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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wacker, Nelly

Schriftstellerin

* 1919, 20.10.
Hohenberg/Tokmak/Krim

† 2006, 26.03.
Köln

Als Nelly Wacker 1993 nach Deutschland ausreiste, hatte sie, die bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin in Kasachstan gearbeitet hatte, bereits 74 Jahre in der Sowjetunion bzw. Russland verbracht – ein ganzes Leben also in der alten Heimat. Somit ist es auch kein Wunder, dass fast ihr gesamtes literarisches Schaffen sich damit befasst, selbstredend auch nach der Aussiedlung in die Bundesrepublik.

In Hohenberg auf der Krim, Kreis Simferopol, geboren, war Nelly Wacker ein Nachkömmling württembergischer Schwaben, die 1804 in die Südukraine, in das damalige Neurussland, kamen. Sie gehörte der zweiten großen deutschen Volksgruppe Russlands an, den Schwarzmeerdeutschen, nicht den Wolgadeutschen, die ein knappes halbes Jahrhundert früher noch zur Regierungszeit Katharina der Großen, einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Zerbst (1762-1796), einwanderten.

In der Ferienlandschaft Krim verbringt sie eine behütete Kindheit in der Lehrerfamilie Bäuerle. Die deutsche Schule in Spat, die sie besucht, ist eine Keimstätte russlanddeutscher Autorentalente, aus der auch Johan Warkentin, Alexander Reimgen und Artur Hörmann hervorgehen. Hier erlebt sie auch Gerhard Sawatzky, als Dichter und Werber für die deutsche Lehrerhochschule in Engels, der Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik.

Sie folgt seinem Ruf und übersiedelt von der Krim nach Engels, wo sie von 1937-1939 Germanistik studiert. Danach arbeitet sie als Deutsch- und Russischlehrerin im Kaukasus, bis sie 1941 im Zuge von Stalins Kollektivschuldvorwurf gegenüber allen Russlanddeutschen nach dem Überfall des Dritten Reiches auf die Sowjetunion nach Kasachstan deportiert wird. Inzwischen ist sie verheiratet, hat ihren kleinen Sohn Viktor zu versorgen, da ihr Mann in der „Trudamiija“, der Arbeitsarmee, Zwangsarbeit leisten muss. Ihre engste Familie überlebt, ihre Großfamilie nicht. Der Vater wird als „Kollaborateur“ bereits 1934 in einem Schauprozess zu 7 Jahren verurteilt und stirbt schon auf dem Transport in Orenburg. Ihre Mutter verhungert 1943 in Nordkasachstan in der Verbannung. Auch ihre Geschwister, drei Schwestern und ein Bruder,überleben nicht. Nur ihre kleine Schwester kann sich retten, wie es Nelly Wacker dann in ihrer anrührenden Prosaarbeit Wermut, eine Familienchronik schildert. Erschienen ist diese Arbeit in Juni 1994 im Literaturalmanach Phönix aus Alma Ata. Wenigstens ein Teil dieser Chronik, den Prozess ihres Vaters betreffend, hätte hier einen Platz finden können, da die Schilderung dieser Ereignisse aus der Erinnerungsdistanz umso stärker beeindrucken.

Ihr in diesem Auswahlband enthaltenes PoemIch bitte ums Wort, wo sie dasselbe Thema dichterisch behandelt, ist im Grunde genommen eine in Verszeilen getrennte Aussage, fast ohne jede Stilfigur. Dies ist überhaupt Nelly Wackers Problem: Die häufig fehlende Verdichtung. So hat sie in ihrem bekanntesten Gedicht Zwei Muttersprachen, das leider in dieser Sammlung fehlt, obwohl es in Deutschlesebüchern und Anthologien derSowjetunion zu finden war, die bekannte sowjetische Thematik, das Gleichstellen der eigene Muttersprache mit der Landessprache Russisch, auch etwas vordergründig in Reime gegossen. Allerdings war es bei der Gleichstellung der Sprache eines von Stalin bestraften Völker mit dem Russischen mutiger, diesen Vergleich zu ziehen, als eine nicht bestrafte Sprache dem Russischen gleichberechtigt an die Seite zu stellen.

