entwicklungen in Frankreich und Deutschland seit der Jahrhundertwende. Ulfig wird diese in seinem Werk bis zum Ende immer wieder aufgreifen und neu verbinden.

Zum Johannisfest führen Ulfig und einige seiner Kommilitonen aus der Bühnenbildnerklasse ein Panorama des Riesengebirges aus. Nach Abschluss seines Studiums nutzt der junge Künstler das Geld des Stipendiums für eine Italienreise mit seinem Kommilitonen Georg Heinrich. Als unterwegs das Geld ausgeht, erweisen sich seine handwerklichen Kenntnisse als nützlich.

Bei der Rückkehr 1933 hat sich die politische Landschaft verändert. Die Kunstakademie ist seit 1932 durch eine preußische Notverordnung geschlossen. Seine akademischen Lehrer sind nun unerwünscht. Als Absolvent einer geschlossenen Akademie und ausgebildet für die Moderne versucht Ulfig als freischaffender Künstler seinen Weg zu gehen. Mit Georg Heinrich mietet er ein Atelier bei der Künstlerin Gertrud Staats. Die Mitgliedschaft im Schlesischen Künstlerbund öffnet ihm den Weg zu Ausstellungen, wie der gemeinsam mit sieben weiteren jungen schlesischen Künstlern gezeigten in Berlin. Bald ergeben sich auch erste Verkäufe. Noch muss die Tätigkeit als Büh­nenbildner für ein Varieté, Arbeiten für den UFA-Palast und als Graphiker mithelfen, den Lebensunterhalt zu bestreiten, zumal er 1937 Maria Hopp, die Schwägerin seines Freundes Georg Heinrich, ehelicht.

1941 wird er zum Militärdienst eingezogen. Mit seinen Fertigkeiten wird er Kartenzeichner und „Freizeit-Maler“ für einen General und andere Offiziere. Anhand seiner Arbeiten, vorwiegend kleinen Pastellen, Zeichnungen und Aquarellen, lassen sich für die Jahre 1941 bis 1943 Aufenthalte in Straßburg, an der französischen Atlantikküste, Paris und Fontainebleau erschließen.

Im November 1942 wird Tochter Susanne geboren. Mutter und Tochter verbringen die letzte Kriegszeit bei der älteren Schwester in Fuchsberg im Böhmerwald. Am Kriegsende befindet sich Ulfig am Spitzingsee in den Alpen. Zu Fuß versucht er sich zu seiner Familie in der entstehenden Tschechoslowakei durchzuschlagen und gerät im noch von den Amerikanern besetzten Bereich in Gefangenschaft, aus der er sich nach wenigen Tagen „frei malt“. Mit August Heinrich, dem Bruder des verschollenen Malerfreundes Georg Heinrich, gelangt er gegen Ende 1945 nach Regensburg, das ihn an Breslau erinnert. Seine Frau Mia und Tochter Susanne kommen ebenfalls nach Regensburg. Die Familie ist endlich wieder vereint. Durch den Krieg sind aus der Breslauer Zeit, von seiner Italienreise und aus den Kriegsjahren nur wenige Werke erhalten. In Breslau deponierte Arbeiten gehen fast alle verloren.

Für Ulfig beginnen nun der Kampf ums Überleben und der Neubeginn seiner künstlerischen Karriere. Die Familie teilt sich ein Zimmer. Walter Boll, der Leiter des Städtischen Museums hatte dem gerade 34-Jährigen bereits 1945 ein Atelier mit Blick auf Altstadt und Dom besorgt. Sein Freund August besorgt auf dem Schwarzmarkt Farben und Papier und kümmert sich um den Verkauf der nun in Regensburg entstandenen Werke. Doch es ist das erlernte Handwerk, das in den ersten Jahren mit das tägliche Brot sichert: Kinoplakate und Gebrauchsgraphik. Portraitmalerei für amerikanische Offiziere und ihre Familien ergänzt das Einkommen. 1946 wird Sohn Thomas geboren und im Lichtspielhaus „Capitol“ findet seine erste Ausstellung der Nachkriegsjahre statt.

Ab 1946 erweitert die „Donauwaldgruppe“, deren Gründungsmitglied er ist, seine Ausstellungsmöglichkeiten. Ihre Ausstellungen im In- und Ausland beschickt er regelmäßig bis 1983. Die Jahre des Neuanfangs sind schwierig. Die während des Dritten Reichs als entartet diffamierte Moderne der jungen, zuvor noch nicht etablierten Maler kämpfte mit der nun politisch im Ost-Westkonflikt geförderten Abstraktion. „Da gab’s eine Zeit, da war ich für die einen Galerien zu modern und für die anderen nicht modern genug“ sagt er einmal im Rückblick. Doch es geht vorwärts. Ab 1947 gibt es regelmäßige Ausstellungenin der Galerie Reitmeier, die Anfang der 1950er Jahre August Heinrich übernimmt. Annemarie Reitmeier, die Schwes­ter des Galeristen, wird 1950 seine zweite Frau. Die Töchter Christine und Barbara werden 1950 und 1954 geboren.

