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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wittstock, Erwin

Schriftsteller

* 1889, 25.02.
Hermannstadt

† 1962, 27.12.
Kronstadt

„Der Mann war mehr als ein Heimaterzähler“ hat Wolfgang Knopp einen Aufsatz zum 100. Geburtstag Wittstocks überschrieben. Was sicherlich als Lob gemeint war, enthält implizit die Annahme, „Heimatliteratur“ sei a priori von minderer ästhetischer Qualität und man müsse einen Autor davor bewahren, in diese Kategorie eingeordnet zu werden. Dem wäre zu widersprechen; denn regionale Bindung kann auch darin bestehen, dass der Text eine besondere Atmosphäre vermittelt, die sowohl genauer Kenntnis von Menschen und Landschaft entspringt, als auch ein Gefühl der Zuneigung zum Ausdruck bringt, das sich auf den Leser überträgt. Anders lägen die Dinge, wenn der Erzähler sich darauf beschränkte, einen locus amoenus zu erfinden, einen Ort des Friedens und der Harmonie, an dem die Uhren in der „guten alten Zeit“ stehen geblieben sind.

Dieser Tendenz zur Idylle scheinen deutschsprachige Minderheitenliteraturen leichter zu verfallen als die Literatur im deutschen Sprachraum. Auch die rumäniendeutsche Literatur, die vor allem in Siebenbürgen und dem Banat beheimatet ist, gilt als „kleine Literatur“ (Stefan Sienert). Sie ist nicht nur exterritorial, sondern hat sich auch unter ganz spezifischen Literaturverhältnissen entwickelt, die mit denen in Deutschland Ost und West ebenso wenig wie mit denen Österreichs und der deutschsprachigen Schweiz zu vergleichen sind.

In diesem Kontext muss man das Schaffen des 1899 im siebenbürgischen Hermannstadt geborenen Erwin Wittstock sehen. Väterlicherseits entstammt er einer Lehrer- und Pastorenfamilie. Die Vorfahren mütterlicherseits stellten in Herrmannstadt wiederholt die Bürgermeister.

Über frühkindliche Prägungen schweigen sich die Biografen aus – immerhin wächst der Junge in dem bildungsbürgerlichen Umfeld einer größeren Stadt mit vorwiegend deutschsprachigen Bewohnern auf. Der erste Unterricht wird vom Vater erteilt, dann besucht er „wenig erfolgreich“ (Wolfgang Knopp) die Schäßburger Bergschule, legt aber 1917 in Mediasch erfolgreich die Abiturprüfungen ab. Noch in demselben Jahr mel­det er sich freiwillig an die Front und wird zunächst an der Ostfront, darauf in Südtirol eingesetzt.

Das Kriegsende verändert die Situation der Siebenbürger Sachsen gründlich: Die Donaumonarchie bricht zusammen, und die Siebenbürger Sachsen votieren (wie die Banater Schwaben) für den Anschluss an das Königreich Rumänien.

Nach einem kurzen Intermezzo als Hauslehrer beginnt Witt­stock 1919 ein Jurastudium an der Universität in Klausenburg, das er 1922 erfolgreich abschließt. Es folgen Jahre der Beamtentätigkeit bei der Stadtverwaltung von Hermannstadt. Das Schreiben bleibt Feierabendbeschäftigung – erst 1936 wagt Wittstock den Schritt zu freiberuflicher Schriftstellerei. Dazu hatte ihn wahrscheinlich der Erfolg seiner Geschichten und vor allem seines Romanerstlings Bruder, nimm die Brüder mit ermutigt: Der Roman wurde 1933 als Jahresband der Deutschen Büchergilde in Rumänien ausgewählt und erschien in demselben Jahr auch bei Albert Langen/Georg Müller in München – jenem Verlag, der auch in den Folgejahren das Werk von Joachim Wittstock betreute. Zwischen 1933 und 1945 sind acht Titel von Wittstock dort erschienen, dazu zwei in der „Prager Feldpost-Bücherei“ und eine Novelle bei Reclam. Buch­­preise (Volksdeutscher Stiftungspreis der Stadt Stuttgart 1936, Erzählerpreis der „neuen linie“ 1938) sowie die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg (1936) trugen das Ihre dazu bei, den Autor (der zeitweilig nach Berlin übergesiedelt war) auch in Deutschland bekannt zu machen.

