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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wichmann

Erzbischof von Magdeburg

* 1116 ca.

† 1192, 25.08.
Könnern im heutigen Bistum Bernburg

Als das Domkapitel des Magdeburger Erzstifts 1152 zur Wahl eines neuen Erzbischofs schritt, konnte zwar einer der beiden angetretenen Kandidaten die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen, er fand aber nicht die Anerkennung der unterlegenen Partei. Kaiser Friedrich Barbarossa, an den sich das Domkapitel nun wandte, ließ daraufhin durch eine Minderheit seinen eigenen Kandidaten Wichmann zum Erzbischof wählen. Die Wahl des aus dem im Mansfeldischen begüterten Seeburger Geschlecht stammenden und mit den Wettinern verwandten Wichmann war kirchenrechtlich umstritten, da er seit 1149 Bischof von Naumburg war und für die Annahme seiner neuen Würde eine ausdrückliche päpstliche Erlaubnis benötigte. Erst 1154 gelang es Wichmann, das Pallium in Rom zu erlangen. Er betrachtete sich seitdem als „von Gottes und des Kaisers Gnaden“ eingesetzter Erzbischof. In der Reichspolitik, die im wesentlichen durch die Auseinandersetzungen des Kaisers mit den Städten Oberitaliens und dem Papsttum bestimmt wurden, trat Wichmann bis in die Mitte der sechziger Jahre nur wenig in Erscheinung. Die nach dem Schisma von 1159 auf Konfrontation angelegte Vorgehensweise Friedrichs war vornehmlich von Rainald von Dassel, dem Reichskanzler und Kölner Erzbischof, konzipiert und ließ Wichmann nur wenig Raum für Aktivitäten – besonders, da der Magdeburger Erzbischof eher einem Ausgleich zwischen den Anhängern des kaisertreuen Papstes und dem von der Mehrheit der Kardinale gewählten Alexander III. zuneigte. Dies zeigte sich sowohl in seiner Vermittlung zwischen Barbarossa und dem alexandrinisch gesinnten Erzbischof von Salzburg als auch in seiner Haltung auf dem Würzburger Reichstag 1165, als er anfänglich den von Rainald vorgeschlagenen Eid auf den kaiserlichen Papst und seine Nachfolger zu leisten sich weigerte.

Nach dem Tode des Kölner Erzbischofs 1167 und der vernichtenden Niederlage der Reichstruppen 1176 bei Legnano gegen die oberitalienischen Kommunen war die Zeit des Ausgleichs gekommen. Bei den Verhandlungen mit Alexander III., die zuerst zum Vorvertrag von Anagni und dann im Jahre 1177 zum Frieden von Venedig zwischen Kaiser und Papst führten, schreiben zeitgenössische Quellen Wichmann eine herausragende Rolle zu. Unzweifelhaft zählte der Magdeburger zeit seines Lebens zu den Stützen des Kaisers. Seine Verdienste belohnte Kaiser Heinrich VI. im Jahre 1192 mit ansehnlichen Güterschenkungen aus ehemals welfischem Besitz westlich von Magdeburg.

Größere Bedeutung als in der Reichspolitik kommt Wichmann im Rahmen der deutschen Ostsiedlung zu. Wahrscheinlich als Ergebnis des erfolgreichen Feldzugs, den er 1157 zusammen mit Albrecht dem Bären gegen Jaxa von Köpenick um das dem Askanier zugefallene Erbe des brandenburgischen Fürsten Pribislav geführt hatte, waren ihm Gebiete östlich der Elbe bis zur Nuthe zugefallen. Schon wenige Jahre später ließ Wichmann sumpfiges Gelände trockenlegen und – teilweise auch unter Einbezug der unterworfenen Slawen – Siedlungen errichten. Dabei bediente er sich in großem Umfang sogenannter Lokatoren, Gründungsunternehmer, die für den Zuzug von zumeist aus Flandern oder dem westdeutschen Raum herrührenden Bauern Sorge tragen und die dörfliche Organisation leiten mußten.

Neben der Urbarmachung des Landes ließ sich Wichmann auch eine tatkräftige Unterstützung des Handels angelegen sein. In Groß-Wusterwte und Jüterbog, das er 1174 mit Magdeburger Recht begabte, entstanden Kaufmannssiedlungen, für die Zollbefreiungen, die Verleihung von Marktrecht sowie eine Vereinfachung der Rechtsprechung die Grundlagen schufen. Auch die kirchlichen Orden wurden in die Kolonisation miteinbezogen, sei es durch Besitzschenkungen im Kolonialland wie an das Prämonstratenserstift Gottesgnaden oder durch eine Klosterneugründung wie Zinna, dessen Bau 1171 von Wichmann begonnen und das mit Zisterziensern aus Altenberg besetzt wurde. Wichmanns Leistung in diesem Bereich ist um so höher zu bewerten, als er in den sechziger und dann noch einmal gegen Ende der siebziger Jahre gezwungen war, das Territorium des Magdeburger Erzstifts im Westen gegen die Übergriffe Heinrichs des Löwen zu verteidigen. Seine Eroberung der weifischen Feste Haldensleben im Jahr 1181, deren Besatzung durch eine von Wichmann mit der Anlage von Dämmen verursachte Überschwemmung der Ohre zur Aufgabe gebracht wurde, erregte die Bewunderung der Zeitgenossen. Doch war es Heinrich dem Löwen zwei Jahre zuvor gelungen, Elbslawen und Pommern zum Einfall in die ostelbischen Gebiete des Erzstifts zu bewegen, in dessen Verlauf ein Teil der Siedlungsarbeit Wichmanns der Zerstörung anheimfiel. Mit der Unterwerfung des Sachsenherzogs konnte sich das Magdeburger Territorium jedoch konsolidieren.

Lit.: Willy Hoppe: Erzbischof Wichmann von Magdeburg (Diss. v. 1908). In: Ders.: Die Mark Brandenburg, Wettin und Magdeburg. Ausgewählte Aufsätze, 1965, S. 1-152. – Dietrich Claude: Geschichte des Erzbistums Magdeburg bis in das 12. Jahrhundert, Teil II (= Mitteldeutsche Forschungen 67/11), 1975, S. 71-175.

Bild: Bronzetüren an der Westseite der Sophienkathedrale zu Nowgorod, Universitätsbibliothek Bonn

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