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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wende, Erich

Staatssekretär

* 1884, 14.09.
Preußisch Stargard/Westpr.

† 1966, 29.09.
Baden-Baden

Erich Wende hat in der Bildungsverwaltung, als Bildungsrechtler und Bildungshistoriker Herausragendes geleistet und ist ein markantes Beispiel für die Kontinuität eines spezifisch preußischen überparteilichen "Kulturbeamtentums" vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zu den Anfangsjahren der Bundesrepublik. Am Ende seiner Karriere war er von 1947 bis 1950 Staatssekretär im niedersächsischen Kultusministerium in Hannover und anschließend bis zu seinem 70. Lebensjahr Leiter der von ihm aufgebauten Kulturabteilung im Bundesministerium des Innern in Bonn. Wende war liberaler Katholik. Konfessionelle Toleranz lernte er bereits im Elternhaus kennen. Seine Vorfahren waren Handwerker, Müller, Bäcker, Weber, Schuster und Baumeister. Sein Vater durchlief die typischen Stationen des sozialen Aufstiegs vom Sohn eines Dorfschullehrers zum Altphilologen und brachte es zum Provinzialschulrat für Lehrerbildung. Der Sohn wuchs in Oppeln auf, dem Verwaltungszentrum Oberschlesiens, auch Schulzentrum mit etwa 128.000 Einwohnern. Nach dem Abitur am dortigen humanistischen Gymnasium studierte Wende an den Universitäten Breslau und München Rechtswissenschaft. Ursprünglich hatte er sich Geschichte und Deutsch zuwenden wollen. Nach kurzer Tätigkeit im Justizdienst arbeitete Wende dreieinhalb Jahre im Provinzialschulkollegium in Münster i.W. Relativ früh, im Mai 1917, wurde er ins preußische Kultusministerium berufen. Ein Jahr später wechselte er aus der Volksschulabteilung in die vom jungen Ministerialdirektor Prof. Dr. C.H. Becker (1876-1933) geleitete Hochschulabteilung. Wende gehörte zum engsten Umkreis Beckers, der im April 1919 zum Staatssekretär avancierte und bis Januar 1930 ohne Unterbrechung als Staatssekretär und Minister entscheidenden Einfluß auf die preußische Kulturpolitik gewann. Ihm widmete Wende –  im Alter von 75 Jahren –  die erste umfassende Biographie(C.H. Becker. Mensch und Politiker. Ein biographischer Beitrag zur Kulturgeschichte der Weimarer Republik. Stuttgart 1959).

Vom "Hilfsarbeiter" Beckers stieg Wende schon im September 1919, mit 35 Jahren, zum Vortragenden Rat und Nachfolger Beckers als Personalreferent auf, einer Schlüsselstellung im Kultusministerium. Bald wurde er auch für Fragen der Studienreform zuständig. Er lernte die preußischen Universitäten, die damals vor großen personellen und finanziellen Problemen standen, durch systematische Reisen kennen. Im Herbst 1923 ging er als erster hauptamtlicher Kurator zur Kieler Universität. Hier übernahm Wende einen Lehrauftrag für Hochschulrecht, der, als er im Mai 1926 in die Volksschulabteilung des preußischen Kultusministeriums berufen wurde, an der Berliner Universität zu einem Lehrauftrag für das gesamte Schulrecht erweitert wurde. Wie der Lehrauftrag zeigt, verstand sich Wende nicht nur als Administrator, sondern auch als Wissenschaftlicher und veröffentlichte ein heute noch wichtiges Werk über Grundlagen des preußischen Hochschulrechts (1930), für das ihm die Kieler rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät den Doktor h.c. verlieh.