Nun ist literarischer Ruhm, erworben in Deutschland nach 1933, alles andere als eine Empfehlung für einen achtbaren Platz in der Literaturgeschichte. In WIKIPEDIA ist folglich auch zu lesen, Wittstock habe sich „in den Dreißiger- und Vierzigerjahren der volksdeutschen Ideologie“ angenähert und sei „folgerichtig von der NS-Kulturpolitik für ihre Zwecke ver­einnahmt“ worden

Wenn man sich für das Profil des Verlags interessiert, der Wittstocks Bücher in Deutschland herausgebracht hat, so erscheint dieses Urteil zutreffend (der Verlag ist bei Kriegsende als Parteiverlag klassifiziert und enteignet worden). Wenn man allerdings Texte wie Miesken und Riesken (1937) oder Der Hochzeitsschmuck (1941) beispielhaft betrachtet, wird man den Akzent auf das Wort „vereinnahmen“ legen – einfaches, dörfliches Leben im Rhythmus der Jahreszeiten, die Schilderung einer bodenständigen, an schwere Arbeit gewöhnten Landbevölkerung – das ließ sich gut im Dienst einer Blut-und-Boden-Ideologie verwerten. Die Rahmenbedingungen dafür waren gegeben: „Nach dem Ersten Weltkrieg gewannen analog zum Aufstieg autoritärer, nationalistischer Regime in Europa auch innerhalb der Rumäniendeutschen Anhänger nationalsozialistischer ‚Erneuerungsbewegungen‘ Zustrom, und die rumänische Außenpolitik (…) eröffnete Berlin die Möglichkeit, die Politik der Rumäniendeutschen umfassend auf das Dritte Reich auszurichten.“ (Ute Annelie Gabany).

Biografen geben sich wortkarg, wenn es um Wittstocks Nachkriegsschaffen geht. Als Lehrer und Rechtsanwalt in Hermann­stadt und Kronstadt sowie als Autor kann Wittstock offensichtlich an seine Vorkriegstätigkeiten anknüpfen. Auch das literarische Œuvre wächst weiter, nur sind die Verlagsorte nun Bukarest und (Ost) Berlin. In einem Editionsbericht zu dem 1999 im „Verlag Südostdeutsches Kulturwerk“ erschienenen Sammelband Einkehr schreibt der Sohn Joachim (ebenfalls Autor und Literaturhistoriker) über eine Auswahledition des Union-Ver­lags: „Ein beträchtlicher Teil von Wittstocks erzählerischem Werk – auch von der Qualität her beste Leistungen des Schriftsteller – waren (…) an den (ost)deutschen Leser herangetragen worden. (…) Zu den Lektoren dieses Verlags gehörte damals auch Johannes Bobrowski (1917-1965), der Wittstock als Erzähler schätzte und vermutlich einer seiner Befürworter im Verlag war.“

Seiner neuen Popularität in Deutschland hat sich Erwin Wittstock noch erfreuen können. Er starb 1962 im Kronstadt, dem rumänischen Brasov. Wittstock habe sich von Anfang an als „urwüchsiges Erzähltalent“ erwiesen, das es verstanden habe, siebenbürgische Lebensweise „in eigentümlicher künstlerischer Darstellungsweise“ festzuhalten, lobt ein Anonymus auf der Internetseite der Stadt Brasov. Damit dürfte weder ein letztes Wort zur ästhetischen Qualität von Wittstocks Werken, noch zu den Wandlungen in seiner inneren und äußeren Biografie gesprochen sein – bis auf die Dissertation von Lucia-Larissa Popovici ist die Wissenschaft diese Auskünfte noch schuldig geblieben.

Lit.: Wolfgang Knopp, Der Mann war mehr als ein Heimaterzähler, Zum 100. Geburtstag von Erwin Wittstock, in: Neohelikon XXVI/2. – Stephan Sienert, Literaturverständnis und Methode in der Erforschung der deutschen Literatur in Südosteuropa, in: Methodologische und literarhistorische Studien zur deutschen Literatur Ostmittel- und Südosteuropas. München: Verlag Südostdeutsches Kulturwerk 1994, S. 25-37. – Ute Anneli Gabany, Geschichte der Deutschen in Rumänien. – Joachim Wittstock, Editionsbericht, in: Erwin Wittstock, Ein­kehr, München 1999, S. 377. – Lucia-Larissa Popovici, Erwin Witt­stock, Monographische Studie. Alba Iulia 2010. – Vgl. de.wikipedia. org/wik/Erwin_Wittstock (09.01.2013). – https://forumkronstadt.ro/ identitaet/kronstaedter-persönlichkeiten/#c810 (07.01.2013).

Bild: Kohlezeichnung von Juliana Fabritius-Dancu (1954).

Elke Mehnert

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