Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Weiss, Helfried

Graphiker, Maler

* 1911, 08.08.
Kronstadt/Siebenbürgen

† 2007, 06.12.
Röhrmoos

Nachdem Harald Meschendörfer im Herbst 1984 in Kronstadt (Siebenbürgen) verstarb, steht der Senior Helfried Weiß einsam an der Spitze der deutschen Künstler in Rumänien. Anders als die meisten seiner Kollegen harrt er in der immer kleiner werdenden deutschen Volksgruppe im kommunistischen Staat aus, während die jüngeren Maler, Grafiker und Bildhauer ihre Heimat teils legal verließen, teils von Besuchen aus dem Westen nicht mehr heimkehrten. Die idealistische Haltung des Kronstädter Altmeisters erinnert an die Jahre, da er als junger Kunsterzieher ans Deutsche Gymnasium in Tarutino (Bessarabien) ging, um der dortigen deutschen Jugendkultur zu erschließen; nachdem Hitler diese Provinz 1940 an die Sowjets verschacherte und die Bessarabiendeutschen in den Warthegau umsiedeln ließ, kehrte Weiß von seinem Pionierposten in seine Geburtsstadt zurück; er wird Kronstadt nicht mehr verlassen, es sei denn, um seinen Sohn und die Verwandten in der Bundesrepublik Deutschland zu besuchen.

Von seinem Vater, Gymnasiallehrer an der deutschen Mädchenschule in Kronstadt, der ihm seine Studien an den Kunstakademien in Klausenburg, Bukarest, an der Pariser Academie Julianin und der Akademie für Angewandte Kunst in München ermöglichte, zu einem Idealisten geprägt, hat Helfried Weiß seiner eignen Kunst allerdings nie einen idealistisch-klassizistischen Stempel aufgedrückt.

Sein Hochschuldiplom erhielt er von Prof. Costin Petrescu, Leiter der Klasse für Freskomalerei, jener traditionsreichen Kunst der byzantinischen Kirche, die in der sakralen wie profanen rumänischen Malerei ihren Niederschlag fand. Doch weder der rumänisch-orthodoxe Stil noch sein Pariser Aufenthalt, wo Weiß den Kubismus und Picasso kennenlernte, übten einen bestimmenden Einfluß aufsein Schaffen aus. Weiß, der bald im Holz- und Linolschnitt und im Holzstich sein eigentliches Betätigungsfeld fand, später in die Monotypie, im Siebdruck, in der Collage und dem Schablonendruck, ist Albrecht Dürer wegen der handwerklichen Perfektion nahe, den Dresdner Brücke-Malern dank deren Entdeckung der ausdrucksstarken Breite im Holzschnitt. Als Weiß 1970 mit sechs Kronstädter Kollegen im Städtischen Museum Wiesbaden ausstellte, schrieb der „Wiesbadener Kurier“ u.a., Weiß sei in die Nähe des deutschen Expressionismus zu stellen, hob seine Holzschnitte hervor, die „scharfen, kantigen Linien“, seine Symbolik und Lyrik und erinnerte an die im Westen hoch im Kurs stehende Folklore des Südostens.

Schon als Schüler am evangelisch-deutschen Honterus-Gymnasium in Kronstadt errang er den 1. Preis in einem Zeichenwettbewerb für einen Jugendkalender, ausgeschrieben vom Berliner Pestalozzi-Verlag. Als man die Spendenaktion für die Erhaltung der Kronstädter Schwarzen Kirche mit einem künstlerischen Wettbe werb verband, wurden ein Holzschnitt (Ehrengabe für Stifter) um die Werbemarke des damals 26jährigen Weiß ausgezeichnet. Auch als Illustrator von Erzählungen, Gedichten und Liedern – die Bücher wurden von Verlagen in seinem Heimatland herausgegeben – hat sich der Künstler einen Namen gemacht. Nach der Machtübernähme 1944 in Rumänien stellte er sich als Mitarbeiter in Künstlerorganisationen zur Verfügung, sah er es doch als seine Pflicht an der Kunst und den Kollegen, auch unter dem sozialistischen Regime, zu dienen. In einem Brief (1970) schrieb er: „.. Inzwischen wurde hier ein Verband der Musik- und Zeichenprofessoren gegründet, und ich bin in Bukarest in die Landesleitung gewählt worden und wurde nachher auch Präsident der Kreisfiliale Kronstadt. Neue Verpflichtungen und mehr Arbeit. Dabei empfinde ich durchaus nicht das Bedürfnis nach solchen Stellungen und wäre froh, wenn ich in Ruhe künstlerisch arbeiten könnte …“. Ehrgeizig war Helfried Weiß nie.

Was seine Thematik anbetrifft, so ist vor allem seine Dokumentation von ehrwürdigen Baudenkmälern zu nennen. Er hat die traditionsreichen mittelalterlichen Kirchen und Kirchenburgen, deren deutsche Herkunft in letzter Zeit sogar von sogenannten rumänischen Wissenschaftlern immer mehr verschwiegen wird, in grafischen Blättern festgehalten. Andererseits begegnet man in seinen Schwarz-Weiß-Blättern auch rumänischen Motiven, ebenso in seinen farblich delikaten mehrfarbigen Linolschnitten. Könnte man Weiß wegen dieser Tätigkeit als eine Art Matthäus Merian d.Ä. (1593-1650) Siebenbürgens bezeichnen, so begibt er sich aber auch auf Gebiete, wo er der Bürde des Dokumentierens enthoben ist, bis an die Grenze der Abstraktion. In den Arbeiten, die nicht unmittelbar etwas mit den historischen Bauwerken seiner Heimat zu tun haben, werden Geometrie und organische Elemente zu einer Synthese verwoben. Seinem präzisen Stil bleibt Weiß auch hier treu, stets freilich aus den verwendeten technischen Mitteln herauswachsend.

Helfried Weiß hat die Kunst, sein Leben, sein Schicksal nie leicht genommen. Ich habe mir einen Brief aufbewahrt, in dem er schrieb: „Ich bin von früh bis abends reichlich beschäftigt und könnte eigentlich durchaus noch mehr Zeit brauchen. Es ist ständig etwas los, sei es eine Delegation ausländischer Künstler, die auf Besuch kommen, oder junge Kunstbegeisterte, die einen Rat haben wollen. Auch Presseleute tauchen auf … ob ich jemals Gelegenheit und Zeit haben werde, wirklich frei zu arbeiten? Noch habe ich die Hoffnung nicht ganz begraben. Wieviel Jahre hat man noch, wenn man die 70 überschritten hat? Ich bin entschlossen, was mir bleibt, noch zu nützen, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus dem Bedürfnis, Ungelöstes so weit wie möglich zu lösen – zu erfüllen, was als erfüllbarer Rest in einem noch vorhanden ist.“

Abb.: Selbstbildnis (Holzschnitt)

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.