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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Weyrauch, August Heinrich von

Komponist

* 1788, 30.04.
Riga/Livland

† 1865, 08.03.
Dresden

1846 erschien bei Challier in Berlin ein Einzeldruck des Liedes „Nach Osten geht, nach Osten, der Erde stiller Flug“. Dieses Lied, das sich zur damaligen Zeit größerer Popularität erfreute und das auch durch eine größere Zahl von Instrumental-Transkriptionen und -Paraphrasen, u.a. sogar von Franz Liszt, eine Bearbeitung erfahren hatte, wurde allgemein Franz Schubert zugeschrieben, so daß sich der Komponist des Liedes, August Heinrich v. Weyrauch, veranlaßt sah, einen Einzeldruck herauszugeben und eine diesbezügliche Richtigstellung anzufügen. Es spricht für die Qualität des Liedschaffens von Weyrauch, daß einige seiner Lieder Franz Schubert zugeschrieben wurden. Diese Verwechslungen beruhten auf stilistischen Merkmalen, die in vielem den Schubertschen verwandt sind.

Leider sind die Überlieferungen zu Leben und Werk des 1788 in Riga als Sohn eines Inländischen Gouvernement-Postmeisters geborenen August Heinrich v. Weyrauch sehr spärlich. Nach der Schulzeit in Riga und St. Petersburg war er bei der Post in Riga als Buchhalter angestellt. 1808 gab er ein „illustriertes Wochenblatt für Damen“ mit dem Titel Iris heraus, in dem er eigenes literarische Beiträge, eigene Klavierkompositionen sowie seine erste Liedkomposition „Es blüht in einem Hüttchen dort ein Mädchen engelschön“ veröffentlichte. 1811-13 studierte er Jurisprudenz an der Universität Dorpat, wo er dann 1820 als Lektor für deutsche Sprache tätig war. Diese Tätigkeit gab er jedoch krankheitshalber bereits 1821 wieder auf. Zwischen 1820 und 1827 erschienen in Dorpat fünf Hefte mit „deutschen Liedern“, insgesamt 54 Vertonungen, vorwiegend nach Gedichten von Goethe und Schiller und nach eigenen Texten. Diese Lieder stellen den Höhepunkt seines Schaffens dar. Jegor v. Sivers schreibt in seinem Buch „Die deutschen Dichter in Rußland“: „… eine überraschende Fülle origineller, mit unwiderstehlicher Gewalt in das Gemüth eindringender und im Gedächtnis haftender Melodien …“.

Weyrauchs Lieder waren damals im Baltikum außerordentlich beliebt und verbreitet, wie handschriftliche Überlieferungen in Poesiealben, Stammbuchblättern u.a. bezeugen, und es wurde gesagt, daß die Lieder Weyrauchs „ehedem eine Zeit lang von den musikalischen Balten fast ausschließlich gesungen worden seien“. So entsprach die Drucklegung der fünf Sammelbände einem wirklichen Bedürfnis.

1827 verließ er das Baltikum und siedelte nach Dresden über, wo er sich mit theologischen Studien beschäftigte. Von zeitweiliger Geisteskrankheit heimgesucht, ist in seinem Schaffen dieser Jahre ein Nachlassen der schöpferischen Kräfte auszumachen. Im Selbstverlag gab er nochmals zwei Hefte „deutsche Lieder, der neuen Lieder erste und zweite Sammlung“ heraus, doch sein frühromantischer Liedstil lag nicht mehr in der Zeit. 1865 verstarb Weyrauch in geistiger Umnachtung völlig vergessen und verarmt in Dresden. Wurde Weyrauch in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts als der populärste Komponist der baltischen Provinzen Rußlands bezeichnet, so war in der Baltischen Monatsschrift von 1889 in einem Bericht „Ein vergessener Dichter“ zu lesen: „Von den nicht eben zahlreichen Dichtern und Sängern, die dem Lande zwischen Düna und Embach angehörten, ist keiner so gründlich vergessen worden.“

Elmar Arro, der bedeutende Musikwissenschaftler estnischer Herkunft, dessen Arbeiten auch wesentliche Kenntnisse zur deutschbaltischen Musikgeschichte vermitteln, stellt Weyrauch in den Mittelpunkt seiner Schrift: „Die deutschbaltische Liedschule – Versuch einer nachträglichen musikhistorischen Rekonstruktion“ und schreibt: „Wie in einem Brennpunkt treten in seinen Deutschen Liedern alle Stilmerkmale der bisherigen und nachfolgenden baltischen Gesänge konzentrisch zusammengefaßt in Erscheinung. Sein Schaffen war mehr als Mode – es war Erfüllung des Vorausgegangenen und Vorbild für alles Weitere.“

Da Weyrauchsche Drucke eine bibliophile Rarität sind (3 Lieder sind im Anhang von Arros Schrift abgedruckt), ist für 1988 in Zusammenarbeit mit dem Institut f. Ostdeutsche Musik in Berg. Gladbach ein Auswahlband des Weyrauchschen Liedschaffens geplant. Dadurch wird es möglich werden, die Bedeutung Weyrauchs für die Geschichte des deutschen Kunstliedes vor Schubert in Betracht zu ziehen.

Lit.: Elmar Arro: Die deutschbaltische Liedschule. Versuch einer nachträglichen musikhistorischen Rekonstruktion in: Musik des Ostens, Band 3, Kassel, Basel, Paris, London, New York 1965. S. 175-239 (enthält neben Literaturangaben im Anhang einen Notendruck mit drei Liedern). Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960, Hrsg. Wilhelm Lenz u.a., Köln, Wien 1970 (enthält weitere Literaturangaben).

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