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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Willim, Pauline (geb. Herzogin von Württemberg)

* 1854, 11.04.
Lippstadt

† 1914, 23.04.
Breslau

Als Pauline Mathilde Ida Herzogin von Württemberg am 26. April 1854 in Lippstadt getauft wurde, standen mit Königin Pauline von Württemberg sowie der Halbschwester ihres Vaters, Herzogin Alexandrine Mathilde von Württemberg, der regierenden Fürstin Ida zu Schaumburg-Lippe und dem Prinzen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe Familienmitglieder von höchstem Rang Pate.

Ihr Vater Eugen Erdmann (1820-1875), der Gute, war seit 1843 mit seiner Kusine, Prinzessin Mathilde zu Schaumburg-Lippe (1818-1891), verheiratet. Als ältester Sohn des Eugen von Württemberg (1788-1857) trat er nach dessen Tod die schlesische Herrschaft Carlsruhe an und schied aus dem aktiven Militärdienst aus. Die drei Kinder des Paares, neben dem Nesthäkchen Pauline die Erstgeborene Wilhelmina Eugenia (1844-1892) und Wilhelm Eugen (1846-1877), verbrachten daher einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend im schlesischen Carlsruhe. Dort lernte Pauline ihre Freundin Gertrud Scholz kennen, mit der sie über Jahrzehnte hinweg in engem Briefkontakt stehen sollte. Gewisse Parallelen im Leben der beiden Frauen sind dabei unübersehbar.

1868 heiratete ihre ältere Schwester Wilhelmina den eigenen Onkel, Nikolaus von Württemberg, der damit gleichzeitig Paulines Schwager wurde. 1874 brachte ihr Bruder Wilhelm Eugen mit der russischen Großfürstin Wera Konstantinowna Romanowa (1854-1912), der Adoptivtochter König Karls von Württemberg, ein weiteres Mitglied der Verwandtschaft als Braut nach Carlsruhe. Pauline – von ihrer Patentante Alexandrine Mathilde liebevoll als „Paulinchen“ bezeichnet – war von der Natürlichkeit der nur wenige Monate älteren Wera angetan und pflegte auch nach dem frühen Tod ihres Bruders Anfang 1877 engen Kontakt zu Wera und ihren Zwillingstöchtern.

1875 war ihr Vater Eugen Erdmann verstorben, die Mutter behielt aber ihren Hauptwohnsitz in Carlsruhe, auch wenn sie – anders als ihre Tochter – eine Vorliebe für das Reisen pflegte. So musste Pauline sie im Sommer 1877 auf einer ausgedehnten Reise begleiten, die sie auch nach Stuttgart führte. Im Kreise der jüngeren Verwandtschaft – unter ihnen der nur sechs Jahre ältere Kronprinz „Willy“ und ein ihr bislang unbekannter Vetter, für den sie eine fast schon schwärmerische Neigung entwickelte – verbrachte sie die Tage mit Blinde Kuh spielen und ähnlichen Zerstreuungen. Die württembergische Verwandtschaft belegte sie mit dem Kosenamen „Polly“, und sogar die kleinen Zwillingsmädchen wurden angehalten, sie so zu nennen.

Im Sommer 1878 erkrankte ihre sich bis dahin einer blühenden Gesundheit erfreuende Mutter. Der sie in Breslau behandelnde Arzt übergab sie der Obhut seines jungen Assistenten, Dr. Melchior Willim (1855-1910), zu dem Pauline in der Folgezeit eine enge Beziehung aufbaute, von der sie nicht abzubringen war. Zahlreichen Briefen von Pauline an ihre Freundin Gertrud lässt sich aus versteckten Andeutungen entnehmen, dass nicht nur deren Verlobter, ein angehender Pfarrer, in ihrem Alter war – was von Pauline als vorteilhaft für ein lebenslange Bindung angesehen wurde. Auch dessen schwarzes Haar und dunkle Augen entsprachen vollkommen dem Schönheitsideal von Pauline, welches sich – wen wundert es – natürlich auch bei Melchior Willim wiederfinden sollte. Sich der Schwierigkeit ihrer Situation voll bewusst, bat PauIine die Freundin im Sommer 1879 gar, die Rolle eines Postillon d’Amour zu übernehmen.

