Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wachner, Heinrich Joseph Friedrich

Geologe, Publizist

* 1877, 03.10.
Neumarkt, Mieresch/Siebenbürgen

† 1960, 16.03.
Wolkendorf, Kronstadt/Siebenbürgen

Viele bedeutende siebenbürgische Wissenschaftler und Forscher der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkten nicht an Universitäten oder Fachinstituten, sondern als Lehrer an deutschen Gymnasien. Dank dieser Umstände sind sie und ihre Werke heute weitgehend in Vergessenheit geraten und ihre Arbeiten einem relativ kleinen Kreis von Fachleuten bekannt. Zu diesen Persönlichkeiten wird auch Heinrich Wachner gezählt, dessen 130. Geburtstag 2007 durch ein ihm gewidmetes wissenschaftliches Symposium in Kronstadt (Braşov)/ Siebenbürgen begangen wurde.

Wachner wurde am 3. Oktober 1877 in Neumarkt am Mie­resch (rum. Târgu Mureş, ung. Marosvásárhely) in Siebenbürgen (damals zur K.u.K. – Monarchie gehörend) als zweites von fünf Kindern des Finanzbeamten Joseph Wachner (*1845) und seiner Ehefrau Anna Maria geb. Schuller (*1851), beide aus Sächsisch-Regen, geboren. Nach dem frühen Tode der Eltern wurden die Kinder von Verwandten aufgenommen; der 17-jährige Heinrich lebte nun bei seiner Tante (Schankebank Edle von Vledeny) in Bistritz (Nösen), dem kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt des Nösnerlandes und des Deutschtums Nordsiebenbürgens. Hier besuchte er das Deutsche Evangelische Knabengymnasium, um anschließend an den Universitäten Klausenburg, Marburg und Berlin Geographie, Geologie und Naturwissenschaften zu studieren. Hier hörte er die Vorlesungen der von ihm verehrten Professoren von Weltruf, wie den Geologen Friedrich Kayser (1845-1927) aus Königsberg, den Geographen, Geologen und Chinaforscher Ferdinand Freiherr von Richthofen (1833-1905) aus Carlsruhe/ Oberschlesien (siehe OGT 1983), u.a.m.

Nach Abschluss des Studiums in Deutschland (1900), kehrte Wachner in seine Siebenbürgische Heimat zurück, um hier als Gymnasiallehrer und Privatforscher tätig zu werden, so in Her­mannstadt (2 Jahre) und Bistritz 1902-1905; hier schrieb er eine geologische Arbeit über das Kelemen-Gebirge, sowie das damals bedeutende Schulbuch Schulgeographie (1. Teil – Europa) erschienen 1904 in Hermannstadt, dem noch weitere 11 Lehrbücher folgen sollten, die bis zur kommunistischen Schulreform 1948 an den deutschen Schulen Rumäniens verwendet wurden. In der Umgebung von Bistritz sammelte er auch Daten zu einer geplanten Geographie des Nösnerländischen Großraumes, sowie Material zu einer Flora Nordost-Siebenbürgens. In der Zeitspanne 1905 bis 1920 war er in Schässburg tätig, wo er die erste geologische Karte der Umgebung dieser alten deutschen Stadt, dem so genannten „Rothenburg ob der Tauber Rumäniens“ (siehe OGT 2001/02) erstellte, um anschließend in Kronstadt als Lehrer bis zu seiner Pensionierung 1946 zu wirken.

Die praktischen Terrainarbeiten bei Prof. Kayser und die geologischen Aufnahmen einst durchgeführt von Prof. von Richt­hofen u.a. in Ungarn und Siebenbürgen, sollten für den jungen Naturforscher den Grundstein seiner zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten in seiner Heimat bilden. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter (parallel mit der Lehrtätigkeit) des Geologischen Instituts Rumäniens in Bukarest, sollten seine Leistungen nicht nur von wissenschaftlicher, sondern auch von wirtschaftlicher Bedeutung sein. So war er Mitentdecker des Erdgasvorkommens bei Agnetheln, dank dessen Bukarest auch heute noch mit Erdgas versorgt wird. Ihm verdankt die heutige Wirtschaft Rumäniens die Entdeckung der Dazittuffe, die zur Entwicklung der Zementindustrie im Bereich des Perschangebirges, erst mög­lich machte. Diesbezüglich schrieb er einst: „Auch ich hätte viel mehr leisten können, wenn ich schon 1920 von der Honterusschule (Kronstadt) zum ‚Institutul Geologic‘ in Bukarest hinübergewechselt hätte, als sich mir dazu Gelegenheit bot“. Er blieb jedoch dem deutschen Schulwesen seiner Siebenbürgischen Heimat treu.

Anlässlich des Kongresses 1932 der Geographielehrer in Bukarest riefen die Univ.-Professoren G. Vâlsan (1885-1935, studierte in Berlin) und S. Mehedinţi (1869-1962, studierte ebenfalls in Deutschland) die Teilnehmer auf, Wanderführer und heimatkundliche Monographien zu erstellen. Begeistert machte sich H. Wachner an die Arbeit. Als Ergebnis seiner Bemühungen erschien schon 1934 sein Kronstädter Heimat- und Wanderbuch (322 Seiten, 166 Abbildungen), welches den ersten Preis erhielt und 1994 die zweite Auflage erfuhr. Zu seinen geographischen Beiträgen von internationaler Bedeutung gehören seine Texte über Rumänien im Großen Brockhaus (Leipzig 1926), seine Wirtschaftsgeographie von Rumänien (Wien 1926) und vor allem seine Monographie Rumäniens (1933) von der Berliner Akademie mit der Leibniz-Medaille und von der Rumänischen Akademie mit dem Gheorghe-Lazăr-Preis (Gh. Lazăr 1779-1823 aus Siebenbürgen studierte in Wien) ausgezeichnet wurde.

