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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Watzlik, Hans

Schriftsteller, Lektor

* 1879, 16.12.
Unterhaid/Böhmerwald

† 1948, 24.11.
Tremmelhausen/Regensburg

Mögen auch „kluge Leute“ auf der Grundlage ihres Intellekts den Begriff „Heimat“ in ihrer eigenwilligen Art definieren, interpretieren oder überhaupt in Frage stellen – Hans Watzlik hatte sein Leben lang damit keine Schwierigkeiten, denn er entschied mit dem Herzen. Nicht anders verhält es sich mit der Heimatliteratur, die man akzeptieren oder ablehnen kann.Wenn man sich jedoch dazu bekennt, dann muß man Hans Watzlikals den Repräsentanten des Böhmerwaldes einstufen, den sein Werk in der Schlußphase seiner Existenz als deutsche Kulturlandschaft bewahrt. Heimatbewußtsein wird für Watzlik zum Sendungsbewußtsein. Der Böhmerwald erscheint in der Mehrzahl seiner Veröffentlichungen als tragende landschaftliche Gegebenheit, in die sich die literarische Handlung einfügt.

Hans Watzlik wurde am südöstlichen Ende des Böhmerwaldes als Sohn des Postmeisters Johann Watzlik und dessen Ehefrau Eleonore geb. Weilguny geboren. Ab 1885 – nach Versetzung des Vaters – wohnte die Familie in Obergeorgenthal im Bezirk Brüx, kehrte jedoch nach vier Jahren ins Südböhmische zurück. Man begab sich nach Budweis, zumal der Vater aus der dortigen Sprachinsel stammte, und Hans Watzlik besuchte die Mittelschule, wie man in Österreich die Kategorie der Gymnasien zu nennen pflegt, sowie zwei Klassen einer Lehrerbildungsanstalt. Nach zwei weiteren Jahren in Prag beendete er die berufliche Ausbildung mit der Matura. Seine pädagogischen Sporen verdiente sich Hans Watzlik in Andreasberg, einer hochgelegenen Gemeinde im Böhmerwald, Bezirk Krumau, wo er von 1899 bis 1905 unterrichtete. Das folgende Schuljahr im benachbarten Kalsching war vor allem privat für ihn von Bedeutung, denn dort heiratete er Lina Pascher aus Mugrau. Von 1906 bis 1924 war er an der Knabenbürgerschule des Städtchens Neuern, Bezirk Klattau, im nordwestlichen Böhmerwald als Fachlehrer tätig. Dort erschienen seine ersten umfangreicheren schriftstellerischen Publikationen und erreichten ihn mehrere literarische Anerkennungen.

Seit 1918 korrespondierendes Mitglied der Deutschen Gesellschaft der Wissenschaften und Künste für die Tschechoslowakische Republik, wurde Watzlik1924 ihr ordentliches Mitglied, gab – wie so mancher seiner deutschen Berufskollegen unter den nunmehr veränderten politischen Verhältnissen – sein Lehrerdaseinauf und arbeitete fortan als freier Schriftsteller. Seine Erfolge brachten ihm weitere Ehrungen ein, unter anderem denTschechoslowakischen Staatspreis für Werke und Leistungen in deutscher Sprache (1931), speziell für den Roman Der Pfarrer von Dornloh, den Eichendorff-Preis der Goethe-Stiftung (1938)und die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft (1939).

