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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Walger, Ilona

Schriftstellerin

* 1939, 08.10.
Marxstadt a.d. Wolga/Russland


Ein Lächeln für Sibirien betitelte Ilona Walger die Kindheitserinnerungen einer Russlanddeutschen, die sie 1997 veröffentlichte. Diese Erinnerungen, Streiflichter einer Kindheit in Angst und Enge, aber auch in der endlosen, faszinierenden Weite Sibiriens mit einer trotz forcierter Industrialisierung noch fast unberührten, urwüchsigen Natur, vermitteln den Zau­ber der ersten Erkundungen eines Kindes seiner Umwelt, von Land und Leuten auf dem dramatischen Hintergrund seines Schicksals der Zugehörigkeit zu einem von Stalin bestraften „Sowjetvolk“, in seinem Fall dem der Wolgadeutschen, das nun in weiter Streuung in Sibirien und Kasachstan leben muss. Die Russlanddeutschen waren ein bestraftes Volk neben einem Dutzend anderer „Sowjetvölker“. Zum Unterschied von ihnen aber durften sie nicht wieder in ihre Heimatgebiete zurück wie zum Beispiel die Tschetschenen und Inguschen in den Kaukasus, sondern sie mussten auf dem Orte ihrer Verbannung unter Polizeiaufsicht – Kommandantur – bis 1945 bleiben und erst 1964 wurden sie rehabilitiert, jedoch ohne Rückkehrrecht in ihre Heimatgebiete.

Die Eltern von Ilona Wagner wurden aus dem Dorfe Zürich an der Wolga nach Westsibirien in den Altai in die Nähe der Stadt Barnaul verbannt. Der Vater wurde in die Trudarmija, d.h. in die Arbeitsarmee, in ein Arbeitslager verbracht, so dass die Mutter allein mit drei Kindern zurückblieb. Der älteste Sohn Walter musste mitarbeiten, um die Familie durchzubringen.

Ilona, im Buch heißt sie Jolantha, ist in der ersten Erzählung, Das schöne Pferd Felix kaum zwei Jahre alt, kann sich aber noch genau an den prächtigen Apfelschimmel erinnern. Die kleine Jolantha war aus der Kinderkrippe weggelaufen und zu dem bewunderten Pferd gekrochen. Die aufgeschreckte russische Kindergärtnerin konnte sie in letzter Minute unbeschädigt hinter dem Pferd hervorlocken. Eine feste Freundschaft verband seither die wolgadeutsche Mutter der Erzählerin mit der russischen Lebensretterin ihres Kindes.

Diese Einstellung Ilona Walgers ist kennzeichnend für ihr Bemühen, unvoreingenommen, differenziert die Erlebnisse ihrer Kindheit sich und dem Leser vor Augen zu führen. Die Freundschaften zwischen Deutschen und Russen finden ebenso Erwähnung wie die Belastungen dieses Verhältnisses auf dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und des fortdauernden Stalinismus auch danach. Besonders in der Schule gerät die kleine Jolantha auch in die Hände unbedarfter Pädagogen, die den stalinistischen Nationalismus verinnerlicht haben. Besonders hart wird sie von ihrer Mathematiklehrerin angefasst, deren Eltern im Krieg von deutschen Soldaten verbrannt worden sein sollen, was die Tochter dann zu den Partisanen trieb. Statt nun nach dem Sieg über den Faschismus, wie erwartet, im proletarischen Internationalismus, allen Kindern ohne Berücksichtigung ihrer Nationalität in der „Heimat aller Werktätigen“ eine liebevolle Erziehung angedeihen zu lassen, schikaniert sie die wolgadeutsche, verbannte Schülerin. Als diese Behandlung der Erzählerin unerträglich wird, schreit sie ihren Zorn in die Klasse und bespuckt in breitem Bogen die stalinistische Lehrerin – diese sinkt in sich zusammen und beginnt hemmungslos zu schluchzen. Eine späte Einsicht in ihr pädagogisches Versagen?! Die Frage bleibt offen, aber es ist bezeichnend für das Bemühen um Aufrichtigkeit dieser Memorien, dass Ilona Walger kein aufgeblähtes Heldentum daraus macht, sondern einen realistischen Bericht.

