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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Westerman, Gerhart von

Leiter des Berliner Philharmonischen Orchesters

* 1884, 07.09.
Riga/Livland

† 1963, 14.02.
Berlin

Ein Wesensmerkmal deutsch-baltischen Artistokratentums ist eine Gabe, die man als „Befähigung zur Gesellschaftlichkeit“ bezeichnen könnte, als deren Eigenschaften Universalität, Weltoffenheit, Organisationstalent und eine Fähigkeit zur Repräsentation zu nennen sind. In Gerhart v. Westerman ist dieses Erbe seiner Herkunft mit seiner musikalischen Begabung eine glückliche Verbindung eingegangen, die ihm lebenslang zu einem vielseitigen und erfolgreichen Schaffen verhalf: als Komponist, Pianist, Musikwissenschaftler, Publizist, Intendant und Organisator im Bereich der Musik, wobei besonders die beiden letztgenannten Tätigkeiten über mehrere Jahrzehnte eine große Bedeutung für das deutsche Musikleben erlangten und noch bis in die Gegenwart fortwirken. Gerhart v. Westerman wurde 1894 in Riga geboren. Im Anschluß an die Rigaer Schulzeit studierte er Komposition an der Berliner Musikhochschule bei Paul Juon, dann ab 1918 in München bei Walter Courvoisier und August Reuß. Gleichzeitig belegte er das Fach Musikwissenschaft, das er mit seiner Promotion über den venezianischen Opernkomponisten Giovanni Porta abschloß. Von seinen wissenschaftlichen Publikationen seien hier „Das russische Volkslied, wie es heute gesungen wird“ genannt, für die ihn seine baltische Herkunft prädestinierte, sowie „Musikleben in Riga Anfang des 20. Jahrhunderts“ und „Drei baltische Musiker: Gerhard v. Keußler, Kurt v. Wolfurt, Eduard Erdmann“. Auch zeichnete er als Herausgeber von Notendrucken von Werken E. T. A. Hoffmanns und Peter Cornelius‘.

Sein kompositorisches Schaffen, das mit 25 Opuszahlen und drei musikdramatischen Werken ohne Opuszahl nicht sehr umfangreich ist, geht in seinen Anfängen von der Spätromantik aus. Sein Bemühen um eine zeitgemäße Tonsprache verhalf ihm nach und nach zu einem persönlichen Stil, wobei klangliche Aspekte im Vordergrund stehen. In vielen seiner Werke ist jener balladenhafte Ton auszumachen, der in der Musik aus dem nordostdeutschen Raum häufig anzutreffen ist. Dies mag auch der tiefere Grund dafür sein, daß er selbst bei seinen kleinbesetzten Orchesterwerken nie auf die Harfe verzichtet. Bemerkenswert ist auch der russische Einfluß in seinen Kompositionen, der an den Melodiebildungen, aber auch an der Verwendung von kirchentonalen Wendungen slawischer Prägung auszumachen ist.

Westerman hat bereits früh die Bedeutung des Rundfunks für das Musikleben erkannt. Ab 1924 war er Leiter der Musikabteilung und von 1933-35 stellvertretender Intendant des Münchner Rundfunks und bis 1938 in dieser Position am Berliner Kurzwellensender tätig. Von 1939 bis 1945 und von 1950 bis 1951 war er Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters. In seine zweite Amtszeit fiel nach dem Tod Wilhelm Furtwänglers die Berufung von Herbert von Karajan. Ein weiterer Beweis seiner organisatorischen Fähigkeiten waren seine Bemühungen um die Berliner Festwochen, die er 1950 mitbegründete und bis 1959 leitete. War Westerman in seinem eigenen kompositorischen Schaffen zu seiner Zeit gemäßigt modern zu nennen, so zeigte seine Programmgestaltung der Berliner Festwochen eine große Aufgeschlossenheit gegenüber den neuesten Strömungen der Musik. Einer großen Leserschaft ist Westerman durch seine „Knauers Opern- bzw. Konzertführer“ bekannt geworden, die zu weitverbreiteten und wichtigen Nachschlagewerken für Musikinteressierte wurden. Gerhart v. Westerman verstarb 1963 hochgeehrt in Berlin.

Werke: Lieder f. l Singst, u. Klavier: op. l, 5, 6, 21, 22, Sologesänge mit Orchester op. 2,11 (Aus baltischer Landschaft); op. 12, 19; 2 Klaviersonaten, Sonaten für Violine, Violoncello, Flöte, 2 Streichquartette u. l ein Singspiel (Darjas galante Zeit) v. 1922, A propos Kantate (1932), Prometheische Fantasie – Oper (1948/49 u. 1956) Text vom Komponisten.

Lit.: Gerhart von Westerman. Eine kleine Monographie (aus Anlaß seines 65 Geburtstages), Berlin 1959, enthält Beiträge von H.H. Stuckenschmidt, Peter Wackernagel und Gerhart v. Westerman, außerdem ein Verzeichnis der Kompositionen; Erwin Kroll in: „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“; Riemann Musiklexikon; Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960, Hrsg. Wilhelm Lenz u.a., Köln, Wien 1970.

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