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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Willmann, Otto

Philosoph, Pädagoge

* 1839, 24.04.
Lissa/Posen

† 1920, 01.07.
Leitmeritz/Böhmen

Sein Geburtsort, das Städtchen Lissa im damaligen Bezirk Posen, ist bekannt durch Johann Amos Comenius. Als Rektor der dortigen Schule verfaßte er im 17. Jh. eine Reihe berühmter pädagogischer Schriften, so z. B. „Orbis sensualium pictus“ und „Didactica Magna“. Mit seiner „Didaktik als Bildungslehre“ knüpfte Otto Willmann an diese Tradition an und ging so in die Geschichte der Pädagogik ein.

Otto Willmann entstammt einer alten schlesischen Familie, die sich rühmt, den „schlesischen Rubens“, Michael Willmann, im Stammbuch zu haben. Sein Vater war Bezirksgerichtsdirektor in Lissa und als Provinzdeputierter von Deutschen und Polen geschätzt. Der junge Schüler am Comeniusgynmasium wuchs in der Atmosphäre eines aufgeklärten Katholizismus auf und studierte nach dem Abitur vom Herbst 1857 an der Universität Breslau Mathematik und klassische Philologie. 1859-1863 studierte er in Berlin Altertumswissenschaft bei A. Boekh, indische Literatur und Sanskrit bei A. Weber, Philosophie bei A. Trendelenburg und Psychologie bei H. Steinthal, einem Schüler Herkarts. Bei Steinthal promovierte Willmann 1862/63 mit einer sprachpsychologischen Arbeit. – Im Oktober 1863 tritt Willmann in Tuiskon Zillers Seminar und Übungsschule in Leipzig ein, zunächst als Praktikant, ab Frühjahr 1864 als Instruktor. Otto Willmann wird zum Herbartianer und weist sich im Zusammenhang mit der Kulturstufentheorie Zillers durch eine Reihe von Veröffentlichungen als Pädagoge aus. Er bleibt aber in kritischer Distanz zu Herbart und vertieft sich gerade in den Leipziger Jahren in die Philosophie von Aristoteles und Leibniz. Die „Philosophia perennis“ des letzteren läßt Willmann seitdem nicht mehr los. – Von 1868 bis 1872 wirkt Otto Willmann in Wien. Er ist Ordinarius am Pädagogium und Oberlehrer der zu dieser Lehrerfortbildungseinrichtung gehörenden Übungsschule. In diesen Jahren rückt Willmann noch weiter ab vom Herbartianismus. Er erkannte die „Einengung“ der Pädagogik Herbarts als „Abzweigung eines konstruktiven Systems“. Bei Herbart fehlte die historische und soziale Betrachtung der Bildung, seine Pädagogik war ganz auf die Bildung der sittlichen Persönlichkeit konzentriert. Wichtige Ergänzungen findet Willmann in der historischen Betrachtung der Bildungsformen bei dem Wiener Staatsrechtler Lorenz von Stein und in der Erziehungslehre Friedrich Schleiermachers, der die individuale und soziale Aufgabe der Jugendbildung in einem dialektischen Prozeß sieht. Damit war der Grund gelegt für Willmanns spätere philosophische Pädagogik. Als Otto Willmann 1872 auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik an der Karls-Universität in Prag berufen wurde, entwickelte er dort in den folgenden Jahren die philosophische Pädagogik zu einer Disziplin, die über den deutschen Sprachraum hinaus Anerkennung fand. Otto Willmann gilt als einer ihrer bedeutendsten Vertreter im letzten Viertel des 19. Jh. Sein von ihm 1876 gegründetes „Pädagogisches Universitätsseminar“ hatte für die Lehrerbildung Österreichs und Süddeutschlands eine große Bedeutung. In der Prager Zeit entstanden seine beiden Hauptwerke: „Didaktik als Bildungslehre nach ihren Beziehungen zur Sozialforschung und zur Geschichte der Bildung“ (1882-1888) und „Geschichte des Idealismus“ (1894-1897). – 1903 wurde Willmann emeritiert und siedelte nach Salzburg um. Sein Ruhestand war erfüllt durch die Einrichtung einer katholischen Universität in Salzburg, durch eine breite Vortragstätigkeit in der Lehrerfortbildung und mit Publikationen, u. a. bei der Entwicklung des „Lexikons der Pädagogik“. – 1910 zieht er sich ins böhmische Leitmeritz zurück, wo er 1920 im 82. Lebensjahr verstarb.

Otto Willmann gehört mit Herbart und Schleiermacher zu den Begründern der „Erziehungswissenschaft“. Er hat den Begriff der Didaktik, der seit Comenius weit verbreitet war und in der Aufklärungspädagogik unter dem Primat der Methode eine universale Bedeutung bekommen hatte, neu definiert und auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben. Erziehungswissenschaft hat bei Willmann zwei Disziplinen: die Pädagogik als Theorie der Erziehung, d.h. „als Lehre von der sittlichen Ausstattung und Erneuerung“ des Individuums und der Gesellschaft als „Sittengemeinschaft“, und die Didaktik als Theorie der Bildung, d. h. „als Lehre von der geistigen Ausstattung und Erneuerung“ des Individuums und der Kulturgemeinschaft. Beide Disziplinen gehen in ihren historischen und sozialwissenschaftlichen Teilen von den empirischen Tatsachen aus, bedürfen aber der rationalen Durchdringung und Interpretation durch die Philosophie. Beide sind zwar ineinander verflochten, keine steht aber in Abhängigkeit von der anderen. Willmanns Didaktik ist trotz zeitbedingter konfessioneller Positionen immer noch aktuell und lesenswert. Wenn sie verkannt wurde, mag das daran liegen, daß Willmann zu den geistigen Strömungen seiner Zeit quer lag: In einer Zeit der „Umwertung aller Werte“ (Nietzsche) und des Historismus mit seinen hermeneutischen, begriffsgeschichtlichen und geschichtsdidaktischen Varianten trat er für eine systematische Bildungslehre ein. Im kulturkämpferischen protestantischen Deutschland Bismarcks wurde der Katholik aus Prag für einen ultramontanen Neuscholastiker gehalten. Wenig später fiel er unter das Verdikt der kulturkritischen Reformpädagogik, von der Willmann als Herbartianer eingestuft wurde. Den spätromantischen Eiferern war er zu wenig germanisch, und den Scientisten und Positivisten war seine philosophische Pädagogik keine Wissenschaft. – Willmanns Ausführungen zur Erziehung und Bildung verdienen es, gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen pädagogischen Diskussion neu interpretiert zu werden. Vielleicht ist unsere Zeit nun reif, Otto Willmanns „paedagogia perennis“ zu würdigen.

Werke (Auswahl): Didaktik als Bildungslehre nach ihren Beziehungen zur Sozialforschung und zur Geschichte der Bildung, 2 Bd., Braunschweig 1882-1889, 6. Aufl. Freiburg-Wien 1957. – Geschichte des Idealismus, 3 Bde., Braunschweig 1894-1897. – Aus Hörsaal und Schulstube. Gesammelte kleinere Schriften zur Erziehungs- und Unterrichtslehre. Freiburg 1904. – Aus der Werkstatt der Philosophia perennis. Gesammelte philosophische Schriften. Freiburg 1912. – Sämtliche Werke. Kritische Gesamtausgabe in 16 Bänden. Hrsg. v. H. Bitterlich-Willmann. Aalen 1968 ff.

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