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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ulitzka, Carl

Theologe, Politiker

* 1873, 24.09.
Jernau, Kr. Leobschütz

† 1953, 12.10.
Berlin

Heute ist die Gleichzeitigkeit von kirchlichem Amt und politischer Tätigkeit nur noch historisch nachvollziehbar, denn diese Identität, daß jemand ein geistliches Amt ausübt und zugleich in der Politik eine gewichtige Rolle spielt, gibt es in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr. Übrigens waren es die Nationalsozialisten, die eine derartige Gleichzeitigkeit mit einem Verbot belegten. Zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland gab es dann noch einmal Repräsentanten in der Politik, die beides, kirchliches Amt und politische Funktion miteinander verbunden haben. Einer, der es in großartiger und zugleich bewundernswerter Weise verstand, sowohl Stadtpfarrer als auch politischer Mandatsträger zu sein, war Carl Ulitzka. Er wirkte als Stadtpfarrer von Ratibor-Altendorf in Oberschlesien und zugleich als Vorsitzender der Katholischen Volkspartei, wie sich das Zentrum in Oberschlesien zunächst nannte, als Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und des Reichstages von 1919 bis 1933 sowie während des Abstimmungskampfes in seiner oberschlesischen Heimat als Wortführer und streitbarer Anwalt für die bleibende Zugehörigkeit Oberschlesiens zum Deutschen Reich.

Obwohl die Geschichte Oberschlesiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und in deren Folge ohne die Würdigung des Wirkens von Carl Ulitzka nicht denkbar ist, wird er nur in einem der jüngst erschienenen drei Bücher über die Geschichte Schlesiens (1994, 1995, 1996) genannt, während Carl Ulitzkas polnischer Gegner und Widersacher, Wojciech (Adalbert) Korfanty in allen drei Veröffentlichungen gewürdigt wird. Offensichtlich besteht eine gewisse Scheu, die Bedeutung und Leistung eines Mannes vorzustellen, der ebenso leidenschaftlich wie überzeugend für die deutsche Sache in Oberschlesien gestritten hat.

Gewiß, Carl Ulitzka ist ein Mann gewesen, der sich zwar mancher Siege und Erfolge rühmen durfte, dann aber gleich auch wieder Niederlagen eingestehen mußte. Die Abstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 war ein Sieg für Deutschland, war nicht zuletzt sein Sieg, aber trotzdem wurde Oberschlesien entgegen dem Abstimmungsergebnis mit 59,7 Prozent der Stimmen für Deutschland und 40,3 Prozent der Stimmen für Polen gewaltsam geteilt. 1945 wurde mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Nationalsozialismus als Diktatur überwunden, aber der von den Nationalsozialisten Verfolgte und aus seiner heimatlichen Pfarrei Verbannte durfte als nunmehr freier Bürger nicht mehr dort wieder beginnen, wo er am 11. Juli 1939 aufgrund eines Ausweisungsdekrets hatte aufhören müssen, denn jetzt war Ratibor-Altendorf fest in polnischer Hand.

In dem Dorf Jernau, aus dem Carl Ulitzka stammte, wurde nur Deutsch und nicht wie in anderen Teilen Oberschlesiens das sogenannte Wasserpolnisch, dieser deutsch-polnische Mischdialekt gesprochen. Nach seinem Abitur am Ratiborer humanistischen Gymnasium 1893 mußte der Student der katholischen Theologie (in Graz und Breslau) diesen oberschlesischen Dialekt erst lernen, und er beherrschte ihn so ausgezeichnet, daß er auch im Wasserpolnischen predigte, wie dies seine Altendorfer Pfarrgemeinde von ihm erwartete. Die Tatsache, daß er sich von den Nationalsozialisten nicht dazu zwingen ließ, dies aufzugeben, war Anlaß seiner Verbannung 1939, die dann auch gleich für ganz Schlesien ausgesprochen wurde. Die Nationalsozialisten befehdeten ihn als „Polenfreund“ und waren auch nicht vor einer gewaltsamen Verfolgung schon während des letzten Wahlkampfes im März 1933 zurückgescheut. Im Ausweisungsbefehl heißt es: „Ihre Tätigkeit ist geneigt, Reichsinteressen zu beeinträchtigen“.