Sie kann nach diesem Zwischenfall die Schule wechseln. Gerade diese unaufdringliche Schilderung der schwierigen Umstände ihrer Kindheit machen diese Memoiren so lesenswert. Dabei schneiden die „Russen“ keineswegs schlecht ab. Ilona Walger lässt sich durch das erfahrene Unrecht nicht verbittern, sondern behält ihren differenzierten Blick.

Eine Solidarität der Sibiriaken, egal welcher Nation, klingt in weiteren Erzählungen an, so in der von der guten Ernte. Nachdem Mutter und Tochter, die 1954 gute Ernte an Kartoffeln, Mais, Kürbissen und Steckrüben von ihrem von der Waggonfabrik zur Pacht erhaltenen Handtuchfeld in Säcken verfrachtet hatten, blieb das bestellte Lastauto aus. Dies bedeutet, dass die beiden die Nacht auf freiem Feld hätten zubringen müssen, damit die Ernte nicht gestohlen werde. Da blinken noch ganz spät Scheinwerfer auf. Es ist aber nicht das bestellte Auto, sondern ein anderer Laster, dessen übermüdeter Fahrer schon 12 Stunden hinter dem Steuer sitzt und nichts wie nach Hause will. Das in Tränen aufgelöste Mädchen weckt jedoch sein Mitleid und er macht noch eine Zusatzfahrt, wofür ihm dann die Familie ein Flasche Wodka – damals ein unheimlicher Luxus – spendiert.

Aus diesem Alltagsgeschehen gelingt es Ilona Wagner immer wieder, das schwere Los der Verbannten anschaulich dem Leser vor Augen zu führen, ohne in Selbstmitleid zu verfallen und ohne die im Grunde genommen letztlich doch überwiegend solidarischen Mitbürger aus den Augen zu verlieren.

Ein unterschwelliger, leiser Humor durchzieht einige dieser Erzählungen, oft gehen sie über in eine fast lyrische Naturbeschreibung. Sibirien ist nicht nur das „ewige Exil“ der verbannten Russlanddeutschen, voll Schnee und Eis, sondern auch noch eine endlos grüne Weite mit Fichten und Birkenwäldern, kühlen Seen, Sonnenblumen – Mais- und Rübenfeldern, wilden Beeren im Walde und vielen, vielen Blumen und Vögeln. In der Erzählung Sauerampfer oder roter Heinrich beschreibt Ilona Walger in einer klaren, anschaulichen Sprache die Natur. Auf der Suche nach Sauerampfer für die Mittagssuppe muss sie den Wald durchwandern bis hin zu jener Stelle, wo er dicht wächst: „Ich komme zum Birkenhain. Die Birke, auch Maibaum genannt, prahlt mit ihrem frischen Grün … Der junge Maibaum mit dem schmucksten Stamm ist mir der liebste. Seine zarten silbernen Stengelchen kommen mir wie eine adrett geformte Jungfrau vor, zierlich und weiß wie der erste Schnee … Alte Menschen sagen, dass Birken weinen. Es sind Tränen der Freude, genannt Birkensaft.“

Kein Wunder, dass bei dieser komplexen Sicht der Dinge die Verbitterung die Autorin nicht niederzwingt, sondern die Hoffnung nicht aufgegeben wird. Ihr Abschied von Sibirien und auch von der Wolga, die sie später besucht, öffnen ihr auch den Blick für Neues. Das zugefügte Leid hat sie nicht gebrochen, weil es immer wieder auch Augenblicke menschlicher Wärme und majestätischer Naturerfahrung gab. Das Buch Ein Lächeln für Sibirien hat gute Vorarbeit geleistet für eine weitere komplexe Wahrnehmungsgestaltung des Schicksalsweges der Russlanddeutschen.

Und genau dies braucht die neue Russlanddeutsche Literatur wie die Luft zum Atmen, Komplexität, Offenheit, Differenziert­heit und vor allem Mut zum Neubeginn. Hüben wie drüben gleichermaßen.

1990 in die Bundesrepublik ausgesiedelt, konnte Ilona Walger ihr mit der Promotion abgeschlossenes Biologie- und Chemiestudium aus Taschkent und Minsk in einem Förderzentrum der Degussa AG als Leiterin eines Forschungslabors nutzen. Ihre neuen Erfahrungen verarbeitete die in Bielefeld lebende Autorin 1998 in dem Band Apfelbäume blühen laut, den nichtalltäglichen Gedichten einer Spätaussiedlerin zwischen Natur, Liebe, Angst und Hoffnung.

Bild: Verband deutscher Schriftsteller.

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