Im Herbst 1926 wurde Wende zum Dirigenten der Volksschulabteilung ernannt, mit etwa 20 Referenten die größte Abteilung im Kultusministerium. Zu Wendes Aufgabenbereichen gehörten die Gestaltung und Finanzierung des Volksschulwesens, die Lehrerbildung und -besoldung, der Aufbau der Volkshochschulen, der Schulbau, das gesamte mittlere Schulwesen, auch Kindergärten und Horte. Zu den Schwerpunkten der Becker’schen Kulturpolitik zählte die Reform der Volksschullehrerbildung, d.h. die Ablösung der seminaristischen Ausbildung durch den Neuaufbau Pädagogischer Akademien. Wende griff in die Diskussion darüber mit seiner Schrift Die Pädagogische Akademie als Hochschule (1931) ein. Der Hochschulcharakter dieser (eher "höheren Fachschulen" gleichenden) Akademien war umstritten. Unstrittig hingegen war, daß –  wenn schon die von der Weimarer Verfassung 1919 angestrebte Akademisierung der Lehrerbildung im Sinne einer Verlagerung derselben an die Universitäten nicht durchsetzbar war – die Pädagogischen Akademien zum Kernstück einer Modernisierung der Volksschulen zählten. Um so mehr traf es auf Reform drängende Kräfte, daß infolge der Weltwirtschaftskrise 1930 die Hälfte der auf 14 angewachsenen Akademien aufgrund der Finanznot des preußischen Staates geschlossen werden mußte (nach 1945 setzte sich das preußische Modell in Form von "Pädagogischen Hochschulen" im Westen wie im Osten Deutschlands durch, bis Ende der fünfziger Jahre die Integration in die Universität begann). Im Juni 1932 erfolgte die Ernennung Wendes zum Ministerialdirektor (kurz darauf wurde der sozialdemokratische preußische Kultusminister Adolf Grimme im Zuge des Staatsstreichs des Reichskanzlers von Papen durch einen Staatskommissar abgelöst).

Am 11. April 1933, nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, in den einstweiligen Ruhestand versetzt, gelang es Wende, sich in eine politisch neutrale richterliche Tätigkeit zurückzuziehen. Er wurde zum Landgerichtsdirektor einer Zivilkammer in Berlin ernannt (unter Fortzahlung seiner früheren Bezüge). Zeitweilig war er Vorsitzender einer Sonderkammer für Familienrechtsstreitigkeiten, später für Patent- und Warenzeichenprozesse. Nach dem Zusammenbruch des Reiches im Mai 1945 war er Vormundschaftsrichter am Amtsgericht Berlin-Friedrichshain. Mitte September 1945 wurde er von dem früheren liberalen Reichsjustizminister Eugen Schiffer (1860-1954), der die NS-Zeit in einem Berliner jüdischen Altersheim überlebt hatte, zum Leiter einer Abteilung für das Ausbildungswesen in der im Juli 1945 in der sowjetisch besetzten Zone errichteten und von Schiffer geleiteten Deutschen Verwaltung für Justizwesen (mit der Amtsbezeichnung Präsident) berufen. Auf Anordnung der sowjetischen Besatzungsmacht mußte Wende Kurse für den Richternachwuchs einrichten. In sechs Monaten wurden Bewerber ohne Reifezeugnis zu Richtern und Staatsanwälten "ausgebildet".

Adolf Grimme (1869-1963), der letzte preußische Kultusminister, von 1942 bis 1945 von den Nationalsozialisten im Zuchthaus inhaftiert, von 1946 bis 1948 der erste Kultusminister im neu errichteten Land Niedersachsen, holte Wende 1947 als Staatssekretär nach Hannover. In seinem (unveröffentlichten) Lebensrückblick schrieb Wende, "daß hier noch einmal ein Stück Preußen wiedererstanden war". So ging auch die erste (und für 40 Jahre einzige) gesamtdeutsche Kultusministerkonferenz in Stuttgart-Hohenheim im Februar 1948 maßgeblich auf niedersächsische Anregungen zurück. Wende erwarb sich Verdienste beim Wiederaufbau des Bildungswesens, etwa bei der Errichtung zweier neuer Hochschulen (für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven und für Gartenbau in Hannover) sowie zweier Hochschulen zur Ausbildung von Gewerbe- und Landwirtschaftslehrern. Seine besondere Liebe gehörte dem Zweiten Bildungsweg. So förderte er die Errichtung des "Braunschweig-Kollegs", das befähigte Jugendliche ohne Abitur in zwei Jahren auf das Hochschulstudium vorbereitete. Nach Erreichen der Altersgrenze wurde seine Dienstzeit um ein Jahr verlängert.