Carl Ulitzka war stets stolz darauf, Pfarrer seiner Gemeinde in Ratibor-Altendorf gewesen zu sein, von 1910 bis 1939 amtierend. Aber auch die sechs Jahre seines zwangsweise gebotenen Aufenthaltes in Berlin-Karlshorst, später in Berlin-Friedrichshagen bei den Marienschwestern des St. Antonius-Krankenhauses zählte er stets mit und verwies darauf, daß die in diesen Jahren vakante Stelle des Stadtpfarrers von Altendorf nicht mit einem Administrator, sondern mit einem Pfarrvikar besetzt worden ist. Unmittelbar nach der Priesterweihe durch Kardinal Georg Kopp 1893 war er in der Diaspora tätig gewesen, zuerst im oberschlesischen Kreuzburg, dann in Bernau unweit Berlin. Hier gehörte er nicht anders als der zwei Jahre nach ihm geweihte spätere Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg(1996 durch Papst Johannes Paul II. selig gesprochen) zu den Kirchenstiftern.

„Wenn er – Carl Ulitzka – bereits im Jahre 1903 – damals 30 Jahre alt – in einem Buche Leo XIII., der Lehrer der Welt 15 Rundschreiben dieses Papstes in deutscher Sprache herausgab, zeigte sich schon das große Interesse an der Gestaltung des öffentlichen Lebens im Geiste Christi nach den Weisungen der Kirche. An den Enzykliken Leos XIII. wollte Ulitzka zeigen:Rettung ist da nur möglich, wenn die Wahrheit, Vernünftigkeit und Heilsamkeit der kirchlichen Lehren und Grundsätze allen klar vor Augen gestellt werden kann’“. So liest man es in den Schlesischen Priesterbildern des Kirchenhistorikers Joseph Gottschalk. Nach 31 Jahren, 1934, als Carl Ulitzka nicht mehr Mitglied des Deutschen Reichstages und ausschließlich Pfarrherr, und dies ist wörtlich zu verstehen, war, hat er sich noch einmal mit den Rundschreiben von Leo XIII. beschäftigt und diese, angereichert durch Rundschreiben von Papst Pius XI., unter dem bewußt so gewählten Titel Lumen de Caelo (Das Licht aus dem Himmel) Gott zur Ehre und unserem Volke zum Heile, veröffentlicht. Der Widerstand, den Carl Ulitzka dem Nationalsozialismus entgegensetzte, war immer der eines Christen und der eines Demokraten zugleich. Als der Nationalsozialismus bereits im Anmarsch war, gründete er die „Kreuzschar“, eine dem „Reichsbanner“ vergleichbare kämpferische Gruppierung und Truppe des Zentrums.

Als Vorsitzender der Katholischen Volkspartei in Oberschlesien, einem Lande mit 90 Prozent Katholiken, stritt Carl Ulitzka zum einen für eine Verselbständigung Oberschlesiens, ursprünglich sogar für ein eigenes Reichsgebiet und damit für die Trennung von Preußen, zum anderen aber für die eindeutige Zugehörigkeit zu Deutschland. Wojciech Korfanty, ein ehemaliger Reichstagsabgeordneter, der dank der für ihn stimmenden polnischen Wähler von 1903 bis 1918 ein Mandat innegehabt hatte, gleichfalls 1873 geboren, war im Ringen um die Zukunft Oberschlesiens für den nunmehrigen Reichstagsabgeordneten des Zentrums, Carl Ulitzka, Herausforderer und Gegner. Korfanty hatte aus den auch polnisch sprechenden Oberschlesiern – und das war laut preußischer Statistik die Mehrheit in dem schließlich zum Abstimmungsgebiet erklärten Teil Oberschlesiens – eine ethnisch bewußte, von Preußen und dem Deutschen Reich sich unterdrückt fühlende polnische Nationaleinheit formen und in den neu erstandenen polnischen Staat einbringen wollen. Carl Ulitzka hingegen behauptete nicht ohne Grund, daß der Gebrauch des Polnischen nicht auf eine Volkszugehörigkeit zu Polen schließen lasse. Das Abstimmungsergebnis hat Carl Ulitzka Recht gegeben.