In diesem Band gelingt Nelly Wacker 1985 eine überzeugende Verdichtung des gleichen Themas im Gedicht Muttersprache: „O liebe Muttersprache, trautes, angeborenes Wort!/ Du bliebst bei mir auch an dem trostlosesten Ort./ Du hieltst zu mir, als manche Freunde mich verließen,/ sogar Verwandte mich aus purer Angst verstießen …/ Und als Erlasse mich aus meinem Heimatort verwiesen …/ Du bist die Nabelschnur, die mich mit meinem Volk verband/ und zuverlässig heute noch vertrauensvoll verbindet …/“ Hier ist die Muttersprache die Nabelschnur der Identität zu der Sprach- und Kulturgemeinschaft.

Ohne Sprache ist man stumm. Eine russische Bezeichnung für Deutsche ist Nemzy. Bei den ersten Zusammentreffen der Deutschen mit den Russen sollen sie sich nicht haben verständigen können und erhielten deshalb diese Bezeichnung.Durch den Zweiten Weltkrieg und die stalinistischen Repressionen gingen viele Rußlanddeutsche ihre Muttersprache verlustig und werden nun zu Stummen in der eigenen Muttersprache.

Diese dramatische Wende versucht Nelly Wacker im Gedicht „Geiseln jenes Krieges“: „WIESO – zuerst erwünscht, nun aber – unerwünscht?/ Warum sind wir, die NEMZY (Stummen) dort,/ nun plötzlich hier in Deutschland, – Russen?/ – Wir waren Deutsche unter vielen russländischen Völkern/ und blieben es – zweihundert abwegige Jahre lang,/ auch dann, als wir – erniedrigt, deportiert, verbannt –/ vollständiger Vernichtung preisgegeben wurden …/“ Eine gute Idee, veranschaulicht mit Hilfe einer Antithese. Dort in Russland Deutsche – hier in Deutschland Russen, beide Male plötzlich stumm in der eigenen Muttersprache durch den aufgezwungenen Sprachverlust. Doch auch hier hätte der historische Hintergrund stärker einbezogen werden müssen, da viele Leser ihn nicht kennen und so das Abgründige diese Bezeichnung Nemzy = die Stummen nicht so ohne weiteres im Sinne der Autorin nachvollziehen können.

Viktor Heinz, der zurzeit der wohl bekannteste russlanddeutsche Autor, Lyriker, Dramatiker und Prosaschriftsteller, dazu auch noch Literaturkritiker und Journalist, hat in seinem überaus wohlwollenden Vorwort postuliert:„Die Autorin hatte, als sie in Kasachstan ihre Gedichte schrieb, vor allem die russlanddeutsche Leserschaft im Auge gehabt. Sie suchte nicht nach einer extravaganten Ausdrucksweise, nach nebulösen und verschlüsselten Metaphern, sie suchte vielmehr nach der Wahrheit. Und sie wollte vom Leser verstanden werden.“Dieses adressatenbezogene Schreiben, mit dem Viktor Heinz über einiges Allzuplakative hinwegzuschauen bereit ist, unterschätzt letztlich die russlanddeutsche Literatur. Auch die von Nelly Wacker.

In ihrem großen Gedicht Meine Beichte, erschienen in den Texten der russlanddeutschen Autorentage II in Alma-Ata, Juni 1992, beschreibt sie die Schwierigkeiten der Literatur im Totalitarismus. Die Alleinherrschaft des Sozialistischen Realismus verbot Pasternak, Zwetajewa, Jessenin, Mandelstam, Achmatowa, mit die Besten der russischen Lyrik dieses Jahrhunderts. „Ich hatte selbst kein einziges Werk von ihnen,/ denn solche Bücher waren – Zeitzünder fürs Haus …/ Verzeiht mir, große Meister/“ und Nelly Wacker fährt selbstkritisch fort: „Auch das war Sünde,/ in meiner Großerzählung „Tanz der Kraniche“/ hab‘ ich das Wesen des Kulakentums entstellt“.