1950 wurde Wende mit dem Aufbau der Kulturabteilung im Bundesministerium des Innern betraut (zunächst für drei Monate abgeordnet, später im Rahmen eines Dienstvertrages). Obschon das Grundgesetz dem Bund wenig Möglichkeiten für kulturpolitisches Engagement einräumte (hier schufen erst die Grundgesetzänderungen vom Mai 1969 grundlegenden Wandel), gelang es Wende, im Rahmen des Möglichen die kulturellen Bestrebungen des Bundes zu koordinieren. Die personell kleine Abteilung, die Wende förmlich aus dem Nichts aufbaute, nahm sich der Fragen von Bildung und Forschung, Presse, Film, Rundfunk sowie der Denkmalspflege an. Zumeist ging es dabei um die Mitwirkung des Bundes durch Finanzmittel. So sicherte er das damals noch im Aufbau begriffene Institut für Zeitgeschichte in München, eine bayerische Gründung, und förderte die Ostforschung, deren Bedeutung ihm aus seiner Oppelner Kindheit bewußt war (im Ruhestand war er von 1955 an mehrere Jahre lang Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde). Wende setzte sich auch für die Rückgewinnung der deutschen Auslandsinstitute für Archäologie, Geschichte und Kunstgeschichte, die Gründung einer wissenschaftlichen Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien sowie für die Errichtung des Bundesarchivs ein. Enge Kontakte pflegte er zur Deutschen Forschungsgemeinschaft, die mit namhaften Bundesmitteln unterstützt wurde, und förderte die Errichtung studentischer Wohnheime. Mit kritischer Zurückhaltung beobachtete er hingegen den Aufbau der Kultusministerkonferenz und die Finanzierung von überregionalen Forschungsinstituten durch die Länder über das Königsteiner Staatsabkommen. Wende nahm sich der politischen Bildung an, beispielsweise der Einrichtung der Bundeszentrale für Heimatdienst (der späteren Bundeszentrale für politische Bildung). In der letzten Zeit seines Wirkens kam es in Zusammenarbeit von Bund und Ländern zur Errichtung eines ersten Gremiums zur Bildungs-Politikberatung, des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen (1953-1965).

Wende hatte bereits Ende Oktober 1951 dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz vorgeschlagen, zur Verbesserung des bildungspolitischen Meinungsaustauschs eine "Arbeitsgemeinschaft" zu gründen, in der neben Bund und Ländern auch die Lehrer und Eltern, die Kirchen und die Wirtschaft vertreten sein sollten. In jener Zeit wurde in der Öffentlichkeit lautstark das "Schulchaos" der Länder beklagt und, vor allem von der FDP, eine Erweiterung der Bundeskompetenzen im Bildungsbereich gefordert (zu der es, wie erwähnt, erst 1969 kam). Der Abschluß des von der Kultusministerkonferenz vorbereiteten, von den Ministerpräsidenten der Länder im Februar 1955 unterzeichneten "Düsseldorfer Abkommens" beruhigte die Gemüter und sicherte fortan das notwendige Maß von Einheitlichkeit im Schulwesen.

Eine Woche vor Wendes Rücktritt wurde am 22. September 1953 unter Beteiligung von Bundespräsident Theodor Heuss der Deutsche Ausschuß, jene von ihm befürwortete Arbeitsgemeinschaft, konstituiert. Wende gehörte ihm von 1955 bis 1960 an, wirkte also am "Rahmenplan zur Umgestaltung und Vereinheitlichung des allgemeinbildenden öffentlichen Schulwesens" mit, dem Auftakt der großen Diskussion über Bildungsreformen. Wendes administrative Leistungen verdienen ebenso eine Würdigung wie seine wissenschaftlichen Werke,die seit langem zur bildungshistorischen Standardliteratur zählen.

 

  Christoph Führ

 

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