Dessen Persönlichkeit wurde zum besten Argument gegen die von Wojciech Korfanty demagogisch vorgetragene Thesen, in denen katholisch mit polnisch gleichgesetzt, die preußische Verwaltung als evangelisch und fremd gegeißelt und die weit verbreitete Armut der Bevölkerung als schuldhaftes deutsche Verhalten und darum als politische Münze ausgegeben wurde. Der Stadtpfarrer von Ratibor-Altendorf war der Repräsentant der katholischen Kirche, kein erst ins Land entsandter preußischer Beamter und auch keineswegs etwa als Grubenherr oder Großgrundbesitzer zu verdächtigen. Sein Kampf für die deutsche Sache, die allerdings durch die Parteinahme des französischen Oberkommandierenden der zum Schutz der Bevölkerung entsandten alliierten Besatzungstruppen für Polen schwer belastet war, wurde frei von nationalistischen Emotionen und antipolnischen Kampfparolen geführt, wohl aber aus der Gewißheit heraus, daß der polnische Anspruch im Widerspruch zur Geschichte des Landes und nicht im Sinne der Bevölkerung erhoben werde. Zwar gelang es Carl Ulitzka zu erreichen, daß Oberschlesien eine selbständige Provinz wurde, was am 3. September 1922 durch eine weitere Volksabstimmung bestätigt wurde, aber zuvor hatte Oberschlesien die bisher schwerste Stunde seiner Geschichte erlebt. Obwohl es Wojciech Korfanty nicht gelungen war, in einem, dem dritten polnischen Aufstand das Abstimmungsgebiet nach der Abstimmungsniederlage gewaltsam an sich zu reißen, wurde Oberschlesien im Oktober 1921 geteilt und die Teilung am 15. Mai 1922 rechtskräftig, indem jetzt der wirtschaftlich gewichtigere Teil als Ostoberschlesien Polen zugesprochen wurde.

Am 30. Mai 1922 erklärte Carl Ulitzka im Deutschen Reichstag: „Die Entscheidung über Oberschlesien ist juristisch ein Rechtsbruch, politisch eine Torheit und wirtschaftlich ein Verbrechen“. Der spätere Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU und Bundesminister Heinrich Krone, der acht Jahre lang sein Fraktionskollege im Zentrum der Weimarer Republik gewesen ist, hat später über Carl Ulitzka geurteilt: „Er war für uns der Mann, der aus dem Osten kam, der Mann, der den Osten für das Zentrum repräsentierte“. Wiederholt nahm er das Wort im Parlament, um für Oberschlesien zu plädieren und an die ungerechte, von ihm nie zustimmend akzeptierte Teilung des Landes mahnend zu erinnern. „Niemand zweifelt, daß im umgekehrten Falle, wenn sich eine Mehrheit für Polen entschieden hätte, ganz Oberschlesien zu Polen geschlagen worden wäre“.

Trotz einer vehementen deutschnationalen, noch nicht nationalsozialistischen Opposition gerade auch in Oberschlesien war Ulitzka zu keiner Zeit bereit, nationalistischen Ressentiments oder gar kriegerischen Parolen das Wort zu reden, aber er war fest entschlossen, in einen friedlichen Wettstreit um das bessere Oberschlesien mit der polnischen Gegenseite einzutreten. Im Deutschen Reichstag sagte er: „Wir Oberschlesier denken nicht an eine gewaltsame Änderung der Grenze, die Oberschlesien wieder vereinigen soll. Trotzdem halten wir an der Hoffnung fest, daß die Entwicklung der politischen Dinge eine Wiedervereinigung Oberschlesiens bringen wird und muß. Diese Entwicklung fördern wir am besten durch die gesteigerte Sorge um die wirtschaftliche und kulturelle Hebung des uns verbliebenen Oberschlesiens“.

An Ämtern und Ehrungen hat es Carl Ulitzka in der der Weimarer Republik noch verbliebenen Zeit nicht gefehlt. Er wurde 1926 päpstlicher Hausprälat, war Ehrendomherr zu Breslau, stellvertretender Landeshauptmann von Oberschlesien und Vorsitzender des Hauptausschusses des oberschlesischen Provinziallandtages. Er war ein großgewachsener, stets streng aufrecht gehender Herr, „eine imposante Erscheinung“, eine charismatische Persönlichkeit, in seiner Kirchengemeinde, die er auch während der Parlamentsarbeit nie vernachlässigt hat, ebenso zuhause wie in den politischen Kreisen und Gremien der Reichshauptstadt Berlin. In Hochachtung und Verehrung, aber auch mit ein wenig skeptischem Zweifel wurde er der „ungekrönte König Oberschlesiens“ genannt. Er hatte für Oberschlesien gekämpft, er hatte die Provinz Oberschlesien aus der Taufe gehoben, er regierte in Oberschlesien – denn wie auch immer die Geschicke Oberschlesiens zu bestimmen waren, an ihm führte kein Weg vorbei.