Bis zur Eheschließung mit ihrem Arzt lag allerdings ein weiter Weg vor ihr. Letztlich bat ihre Mutter Mathilde den württembergischen König um seine Einwilligung zu dieser unstan­desgemäßen Ehe, von der Pauline nicht abzubringen sei. König Karl erteilte daraufhin seine Erlaubnis, allerdings mit der Auflage, dass Pauline auf den Namen und alle Rechte einer Prinzessin von Württemberg für immer verzichten und bis zu ihrer Heirat den Namen „von Kirbach“ tragen sollte. Diesen ersten Fall einer morganatischen Ehe im württembergischen Regen­tenhaus verübelte ihr die königliche Verwandtschaft in keiner Weise. Pauline stimmte dem allen aus freien Stücken zu und wurde am 1. Mai 1880 in Carlsruhe getraut.

Von der Ziviltrauung im Carlsruher Schloss ging es zur Kirche, Herzog Nikolaus, der Onkel-Schwager als Brautvaterersatz mit der Braut in der einen, Dr. Willim mit der Brautmutter und Herzogin Helene von Württemberg, der Witwe von Paulines verstorbenem Großvater, in der anderen Kutsche. In der „gedrückt“ vollen Kirche – so die Schilderung der Patentante Alexandrine Mathilde an ihren abwesenden Bruder Wilhelm von Württemberg – wurde ganz Carlsruhe Zeuge von Paulines Gefühlsausbruch, die fast kreischend nicht nur die Frage des Geistlichen bejahte, sondern hinzufügte, dass die Aufgabe von Namen und Stand kein Opfer, statt dessen sie „beneidenswert glücklich“ sei.

In der Folgezeit konvertierte Pauline Willim, wie sie fortan hieß, zum Katholizismus. Aus der Ehe mit dem durchaus als wohlhabend anzusehenden Dr. Melchior Willim, dessen Vater ebenfalls Arzt gewesen war, gingen innerhalb weniger Jahre die Kinder Marcella, Raphael und Michaela hervor. Die Jüngste war kaum drei Jahre alt, als Paulines Engagement für die sozialdemokratische Partei begann. Ihre Kinder über mehrere Wochen in der behüteten, liebevollen Obhut ihrer eigenen Mutter in Carlsruhe wissend, blieb sie selbst so manches Mal lieber in Breslau, wo sie sich für in Not geratene Arbeiterfamilien einsetzte und für die Frauenbewegung aktiv wurde. Ihr für ein Mitglied des Hochadels ungewöhnliches soziales Engagement, ihre finanzielle Unterstützung der Sozialdemokraten, die ihr letztlich den Namen „Rote Prinzessin“ einbringen sollte, blieben in Berlin nicht unbemerkt und wurden von dort aus argwöhnisch beobachtet. Ihretwegen wurde sogar eine Akte angelegt, war doch ihre Ururgroßmutter Friederike Dorothea von Württemberg (1736-1798) eine Nichte von Friedrich dem Großen gewesen, womit die nunmehr zwar bürgerliche Pauline Willim ebenfalls zur weitläufigen königlich-kaiserlich-preußi­schen Verwandtschaft gezählt werden konnte, nicht nur über die Gattin des Kaisers. Melchior Willim, selbst Anhänger der Fortschrittlichen Volkspartei, unterband die politische Aktivität von Pauline keineswegs, sondern holte sie – zum Missvergnügen der Berliner „Beobachter“ – von ihren Veranstaltungen, trotz seiner langen Arbeitstage, nach Möglichkeit sogar ab.

