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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Weisser, Gerhard

Politiker, Wissenschaftler, Pädagoge

* 1898, 09.02.
Lissa/ Posen

† 1989, 25.10.
Bonn

Gerhard Weisser wurde als Sohn des Landgerichtsrates Rudolf Weisser (1855-1905) und dessen Ehefrau Johanna, geb. Pulst (1869 -1932) in Lissa, dem ehemaligen Hauptsitz der Böhmischen Brüder in Polen (Comenius), geboren. Nach dem Besuch der Vorbereitungsschule in Potsdam besuchte er das humanistische Domgymnasium in Magdeburg, wo er im Frühjahr 1917 die Abiturprüfung bestand. Wenige Tage danach wurde er zum Wehrdienst an der Westfront eingezogen. Am 4. Januar 1919 kehrte er in das Zivilleben zurück; doch engagierte er sich von April bis Juni noch einmal militärisch im Verband des Grenzschutzes Westposen. Schon als Schüler war Weisser Mitglied der ersten deutschen Jugendbewegung, dem „Wandervogel“. Er hielt lebenslang dieser Bewegung die Treue, was unter anderem die von ihm auf dem Meißnertag 1973 vorgetragenen Thesen zur gemeinsamen Selbsterziehung der Jugend beweisen.

Der um präzise Begrifflichkeit bemühte Student absolvierte in den Jahren 1919 bis 1923 in Göttingen und Tübingen ein Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und der Philosophie – das sich vor allem auf die um die Fortentwicklung der Kritischen Philosophie Kants bemühte Neufries’sche Schule um Leonard Nelson konzentrierte –, unterbrochen durch eine einjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter beim Stadtrat zu Dresden. Persönliche und wissenschaftliche Differenzen führten Anfang der 20er Jahre zum Bruch mit Leonard Nelson. Am 17. November 1923 wurde Weisser an der Universität Tübingen mit dem Prädikat „Ausgezeichnet“ zum Dr. rer. pol. promoviert. Mit dem Thema seiner DoktorarbeitWirtschaftspolitik als Wissenschaft,wurde bereits einer der Schwerpunkte seiner späteren wissenschaftlichen Forschungen angesprochen. Nach wechselvoller beruflicher Tätigkeit habilitierte sich Weisser im Dezember 1943 an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock. Er erhielt die venia legendi für Volkswirtschaftslehre. Das Thema seiner Habilitationsschrift, die wesentlich zur Entwicklung desunternehmensmorphologischen Zweiges der Betriebswirtschaftslehrebeitrug, lautete: Die organisatorischen Formen der einzelwirtschaftlichen Gebilde. Dem am 19. Februar 1945 gestellten Antrag auf die Erteilung eines Lehrauftrages für „Wohnungswirtschaft und Genossenschaftswesen“ konnte wegen der Kriegsereignisse nicht mehr entsprochen werden.

Seine berufliche Tätigkeit im öffentlichen Dienst hatte Weisser im November 1923 bei der Stadt Magdeburg als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter begonnen. Er avancierte zum Leiter des Wohnungsamtes und wurde schließlich 1927 zum städtischen Finanzdirektor beim Magistrat berufen. Am 7. Juli 1924 heiratete er die in Gnesen am 14. Oktober 1896 geborene Dr. rer. pol. Gerda von Dresler und Scharfenstein († 30. Oktober 1981). Aus dieser Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter hervor. Am 28. März 1930 wurde Weisser 2. Bürgermeister von Hagen und Mitglied des Westfälischen Provinzlandtages. Diese Tätigkeit fand 1933 ein jähes Ende. Weisser wurde auf Grund des Paragraphen 4 des nationalsozialistischen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen. Bis zum Ende der NS-Herrschaft war er zunächst als Verlagslektor tätig, dann übernahm er die Leitung eines kommunalen Fachverlages mit Druckerei und Versandbuchhandlung; ein Unternehmen, das sich später zum wissenschaftlichen Verlag Otto Schwartz & Co., Göttingen, entwickelte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges widmete sich der von den Nationalsozialisten ins politische Abseits Gedrängte mit aller Energie dem demokratischen Wiederaufbau. Schon in seiner Jugend hatte sich Weisser als Sozialist und Mitglied des Reichsbanners politisch engagiert. Und so war es nur folgerichtig, daß er sich mit seinen Fähigkeiten – vor allem bei der wissenschaftlichen Klärung politischer Programme – in den Dienst der wiederbegründeten SPD stellte. Bereits auf der Kulturpolitischen Konferenz der SPD 1947 in Ziegenhain war er an der Ausarbeitung von Grundsätzen eines freiheitlich-demokratischen Sozialismus beteiligt. Zeitlebens beschäftigten ihn die Fragen der Verbindung des sozialistischen Ideengutes mit einem aktiven Christentum; die Mitgliedschaft in der Kammer für Soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland legt dafür Zeugnis ab. Weisser gilt als einer der bedeutendsten Wegbereiter und geistigen Väter des Godesberger Programms von 1959. Er war bis zu diesem Jahr Mitglied aller Programmkommissionen der SPD.