Um so bitterer war für ihn die Zeit nach dem Sturz der Republik. Politische Untätigkeit, Vertreibung aus der Heimat, am 28. Oktober 1944 Verhaftung als ehemaliger Reichstagsabgeordneter, Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau, am 29. März 1945 Entlassung, nach Kriegsende die Rückmeldung in der Pfarrei St. Nicolaus im August 1945, aber bereits nach acht Tagen wieder Aufbruch aus Ratibor-Altendorf nach Berlin, weil ihm Verfolgung und Rache durch polnische Nationalisten, die zugleich Kommunisten waren, drohte. Bei der Gründung der CDU im Oktober 1945 in Berlin war er mit dabei; aber als Bewohner von Ost-Berlin unter sowjetrussischer Herrschaft vermochte er nicht mehr, politisch gestaltend mitzuwirken. Dies mag auch daher rühren, daß er nur in der Heimat und, sobald er von ihr gewaltsam getrennt war, in der Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat politisch handeln konnte. Als ihm die Heimat endgültig versperrt war, erneut durch ein Gewaltregime, vermochte er nicht mehr, das politische Tageswerk zu leisten.

Wenige Tage nach seinem 80. Geburtstag, den er noch im Kreise seiner früheren politischen Weggefährten in Berlin-Friedrichshagen hatte feiern können, ist Carl Ulitzka gestorben und in Berlin-Karlshorst beigesetzt worden. Als ich im Jahre 1986 als seinerzeitiger Bundestagsabgeordneter sein Grab in Berlin-Karlshorst besuchte, wurde ich, wie jetzt aus den Akten zu ersehen ist, vom DDR-Staatssicherheitsdienst observiert. Offenbar wurde es von der roten Diktatur auf deutschem Boden als staatsgefährdend empfunden, daß ein glaubensstarker Mann der katholischen Kirche, ein überzeugter Demokrat, ein deutscher Patriot und ein heimattreuer Oberschlesier geehrt werden sollte. Wer über die Geschichte Schlesiens schreibt und berichtet, wird über diesen Prälaten und Politiker Carl Ulitzka schreiben und berichten müssen.

Werke: Leo XIII., Der Lehrer der Welt. Bernau 1903. Erweiterte Ausgabe unter dem Titel: Lumen de Caelo. Ratibor 1934. – Oberschlesische und ostdeutsche Fragen, in: Politisches Jahrbuch 1925, hrsg. von G. Schreiber. M.-Gladbach 1925, S. 88 ff. – Ostfragen, in: Politisches Jahrbuch 1926. M.-Gladbach 1926, S. 108 ff. – Ostfragen, in: Politisches Jahrbuch 1927/28. M.-Gladbach 1928, S. 177 ff. – Die Verselbständigung Oberschlesiens und die Zentrumspartei, in: Zehn Jahre Provinz Oberschlesien. Ratibor 1929, S. 3 ff. – Der deutsche Osten und die Zentrumspartei, in: Nationale Arbeit. Das Zentrum und sein Wirken in der deutschen Republik, hrsg. von K.A. Schulte. Berlin (1930), S. 141 ff. – Die Muttergotteskirche in Ratibor, in: Heilige Heimat, hrsg. J. Kaps. Stuttgart 1949, S. 109 ff. – Erinnerungen, in: Archiv für Schlesische Kirchengeschichte 12 (1954), S. 267 ff.

Lit.: H. Hupka: Carl Ulitzka, in: Große Deutsche aus Schlesien. München 1969, 21978, S. 243 ff. – G. Webersinn: Prälat Carl Ulitzka; in: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 15 (1970), S. 146 ff. (mit Literaturangaben). – J. Gottschalk: Carl Ulitzka, in: Schlesische Lebensbilder, Bd. 5. Aalen 1967, S. 100 ff. – H.-L. Abmeier: Prälat Carl Ulitzka, in: Schlesien 19 (1974) S. 21 ff. – Herbert Hupka: Zeitgeschichte in Lebensbildern. Bd. 4: Carl Ulitzka S. 172 ff. Mainz 1980. – H.-L. Abmeier: Carl Ulitzka, in Schlesische Lebensbilder Bd. 6, S. 197 ff. Sigmaringen 1990. – Joachim Köhler: Verdirbt die Politik den Charakter? Bausteine zur Biographie des Priesters und Politikers Carl Ulitzka, in: Archiv für schlesische Kirchengeschichte Bd. 49 S. 131 ff. Sigmaringen 1991.

Nachlaß: Nicht bekannt. Seelsorgliche Unterlagen Ulitzkas befinden sich in der Benediktinerabtei Wimpffen/Neckar.

 

  Herbert Hupka

 

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