Das Leid und die Leiden nach Kriegsende blieben Watzlik nicht erspart; er wurde inhaftiert und brachte die Zeit von Juni 1945 bis Juli 1946 in tschechischem Gewahrsam zu, vor allem im Kerker von Klattau. Ende August 1946 ereilte ihn das Schicksal der Vertreibung aus seiner geliebten Heimat, das ihn auf das Gut Tremmelhausen bei Regensburg führte. Hier am Ostrand der Fränkischen Alb fand er seinen inneren Frieden wieder: „Wir haben es gut getroffen, sind hier auf einem Gutshof in schöner Landschaft bei edlen Menschen, haben ein nettes Zimmer, genügend zu essen und einen angenehmen, warmen Raum, wo ich den ganzen Tag über arbeiten kann“, schrieb er im Januar 1947 an einen Korrespondenzpartner. Und in einem Brief vom November 1947 heißt es: „Ich lebe hier in dem einsamen Juratal still und mit meinem Schicksal einverstanden.“

Doch inzwischen hatten sich – als Folgen der Kerkerhaft – ernsthaft gesundheitliche Beschwerden eingestellt, so daß Hans Watzlik nicht mehr lange zu leben blieb. In einem Ehrengrab der Stadt Regensburg auf dem Oberen Katholischen Friedhof liegt er bestattet. Indessen waren für ihn biographische Daten und Ereignisse von untergeordneter Wichtigkeit. Dazu betont er in einer Selbsteinschätzung: „Was ich äußerlich erlebt habe, zählt nicht viel. Die Geschichte meines wahren Lebens ist nur aus den Büchern zu erfahren, die ich geschrieben habe.“ Angesichts dieser innigen Verschränkung von Leben und Werk Watzliks empfiehlt es sich, seine maßgeblichen Veröffentlichungen chronologisch zu betrachten.

Watzliks literarisches Debüt stellen acht Erzählungen aus der Vergangenheit des Böhmerwaldes dar, die der Autor unter dem Titel Im Ring des Ossers zusammengefaßt hat, wobei der Große Osser, ein Berg im Böhmerwald (auf dem Hauptkamm an der böhmisch-bayerischen Grenze), als Pars pro toto dient.Der Alp, Watzliks erster Roman, ein Bauernroman, wurde von den Rezensenten als Meisterleistung eines großen Talents gewertet. Es folgte derPhönix, ein Roman um den deutschen Dichter Johannes von Saaz (gestorben 1414 in Prag), der den Ackermann aus Böhmen geschaffen hat, ein Werk, in dem Watzlik die Zeit der Wiedergeburt Böhmens darstellen wollte.

Der Band O Böhmen!,ein Grenzlandroman, enthält die Vision jener Apokalypse, die 1945 zur Realität werden sollte, die Gestaltung der Gegensätze zwischen Prag aus der Jahrhundertwende und der Situation in einem Böhmerwalddorf bis hin zu der Befürchtung, daß der letzte verfemte Deutsche von Böhmens Äckern gejagt werden könnte.

Die Abenteuer des Florian Regenbogner, ein „Traumbüchlein“ mit der Geschichte eines fahrenden Gesellen, erinnert an Eichendorffs Romantik in der NovelleAus dem Leben eines Taugenichts.Aus wilder Wurzel stammt die Handlung eines Romans, der in den Dreißigjährigen Krieg zurückreicht und die Gründung eines Dorfes in der damaligen Wildnis des Böhmerwaldes zum Thema hat. Der Pfarrer von Dornloh erschien zwar erst zehn Jahre später, doch Watzlik greift mit ihm noch einmal auf den Dreißigjährigen Krieg zurück und gestaltet eine Bauernchronik, die das tragische Schicksal eines Böhmerwalddorfes schildert.

Hinzu kamen der SchelmenromanFuxloh, ein Buch von Übermut und grotesker Derbheit, der Roman Ums Herrgottswort, in dem einmal mehr der Freiheitskampf der oberösterreichischen Bauern unter Stefan Fadinger entbrennt, und Das Glück von Dürrnstauden, das nicht lange währt; denn die Graphitfunde – eine Annäherung an die Gegenwart – bescheren den armen Bauern Aufstieg und Fall. Die Leturner Hütte erinnert daran, daß im Böhmerwald auch die Glasmacher ihr Dasein hatten, ein Thema, das von anderen Autoren ebenfalls gern bearbeitet wurde.

