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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Weiss, Helfried

Graphiker, Maler

* 1911, 08.08.
Kronstadt/Siebenbürgen

† 2007, 06.12.
Röhrmoos

In einem Gespräch wies der Kronstädter Maler, Zeichner und Gebrauchsgraphiker Harald Meschendörfer (1909–1984) darauf hin, daß von den mehr als 80 Mitgliedern der Künstlervereinigung bis auf fünf alle ihre Heimatstadt verlassen hätten, und er bekannte: „Meine Heimat bleibt Siebenbürgen und insbesondere Kronstadt. Die Heimat habe ich mir nicht ausgesucht, sondern sie ist mein Schicksal, auch wenn es nicht leicht zu tragen ist. Ich bin kein Wahl- oder Exilsachse, sondern ein Siebenbürger Sachse mit allen erquicklichen und unerquicklichenKonsequenzen“ (Kulturpolitische Korrespondenz, Bonn 1983). Diese Worte hätten auch von seinem Freund und Kollegen Helfried Weiß stammen können. Erst als seine in der Bundesrepublik Deutschland seßhaft gewordenen Söhne ihm dringend rieten, zu ihnen nach Bayern überzusiedeln, verließ der inzwischen 77jährige Künstler seine Heimat.

Helfried Weiß, am 8. August 1911 in Kronstadt/Braşov geboren, verlebte in seiner Vaterstadt eine glückliche Kindheit und Jugend. Nach dem Abitur am Deutschen Gymnasium ermöglichte ihm sein Vater ein großzügiges Studium, wie es kaum einer seiner siebenbürgischen Kollegen erfahren hatte: Er studierte an der Kunstakademie in Klausenburg (Siebenbürgen), an der Académie Julian in Paris, an der Bukarester Kunstakademie, wo er sich das Diplom als akademischer Künstler und Pädagoge erwarb, und an der Akademie für Angewandte Kunst in München. Danach ging er voll Idealismus ins ferne Bessarabien, um am Deutschen Gymnasium in Tarutino der Jugend deutsche Kultur zu vermitteln. Hitlers Krieg, der Frontwechsel des Königreichs Rumänien und das kommunistische Regime Ceauşescus haben auch die Welt der Siebenbürger Sachsen, die dies Land seit Jahrhunderten kultivierten, völlig verändert. Helfried Weiß wurde zum rumänischen Kriegsdienst eingezogen und an die Fronten (Krim und Kalmückensteppe, Kaukasus und Stalingrad) geschickt. So genannte Volksdeutsche leisteten Kriegsdienst auch in deutschen Divisionen, fielen an der Front, kamen in Kriegsgefangenschaft oder wurden danach Bürger der DDR bzw. der Bundesrepublik Deutschland. Daheim wurden Männer und Frauen, Schüler und Schülerinnen der deutschen Minderheit der Volksrepublik Rumänien nach Rußland deportiert. Auch die Ehefrau und die beiden Schwestern von Helfried Weiß wurden verschleppt; sie starben an den Spätfolgen der schweren Zwangsarbeit in den russischen Bergwerken. In den folgenden Jahrzehnten fand dann besagte Emigration in den Westen statt und besiegelte das Schicksal des siebenbürgisch-sächsischen Volksstammes.

Helfried Weiß entging zwar der Deportation. Aber seine pädagogischen Tätigkeiten an verschiedenen Orten und Bildungseinrichtungen spiegeln die unsichere Situation im kommunistischen Rumänien. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1971 lehrte er an folgenden Instituten: am Deutschen Gymnasium in Bukarest, am Handelslyzeum in Kronstadt, ab 1947 wieder am Bukarester Gymnasium, am Deutschen Gymnasium und am Lehrerseminar in Temesvar/Banat, an der Volksschule in Kronstadt als Direktor, am Gymnasium A. Saguna und am Honterus-Gymnasium in Kronstadt.