Die württembergische Verwandtschaft indes – insbesondere der selbst karitativ sehr aktive schlesische Zweig – störte sich nicht im Geringsten an Paulines Kontakten zum gewöhnlichen Volk. Anders als in sozialdemokratischen Kreisen später irrtümlich verbreitet, wurde Pauline wegen ihrer Ehe mit einem Bürgerlichen von der herzoglichen Familie weder verstoßen noch enterbt. Nach Aussage einer der drei jüngeren Schwestern ihres Mannes herrschte im Gegenteil im Hause Willim reger Besuch der Carlsruher und auch Stuttgarter Verwandtschaft: Neben der Mutter, Herzogin Mathilde, kehrten die beiden Onkel, die Herzöge Wilhelm und Nikolaus von Württemberg, auf ihren diversen Durchreisen genauso stets bei Pauline und Melchior Willim in der Breslauer Palmstraße 29 ein, wie die früh verwitwete Schwägerin Herzogin Wera von Württemberg, die überdies alle Dr. Willim mit dem verwandtschaftlichen „Du“ anredeten. Wilhelm von Württemberg hinterließ seiner Nichte Pauline ein nicht eben geringes Vermächtnis, das später auf ihren Sohn übergehen sollte. Aus diesem Grund bedachte seine Schwester Alexandrine Mathilde lediglich die Töchter ihres Patenkindes testamentarisch mit einem namhaften Betrag unter der Voraussetzung einer weltlichen Lebensführung.

Sollte Pauline als letztlich eingeschriebenes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei bei einigen Familienmitgliedern des Hauses Württemberg dann doch noch in Ungnade gefallen sein, so galt das jedenfalls nicht für den letzten württembergischen König, Wilhelm II. Sowohl zum Tod des nunmehrigen Sanitätsrates Dr. Willim, der 1910 an den Folgen eines Schlaganfalls starb, als auch zum Tod seiner Witwe Pauline 1914 sandte der König Beileidstelegramme und ließ einen Kranz mit den Farben des Hauses Württemberg am Sarg niederlegen.

Pauline soll in ihrem Äußeren einen Hang zur Exzentrik gehabt haben. Ihr in Nachrufen hervorgehobenes überaus starkes soziales Engagement wird besonders bei ihrer Unterstützung des Schorndorfer Arbeiterdichters und Sozialdemokraten Ludwig Palmer (1856-1931) deutlich, mit dem sie in engem Briefkontakt stand, sich mehrfach für ihn einsetzte und letztlich großzügig in ihrem Testament bedachte.

Informationen über ihre Kinder sind spärlich. Während man über Paulines beiden Töchter nur sehr wenig weiß – die ältere, schon als Kind zarte Marcella, wollte kurz vor dem Ersten Weltkrieg noch Nonne werden –, wurde der 1882 geborene Sohn Raphael Melchior Alexander Eugen Willim ein bekannter Breslauer Augenarzt, den es nach dem Ersten Weltkrieg mit seiner Frau und den drei kleinen Söhnen Joachim (*1910), Peter (*1912) und Nikolaus (*1913) zunächst nach Ludwigslust verschlug. Zumindest mit seinen beiden älteren Söhnen wanderte er – vielleicht ebenfalls als Sozialdemokrat – nach Paraguay aus, wo 1937, zwei Jahre vor seinem Tod 1939, seine einzige Tochter aus zweiter Ehe, Wilma Wera Willim Krause, geboren wurde.

Lit.: Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart: Bestände E 55 Bü 126, 145, 354; G 330 Bü 1, 2; J 191 (Württemberg, Pauline); M 430/3 Bü 12547. – Gudrun Emberger, Art. „6.2.21. Pauline“, in: Das Haus Württemberg. Ein biographisches Lexikon, hrsg. von Sönke Lorenz/Dieter Mertens/Volker Press (†). Stuttgart 1997, S. 374f.; Jürgen W. Schmidt, Pauline Willim. Eine „sozialdemokratische Herzogin“ in Breslau, in: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 45/46 (2004/2005), S. 593-596. – [nahezu identisch] Ders., Eine geborene Herzogin von Württemberg wird Sozialdemokratin in Breslau, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 63 (2004) S. 515-518; Gerhard Raff, Die „rote Herzogin“ aus dem Hause Württemberg. Zur Ausstellung Schlesische Kirchen in Freudenstadt 29.4.-8.5.05, in: Freudenstädter Heimatblätter 36 (2005) 6, S. 3. – Paul Sauer, Wenn Liebe meinem Herzen fehlt, fehlt mir die ganze Welt. Herzogin Wera von Württemberg, Großfürstin von Rußland. 1854-1912, Filderstadt, 2. veränd. Aufl. 2007. – William Addams Reitwiesner, The Descendants of Pauline von Kirbach (1854-1914), vgl. https://www.wargs.com/royal/kirbach.html (letzter Zugriff 20.03.2015).

Bild: Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart G 330 Bü 3.

Heike Drechsler-Meel

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