In Viktor Heinz liebenswürdigem Vorwort heißt es „Nelly Wacker ist aber nicht nur Lyrikerin, sondern auch als Meisterin der Erzählkunst bekannt. Davon zeugen solche Prosawerke wie ‚Nelken für Dich‘, ‚Tanz der Kraniche‘, ‚Wermut. Eine kleine Familienchronik‘, um nur einige zu nennen.“ Bei „Tanz der Kraniche“ ist der Autor kritischer als der Kritiker. Selbstkritik, aus der Distanz zu den schlimmen Jahren des stalinistischen Totalitarismus, ist eine der großen Chancen der russlanddeutschen Autoren. Sie mussten ideologischen Tribut zahlen, wollten sie als russlanddeutsche Autoren überleben. Und sie haben ihn bezahlt. In Oden, Hymnen und Idyllen an ihre Verbannungsheimat. Wie ihr Schulkamerad Johann Warkentin, der Nestor der russlanddeutschen Literatur, hat auch sie Kasachstan besungen, ihre neue Zwangsheimat. Borowoje, die Kasachische Schweiz, den Bukpa-Berg, den Kamel-Berg, den Berg der schlafenden Recken (hier verwendet sie atmosphärisch geschickt den Archaismus Aar für Adler), den Rätselfels Shumbaktas – alles in Gedichten und Balladen. Auch hier geht Nelly Wacker, wie so oft, beschreibend vor. Präsentiert dem Leser eine Art gereimte Erdkunde sagenumwobener Gipfel der Kasachischen Bergwelt. Das eigentlich typisch Kasachische, wie die von Nora Pfeffer und Reinhold Frank besungene Wüstenpflanze Kasachstans, der Saksaul, fehlt eigentlich, mit Ausnahme der öfter erwähnten landestypischen Kamele.Dabei hat die kasachische Landschaft, in der Nelly Wacker die längste Zeit ihres Lehrerlebens verbrachte, sie doch stärker geprägt, als man aus ihren eher deskriptiven Gedichten entnehmen kann.

In ihrem Kinderbuch Blumenmärchen – stellenweise tatsächlich sehr blumig, doch auf jeden Fall verdienstvoll, weil es die Kleinsten schon mit der deutschen Sprache und ihrer Pflanzenwelt bekannt machen will – schlägt bei der Beschreibung der Heideblume Erika die Liebe zu Kasachstan durch. „Die Blume Erika ist eine mutige Blume. Sie blüht auch dort, wo nichts anderes wachsen kann. Darum und weil du so heißt, ist sie meine Lieblingsblume.“Erika, das Heidekraut, und die Lüneburger Heide sein bekanntestes Biotop in Deutschland, urplötzlich in der kasachischen Steppe.

Das sind ganz neue Töne heute, obwohl sie eigentlich altbekannte Folklore sind. Bei den Russlanddeutschen in der Verbannung in Sibirien und Kasachstan ideologisch vom Faschismus nicht missbraucht, sondern als Identitätsmerkmal bewahrt gegen den stalinistischen Nationalismus mit seiner Politik bestrafter Völker haben sie hier einen ganz anderen Stellenwert. Diesen literarisch zu gestalten, in der neuen, ganz anderen Natur, mit ganz neuen Nachbarn und deren Sitten, Bräuchen, künstlerischen Ausdruckweisen, bleibt die große Chance der russlanddeutschen Literatur. Memoirenliteratur, Begegnungsliteratur und vor allem auch seelische Überlebensliteratur mit Hilfe der identitätsstiftenden, identitätsbewahrenden und neuerdings auch identitätsfindenden Sprachgestaltung bleibt das große Aufgabenfeld russlanddeutscher Autoren drüben und nach den Aussiedlungswellen der Wende auch hüben.

Bild: Landsmannschaft der Deutschen aus Russland.

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