Wachner war auch ein hervorragender Pflanzenkenner; so mancher Botaniker könnte stolz sein, hätte er den einzigen Fundort des Moosglöckchens (Linnaea borealis L.) – und noch so mancher Art – als Neuigkeit für die Flora Rumäniens entdeckt.

Obwohl H. Wachner ein umfangreiches und vielseitiges Werk hinterlassen hat (das Verzeichnis der wichtigsten Arbeiten siehe bei Heltmann 1975), ist dieses heute kaum noch bekannt, aus folgenden Gründen: Viele seiner Arbeiten sind im Ausland erschienen und liegen in rumänischen Bibliotheken nicht vor. Wachner war kein Berufsgeograph und -Botaniker und ist folglich im universitären Milieu Rumäniens als Deutscher von vornherein zu wenig beachtet worden.

Als „Belohnung“ für sein unentgeltliches Forschen und Prospektieren für das Wohl der rumänischen Wirtschaft, wurde der 75-jährige Wachner 1952 samt Familie (im Rahmen einer Kette von Übergriffen des kommunistischen Terrorregiems gegen die Deutschen im Nachkriegsrumänien) aus seinem Haus in Kronstadt ausgewiesen und nach Rakosch zwangsevakuiert; aufgrund seines hohen Alters war er zumindest von der Zwangsarbeit im Steinbruch befreit. 1958 durfte er Rakosch verlassen und so übersiedelte er nach Wolkendorf, da Kron­stadt für Zwangsevakuierte gesperrt war. Hier starb Heinrich Wachner am 16. März 1960. In seinem Nachlass finden sich u.a. auch folgende Worte: „In unseren kleinen, ärmlichen Verhältnissen, wo die Wissenschaft sich nur von der unbezahlten Opferarbeit ihrer Jünger schlecht und recht über Wasser hält, dürfen auch schwach und bescheiden brennende Lichter nicht unter den Scheffel gestellt werden.“

Abschließend sei erwähnt, dass H. Wachner zweimal verheiratet war. Aus erster Ehe mit Herta Schuller (1881-1932) gingen fünf Kinder hervor; die vorletzt geborene Herta (verheiratet Călinescu) fungierte auch als Übersetzerin seiner Werke in das Rumänische. In zweiter Ehe verheiratet mit der Lehrerin Charlotte Klöckner, hatte er drei Kinder; die älteste Tochter Gertrud zeichnet als Herausgeberin das Buch ihrer Mutter Gesammelte Koch- und Backrezepte, erschienen 2001 in Weingarten bei Heilbronn. Unter Heinrich Wachners Namen erschienen postum in der Karpaten-Rundschau Kronstadt ab 2007 unter dem Titel Beiträge zur Heimatkunde des Burzenlandes aus seinem Nachlass Ergänzungen und Berichtigungen zum Kronstädter Heimat und Wanderbuch 1934.

Lit.: Ch. Hannak, Zwangsaufenthalt und Demütigung. Die Evakuierung 1952 im Burzenland (Siebenbürgen), Kronstadt 2006, 237 S. – H. Heltmann, Der Kronstädter Heimatforscher Heinrich Wachner (1877-1960), in: Korrespondenzblatt d. Arbeitskr. f. Siebenb. Landeskunde, 2/3, 1975, Köln-Wien, S. 157-165. – H. Heltmann, Heinrich Wachner (1877-1960) – Geologe. OGT 1985, Bonn, S. 73-76. – H. Heltmann, Bedeutender Naturforscher Siebenbürgens. Zum 125. Geburtstag des siebenbürgischen Naturwissenschaftlers Heinrich Wachner (1877-1960), in: Siebenb. Zeitung, 52. Jahrg., 16, 2002, München, S. 7. – H. Heltmann, Der Hohenstein bei Kronstadt und die Geschichte seiner botanischen Erschließung. Jahrbuch 2005/06 des Deutschen Alpenvereins, Sekt. Karpaten, München 2006, S. 131-149. – K. Philippi, Heinrich Wachner, in: Volk und Kultur, 9. Jahrg., 11, 1957, Bukarest, S. 9. – R. Rösler, Linnaea borealis – un subarbust rar pentru flora R.P. Romîne (Linnaea borealis – eine seltene Art in der Flora Rumäniens), in: Revista Pădurilor, 79. Jahrg., 19, 1964, Bukarest, S. 598-599. – R. Rösler, Heinrich Wachner (1877-1960) und seine „Geologia Ţării Bistriţei“ (Geologie des Nösnerlandes), in: Jahrbuch 2007/08 der Sekt. Karpaten des Deutschen Alpenvereins, München 2008, S. 116-125. – U. Konst, Heinrich Wachner – Ein bemerkenswerter Geograf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Neue Kronstädter Zeitung, 24. Jahrg., 3, München 2008, S. 8. – R. Sudrigian, Ein Vorbild als Lehrer und Forscher. Vor 130 Jahren wurde Heinrich Wachner geboren, in: Karpaten-Rundschau, 39. Jahrg., 47, Kronstadt 2007, S. III. – L. Wachner (Hrsg. G. Wachner), Gesammelte Koch- und Backrezepte, Weingarten bei Heilbronn 2001, 120 S. – K. Zsigmond, Die Nachkommen des 1672 aus der Zips nach Siebenbürgen geflohenen Pfarrers Paul Regius, 2. Teil, Oderhellen/ Székelyudvárhely (Rumänien), 2008, S. 492-493.

Bild: Siebenbürgische Zeitung, Folge16/ 15.10.2002, S. 7

Rudolf Rösler

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.