Die romantische Reise des Herrn Carl Maria von Weber führt den Komponisten durch den Böhmerwald und bietet ihm Anregungen für seinenFreischütz. Die Erzählung wurde auch verfilmt und erschien außerdem unter dem Titel Romantische Symphonie. Mit Mörike war schon einmal Mozart auf der Reise nach Prag, Watzlik begleitete ihn zur Aufführung der Oper Titus, die Mozart für die Krönung Leopolds II. zum König von Böhmen geschaffen hatte, und davon handelt Watzliks Roman Die Krönungsoper. In den späten dreißiger Jahren, als Watzlik noch nicht ahnen konnte, daß er seinen Lebensabend in der Nähe von Regensburg verbringen und in Regensburg selbst seine letzte Ruhe finden würde, schrieb er mit dem Roman Der Meister von Regensburg die Lebensgeschichte des Malers Albrecht Altdorfer und entwarf damit ein zeitgeschichtliches Gemälde der Glaubensspaltung.

Neben den großen Romanen Hans Watzliks und den Sammelbänden mit Erzählungen sowie einzeln publizierten Erzählungen entstand vielerlei kleinere Prosa. Seine Lyrik tritt dagegen deutlich in den Hintergrund. Erst als Vierzigjähriger veröffentlichte er seinen ersten selbständigen Gedichtband (Zu neuen Sternen). Vereinzelt hat er Gedichte in einen Erzählungsband aufgenommen, zuerst 1915, dann nochmals fast zehn Jahre später. Seine Gedichte fanden aber auch in mehreren Anthologien und literarischen Zeitschriften Aufnahme. Aus der literarischen Kategorie des Schauspiels seien der Vollständigkeit halber genannt: Das Sankt-Martini-Hausund das Libretto zu der Oper Kranwit mit Musik von Theodor Veidl.

Es bleibt noch festzuhalten, daß zahlreiche Bücher Watzliks stattliche Auflagen erreichten und daß auch nach seinem Tode Neuauflagen und postume Ausgaben erschienen sind, zuletzt Das goldene Rössel mit drei Weihnachtsgeschichten (1973).

An Übersetzungen sind zu registrieren:Roswitha’s vlucht, eineniederländische Ausgabe des JugendbuchesRoswitha von 1940, sowie in tschechischer Sprache Tři Prózy, also drei Prosastücke, nämlich drei Erzählungen aus der Sammlung Im Ring des Ossers, sodann Jiřina, die wunderbare Kindheit vonErdmut, und Weberova romantická cesta, das ist Die romantische Reise des Herrn Carl Maria von Weber.

Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, dominieren in den Schriften Hans Watzliks ganz unverkennbare Charakteristika. Der Thematik und dem geistigen Gehalt nach stehen die Heimatlandschaft des Böhmerwaldes und die Liebe dazu sowie die Sehnsucht nach der Heimat, ja das Heimweh im Vordergrund. Die sprachliche Gestaltung, oftmals mundartlich gefärbt, reich an Metaphern, tendiert zu barocker Ausdruckskraft, die in ihrer sprachschöpferischen Absicht fast ein wenig antiquiert wirkt. Sicherlich ist das einer der Gründe dafür, daß man die Wirkung seiner Bücher in der Zuordnung zu ihrer Entstehungsgeschichte gelten läßt. Gerade deshalb wird kein Literarhistoriker darauf verzichten können, Hans Watzlik als einen der bedeutenden Schriftsteller des Sudetendeutschtums anzuerkennen.

Das Andenken an Hans Watzlik pflegen mehrere landsmannschaftliche Institutionen, so das Heimatarchiv in Kitzingen sowie das Böhmerwaldmuseum in Passau (Oberhaus) und die Hans-Watzlik-Gemeinde in Regensburg.