Die wissenschaftlichen Analysen und theoretischen Konzepte Weissers basierten auf vielfältigen praktischen Erfahrungen. Ab 1. Juli 1945 war er als Regierungsdirektor (Bestallung: 22. Oktober) und Leiter des Finanz- und Wirtschaftsministeriums in der Braunschweigischen Landesregierung tätig. Später führte er als Ministerialdirektor die Geschäfte des Staatsministers für Wirtschaft und Arbeit. Am 9. Januar 1946 übernahm er die Vertretung des Ministerpräsidenten. Auseinandersetzungen mit der Militärregierung führten im Februar 1946 zur Entlassung, jedoch nicht zum Ende seiner politischen Karriere. Konrad Adenauer konnte trotz Verzögerungstaktik nicht verhindern, daß der altgediente Sozialdemokrat in der ersten Sitzung des Zonenbeirates der Britischen Zone – dem ersten von den Deutschen indirekt gewählten Parlament nach dem Kriege – am6. März 1946 in Hamburg mit 24 gegen drei Stimmen zum Generalsekretär gewählt wurde. Die Ernennung erfolgte nach einstimmiger Wahl vom 20. Februar 1947 am 10. September. Dies macht deutlich, daß Weisser mit seinen zukunftsweisenden Ideen zur Boden- und Währungsreform, zum Lastenausgleich und zum sozialen Wohnungsbau als unbestrittene Autorität allgemeine Anerkennung gefunden hatte. Sein letztes politisches Amt übte der in vielen Funktionen bewährte Sozialdemokrat vom 3. September 1948 bis zum Beginn des Jahres 1950 als Ministerialdirektor, später Staatssekretär im Finanzministerium des Landes Nordrhein-Westfalen aus.

Seine Berufung als ordentlicher Professor für Sozialpolitik an die Universität Köln Anfang 1950 entsprach ganz Weissers Wunsch, sich stärker als bisher wissenschaftlichen Themen und politischer Grundsatzarbeit zu widmen. Weisser wurde Direktor des Seminars und Forschungsinstituts für Sozialpolitik, des Seminars für Genossenschaftswesen, Mitdirektor des Forschungsinstituts für Sozial- und Verwaltungswissenschaft und des Instituts für Wohnungsrecht und Wohnungswirtschaft. Er war Vorstandsmitglied des Internationalen Forschungs- und Informationszentrums für Gemeinwirtschaft und Verwaltungsrat des Instituts für Selbsthilfe und Sozialforschung e.V. Er engagierte sich an der Akademie für Bevölkerungswissenschaft und an der Sozialforschungsstelle Dortmund. Daneben war er als Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Beiräte und Gesetzgebungskommissionen bei Bundes- und Landesministerien tätig. Nach seiner Emeritierung und Übersiedelung nach Göttingen 1965 erhielt er 1967 an der dortigen Georg-August-Universität eine Honorarprofessur; er widmete sich verstärkt den Aufgaben des von ihm mitbegründeten Forschungsinstituts für Gesellschaftspolitik und beratende Sozialwissenschaft e.V. Göttingen. Seit ihrer Wiederbegründung nach dem Kriege 1954 war Weisser bis 1966 Präsident der Friedrich-Ebert-Stiftung, seit 1970 Ehrenpräsident des Kuratoriums. In Anerkennung seiner Verdienste wurde ihm 1962 die Victor-Aimé-Huber-Plakette verliehen. 1968 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern, 1973 das Große Verdienstkreuz des Landes Niedersachsen. 1980 verlieh ihm die Universität Bochum die Ehrendoktorwürde. Er starb im 92. Lebensjahr.

Gerhard Weisser bekannte selbst, daß sein Problem darin bestanden habe, von den Politikern als Wissenschaftler und von den Wissenschaftlern als Politiker angesehen zu werden. Tatsächlich sind beide Gebiete in seinem Lebenswerk unlösbar miteinander verbunden und seine Wirkungen auf beiden Gebieten nachhaltig gewesen. Als Beispiel sei das von ihm entwickelte Lebenslagenkonzept erwähnt, das seinen nachweisbaren Niederschlag im Bundessozialhilfegesetz gefunden hat.

Quellen: Der Nachlaß von Gerhard Weisser befindet sich im Archivder sozialen Demokratie (AdsD) in der Friedrich-Ebert-Stiftung,Bonn-Bad Godesberg. Das Findbuch gibt Auskunft über 75 lfm. mit 1933 Signaturen. Alle in den Quellen genannten Personen sind in einem Personenregister erfaßt. In dem Universitätsarchiv Rostock enthält der Bestand: Juristische Fakultät, Habilitationsakte 1940-1945, Angaben zu Weissers Habilitation. Das Universitätsarchiv Köln besitzt unter der Signatur ZUG Nr. 408 2154 die mit seiner Kölner Lehrtätigkeit verbundenen Akten.

Lit.: Ein von W. selbst redigiertes Schriftenverzeichnis findet sich in Kürschners deutschem Gelehrten-Kalender, 10. Aufl. 1966, S. 2653f., ebenso in: Die Hochschullehrer der Wirtschaftswissenschaften, Berlin 1966, S. 791-796. Auch die von Fr. Karrenberg u. H. Albert herausgegebene Festschrift für Gerhard Weisser, Sozialwissenschaft und Gesellschaftsgestaltung, Berlin 1963, enthält ein Schriftenverzeichnis.

Bild: Weisser im Februar 1978; Universitätsarchiv Köln.

 

  Guntram Philipp

 

 

 

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