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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Utta, August

Lehrer, Volkstumsführer, Politiker

* 1887, 05.06.
Augustynow, Kr. Wielun, Bez. Lodz/Russisch Polen

† 1940, 28.12.
Groß-Okup bei Lask/Wartheland

Bekanntlich handelte es sich bei der 1918/1919 wiedererstandenen Republik Polen in bevölkerungsmäßiger Hinsicht keineswegs um einen rein polnischen Staat. Vielmehr machten dort die nationalen Minderheiten – Ukrainer, Juden, Weißruthenen, Deutsche u.a. – zusammen etwa 40% der Bevölkerung aus. Diesen Volksgruppen war im Versailler Minderheitenschutzvertrag vom 28.6.1919 die Wahrung der völkischen Eigenart sowie die Gleichberechtigung aller polnischen Bürger international garantiert worden. So waren diese Minderheiten – also auch die deutsche, die 1919 etwa 2 Millionen, am 31. August 1939 nur noch etwa 1100000 Köpfe zählte – jeweils in den polnischen parlamentarischen Kammern – im Sejm und im Senat – vertreten. Derjenige Deutsche, der diesen Kammern bei weitem am längsten angehörte, nämlich 8 Jahre dem Sejm und danach 5 Jahre dem Senat, war August Utta. Er wurde am 5. Juni 1887 als Bauernsohn in Augustynow im Kreis Wielun – unweit von Lodz – im seinerzeitigen Russisch-Polen geboren. Nach Besuch des damals in Warschau befindlichen (später nach Lodz verlegten) Evangelischen Lehrerseminars war er einige Jahre in Mittelpolen-Land als Volksschullehrer und Kantor tätig. 1913 wurde er nach Lodz versetzt, aber während des 1. Weltkrieges mußte er seinen staatsbürgerlichen Pflichten als russischer Soldat nachkommen.

Erst 1918 konnte Utta in Lodz wieder seine Tätigkeit als Lehrer aufnehmen. Er wurde Schulleiter und bald danach Stadtverordneter. Schon 1922 wurde er als deutscher Vertreter des Wahlkreises Lodz-Land in den Sejm gewählt, dem er von 1922 bis 1928 und von 1928 bis 1930 angehörte. Im letzteren Parlament waren die deutschen Siedlungsgruppen in Posen-Pommerellen, in Mittelpolen, in Wolhynien, in Galizien sowie in Ostoberschlesien und im Teschener Schlesien insgesamt durch 21 Sejmabgeordnete und 5 Senatoren vertreten. Bei den Wahlen 1930 konnten die Deutschen in ganz Polen nur noch 5 Abgeordnete und 3 Senatoren durchbringen; einer von den letzteren war August Utta.

Im Laufe dieser Jahre hat der Genannte sich u. a. als Mitglied von Parlamentsausschüssen eifrig für die deutschen Belange, insbesondere für das deutsche Schulwesen, eingesetzt. Ihm verdankte das Deutschtum Polens u.a. die Annahme zweier wichtiger Schulgesetze, die die Lebensdauer gewisser deutscher Schulen verlängerte. Bei späteren Schwierigkeiten reichte Utta sogar beim Völkerbund in Genf Petitionen ein. Auch veranlaßte er zahlreiche Prozesse deutsch-evangelischer Kirchengemeinden gegen den polnischen Staat, um die Rückgabe beschlagnahmter deutscher Schulgebäude und deutschen Schullandes zu erreichen, was vielfach gelang. Im Sejm selbst und dann später im Senat war Utta ein unermüdlicher Wortführer der Deutschen in den Fragen des Volkstums. Seine gute Kenntnis des Polnischen ermöglichte es ihm, seine Sache in scharf geschliffenen Ausführungen zu vertreten. Als ausgezeichneter Polemiker verstand er es, seine Gegner in die Enge zu treiben. Seine klare Haltung und seine Zivilcourage verschafften ihm auch die Anerkennung tolerant eingestellter polnischer Politiker. Uttas Tätigkeit beschränkte sich aber keinesfalls auf die parlamentarische Ebene. Seine Hauptaufgabe sah er in der Aktivierung des deutschen Volkstums in Mittelpolen. Auf seine Initiative hin entstand am 1. Juni 1924 in Lodz der „Deutsche Volksverband in Polen“, der unter seiner Leitung in ganz Mittelpolen Ortsgruppen gründete. Auf diese Weise sollten die deutschbewußten Kräfte im Land zusammengefaßt und zum gemeinsamen Wirken veranlaßt werden. Diese Aktivität war besonders auf kirchenpolitischem Gebiet erforderlich, da die Leitung der Evangelisch-Augsburgischen Kirche Polens, derüber 90 % der Deutschen Mittelpolens angehörten, unter dem zwar deutschstämmigen, aber polnisch eingestellten Generalsuperintendenten Julius Bursche eine Polonisierung der deutschen Gemeinden betrieb. In den diesbezüglichen Synoden war Utta mit Erfolg Sprecher der den Absichten Bursches widerstrebenden deutschen Gemeinden.

Seit 1934/35 faßte auch in Mittelpolen die aus Bielitz kommende „Jungdeutsche Partei für Polen“ Fuß. Die dadurch ausgelöste Belebung der völkischen Arbeit führte dazu, daß sich auch jüngere Kräfte aus dem Lodzer Deutschtum dem „Volksverband“ für die Volkstumsarbeit zur Verfügung stellten. Da legte der gesundheitlich schon angeschlagene August Utta im Mai 1938 den Vorsitz im Volksverband nieder; sein Nachfolger wurde Ludwig Wolff. Utta lebte jetzt auf seinem Bauernhof in Groß-Okup bei Lask, wirkte aber immer noch publizistisch für das Deutschtum Mittelpolens. Seinem Herzleiden erlag er am 28. Dezember 1940.

Lit.: Dr. Fritz Wertheimer:„Von deutschen Parteien und Parteiführern im Ausland“, 2. Auflage, Berlin W 1930; Adolf Kargel im „Jahrbuch Weichsel-Warthe 1956“, S. 73-78 und in „Von unserer Art“, Herausgeber Fritz Weigelt, Wuppertal 1963, S. 143-148; Theodor Bierschenk: „Die deutsche Volksgruppe in Polen 1934-1939“, Kitzingen-Göttingen 1954.

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