Kontinuierlicher entwickelte sich seine künstlerische Tätigkeit. Sein Hauptgebiet waren in dieser Zeit bis zu seiner Auswanderung nach Deutschland die freie Graphik und die Illustration („Sudetendeutsche Erzählungen“, „Bilder der Heimat“, „Siebenbürgische Balladen“, „Lieder der Heimat“ u.a.). Er ist zweifellos der siebenbürgische Meister des Holzschnittes. Vorbilder für seinen grafischen Stil hat er nicht. Am ehesten deuten seine harten Schwarz-Weiß-Kontraste in die Nähe der Dresdener Brücke-Künstler, die den Holzschnitt zu Anfang des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt hatten. Die siebenbürgische Geschichte gehört zu den wichtigsten Motiven des Graphikers. Da sind die jahrhundertealten Kirchenburgen, die stolz ihre Türme in den Himmel recken, als wollten sie weitere Jahrhunderte überdauern und Symbole der Freiheit bleiben. Weiß hat sie fest und kantig in die Holzplatten geschnitten. Auch folkloristische Motive findet man in seiner Kunst. Anregungen gab die Kultur der Bauern, die einst 80% der Siebenbürger ausmachten. Hervorgehoben sei die Tatsache, daß dieser Künstler – anders als etwa die so genannten „Wilden“ in der heutigen Kunstszene – großen Wert auf ein gediegenes Handwerk und Materialgerechtigkeit legt. An den Hochschulen in Rumänien, Frankreich und Deutschland hatte er sich mit allen Sparten der Bildenden Kunst und deren Techniken (Fresko, Ölmalerei, Aquarell, Druckgraphik, Bildhauerei u.a.) auseinandergesetzt. Doch in seinem düsteren Wohn-Schlaf-Atelier, das ihm von der Behörde überlassen wurde, entstanden nur selten größere und ganz auf Farbe eingestellte Gemälde.

Nach seiner Übersiedlung nach München malte Weiß zahlreiche Gemälde in erstaunlich breiten Farbskalen. Es entstand ein jugendlich frisches, in Form und Farbe vielfältiges Œuvre. Die Meinung, daß die künstlerische Qualität bei alternden Künstlern nachlasse, Verfall und Pessimismus am Werk seien, wird durch das Alterswerk des Malers Helfried Weiß revidiert.

Zum ersten Mal stellte er als 23jähriger im Bukarester Salon Oficial aus, der Jahresausstellung rumänischer Künstler. Anläßlich seines 90. Geburtstags feierte man ihn 2001 mit einer repräsentativen Ausstellung im Haus des Deutschen Ostens in München. In den dazwischen liegenden Jahrzehnten gab es Einzelausstellungen und Beteiligungen an Gruppenausstellungen im In- und Ausland, in Rumänien, in der Bundesrepublik Deutschland, in der DDR, in der Sowjetunion, China, Österreich, Dänemark, Polen, Tschechien u.a.m.

Lit.: George Oprescu: Artele plastice după 23. August 1944 în Romănia (Die Bildende Kunst nach dem 23. August 1944 in Rumänien), Bukarest 1959. – Sieben Künstler aus Braşov/Rumänien, Museum Wiesbaden 1970. – Deutsche Künstler aus dem Südosten, Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 1974. – Mihai Nadin: Pictori din Braşov (Maler aus Kronstadt), Bukarest 1975. – Anca Pop: Aristi plastici din Braşov (Bildende Künstler aus Kronstadt), Kronstadt o.J. – Wege und Wandlungen – Die Deutschen in der Welt heute/1, hg. vom VDA, Berlin/Bonn 1981. – Und das Leuchten blieb, hg. von Peter Nasarski. Berlin/Bonn 1982. – Hermann Schlandt: Helfried Weiß (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks Reihe A: Kultur und Dichtung. Bd. 37), München 1993. – Franz Krumher, Irene Niedermaier, Karin Strey: Zeichen des Aufbruchs, Spuren des Abschieds. Deutsche Künstler aus Ostmittel- und Südosteuropa, München 1994.

Bild: Archiv der Kulturpolitischen Korrespondenz.

Günther Ott

 

 

 

 

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