Werke: Im Ring des Ossers (Erzählungen, 1913). – Der Alp (Roman, 1914). – Von deutschböhmischer Erde (Gedichte und Erzählungen, 1915). – Phönix (Roman, 1916). – O Böhmen! (Roman, 1917). – Die Abenteuer des Florian Regenbogner (Erz., 1919). – Zu neuen Sternen (Gedichte, 1919). – Aus wilder Wurzel (Roman, 1920, zuletzt 1953). – Der flammende Garten (Gedichte, 1921). – Schloß Weltfern (Erz., 1921). – Böhmerwaldsagen (1921). – Wermutter (Erzählungen, 1921). – Fuxloh (Roman, 1922). – Einöder (Erzählungen, 1922). – Die Reise nach Ringolay (Roman, 1923, 1953). – An Gottes Brunnen (Legenden, 1924). – Im Berggärtlein (Erzählungen und Gedichte, 1924). – Das Sankt-Martini-Haus (Schauspiel, 1925, 1949). – Mein Wuldaland (Erzählungen und Gedichte, 1925). – Ungebeugtes Volk (Erzählungen, 1925). – Stilzel, der Kobold des Böhmerwaldes (Sagen, 1926). – Ums Herrgottswort (Roman, 1926). – Nordlicht (Erz., 1926). – St. Gunter in der Wildnis (Legende, 1926). – König Eginhart von Böhmen (Erz., 1927). – Der Riese Gottes (Legende, 1927). – Ridibunz (Jugendbuch, 1927). – Der wilde Eisengrein (Erz., 1927). – Das Glück von Dürrnstauden (Roman, 1927). – Adlereinsam (Beethoven-Novellen, 1928). – Dämmervolk (Erzählungen, 1928). – Die Fräulein von Rauchenegg (Roman, 1929). – König Oswald und sein Rabe (Legende, 1929). – Faust im Böhmerwald (Erzählungen, 1930). – Der Pfarrer von Dornloh (Roman, 1930, 1949). – Der Riese Burlebauz (Märchen, 1931). – Die Leturner Hütte (Roman, 1932, zuletzt 1952). – Die romantische Reise des Herrn Carl Maria von Weber (Nov., 1932; 1956 unter dem Titel „Romantische Symphonie“). – Der Teufel wildert (Roman, 1933). – Kranwit (Opernlibretto, 1933). – Die schöne Maria (Erzählungen, 1934). – Die Krönungsoper (Roman, 1935). – Erdmut (Mädchenbuch, 1935). – Der Rückzug der Dreihundert (Roman, 1936). – Aus Dorn und Dickicht (Gedichte und Erzählungen, Auswahl, 1937). – Die Buben von der Geyerflur (Jugendbuch, 1937). – Die Kinder der Eva (Spiel, 1938). – Balladen (1938). – Stilzel und der Mühlknecht (Erzählungen, 1938). – Der Meister von Regensburg (Roman, 1939, 1955). – Roswitha (Mädchenbuch, 1940). – Der Bärentobler (Roman, 1941). – Hinterwäldler (Erzählungen, 1941). – Hillebiegel (Erzählungen, 1942). – … ackert tiefer ins umstrittene Land (Gedichte, 1943). – Ein Stegreifsommer (Roman, 1944, zuletzt 1953). – Bayrische Erzählungen (1944). – Die Nebelburg (Erzählungen, 1944). – Venediger Männer (Erzählungen, 1948). – Girlitz und Amixel (Märchen, 1948; spätere Ausgabe unter dem Titel „Der blaue Falter“). – Der Palmesel (Roman, 1955). – Der Verwunschene (Roman, 1957). – Seltsame Geschichten aus alter Zeit (Erzählungen, 1962). – Das goldene Rössel (Erzählungen, 1973).

Lit.: Viktor Karell: Hans Watzlik. Bad Homburg v. d. H., 1959. – Broschüre zur Gedächtnisausstellung im 25. Todesjahr: Hans Watzlik 1879-1948; hg. vom Sudetendeutschen Archiv, München, 1973.

 

    Josef Walter König

 

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