Trotz des seit Mitte der 1950er Jahre zunehmenden Erfolgs schreibt er 1956 in einem an Egon Wörlen, den Förderer der Donauwaldgruppe, gerichteten Brief, seine Arbeit teile sich in die notwendige Tätigkeit des Gelderwerbs und dann in das „Hobby Malerei“. Dies ist wohl Ausdruck seiner Bescheidenheit, denn der künstlerische Erfolg führt auch zu öffentlichen Aufträgen: Wandmalerei und Entwürfe für Glasmalerei. Allein rund hundert Schulen schmückt er aus. Reisen in Europa schlagen sich vor der Umsetzung im Werk in seinen Skizzenbücher bzw. -heften nieder. Seine Pastell- und Aquarellfertigkeiten finden hier ihre Fortsetzung und auch Liebhaber.

Der Erfolg erlaubt den Umzug ins eigene Haus und Atelier mit Blick auf die Regensburger Altstadt. Auf Einzelausstellungen im In- und Ausland sind nun seine Werke zu sehen. Die Mitgliedschaft in der Donauwaldgruppe, der Münchner Künstlergenossenschaft, des Kunst- und Gewerbevereins Regensburg, des Berufsverbandes bildender Künstler Niederbayerns und der Oberpfalz und auch der Esslinger Künstlergilde zeigt seine Einbindung in die Künstlergemeinschaft. Preise wie 1965 der Kulturpreis Ostbayern, 1971 das Silberne Lamm der Stadt Brixen, 1974 der Kulturpreis der Stadt Regensburg belegen die Anerkennung seines Werks.

1969 zieht er mit seiner künftigen dritten Frau Änn ins nördlich von Regensburg gelegene Stefling. Schon seit Langem kann er sich ausschließlich seiner Kunst widmen. 1973 illustrieren seine Zeichnungen Ernst R. Hauschkas Türme einer schweigsamen Stadt. Ununterbrochen arbeitet er weiter. Am 5. Februar 1983 stirbt er in Regensburg.

Im frühen Werk ist Ulfig durchaus der Gegenständlichkeit wie dem Impressionismus verhaftet, wird aber expressiv und in der Nachkriegszeit, wie er es selbst zum Ausdruck brachte, nicht abstrakt genug, um nun als „modern“ in der damaligen politisch geprägten Kunstszene zu gelten. Sein Stil wird generell als expressiv bis hin zum abstrakten Expressionismus eingestuft. Auch deshalb verwendet er in den 1960er Jahren gerne Lackfarben, um mit ihrer Leuchtkraft Stimmungen und Gefühle besser wiederzugeben. Die Zuordnung zu einer bestimmten Richtung verbietet schon allein angesichts der Fülle von Werken mit Stil- und Technikelementen, die ihm seit seiner Ausbildung geläufig waren. Im Werk verbinden sie sich zu einer Synthese in einem Spannungsfeld zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, die jedoch immer auch einen Bezug zu ersterer aufweist. Farbwerte gewinnen immer mehr an Bedeutung. Das Aquarell ist eine seiner liebsten Ausdrucksmöglichkeiten seiner „poetischen Malerei des Lichts“ (L. Weber), die in viele Privatsammlungen und Museen Eingang findet.

Lit. (Auswahl): Bruckmann (Hrsg), Lexikon der Gegenwartskünstler, München 1965. – Hofer, Kurt: Willi Ulfig oder Zauber der Farbe; in Regensburger Almanach1981, Regensburg 1980. – Günther Ott, Willi Ulfig, in: Vierteljahreszeitschrift Schlesien IV/ 1979, Nürnberg. – Werner Timm (Hrsg), Otto Baumann, Willi Ulfig, Kurt von Unruh, Regensburg 1995. – Willi Ulfig, Aquarelle 1970-1980. Ausstellung anlässlich des 70. Geburtstags 17.01.-01.03.1981. Hrsg. Städtische Galerie Regensburg 1980 (zahlreiche Literaturhinweise). – Willi Ulfig, Gemälde – Aquarelle – Graphik 1945-1974. Ausstellung anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der Stadt Regensburg 1974. 13.11.-09.12.1974. Regensburg 1974 (Hinweise auf Wandbilder Mosaiken Sgraffiti Glasfenster) . – v. Websky, Jüngere Schlesier – Maler und Graphiker; in: Vierteljahresbericht Schlesien, Nürnberg 1960/2. – Willi Ulfig. Materialien Bilder Dokumente. Gestaltung und Realisation des Katalogs Anton Ebner. Viechtach 1994.

Bild: Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Familie.

Hans-Georg Matthes

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