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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Württemberg, Herzog Eugen von

Feldherr, Komponist

* 1788, 08.01.
Oels/Schlesien

† 1857, 16.09.
Carlsruhe/Schlesien

Der „Russische Eugen“, wie er in der Familie genannt wurde, war eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Erscheinung: Feldherr, Komponist und geschichtliche Persönlichkeit. Für die beiden genannten Berufe benötigt man Begabung, zur geschichtlichen Persönlichkeit wird man durch Umstände. Diese seien zuerst angesprochen. Paul I. soll ihn zu seinem Nachfolger auf dem Zarenthron bestimmt haben, indem er für ihn die Hand seiner Tochter Katharina ausersehen hatte. „Die Kunde der mir gewordenen kaiserlichen Gunst trug sich von Munde zu Munde … daß er etwas aus mir machen werde, worüber alles Maul und Nase aufsperren solle“, seine anderen acht Kinder wollte er enterben. Eine schriftliche Fixierung des Planes gab es nicht, aber dieses Gerücht hatte sich über Eugens weiteren Lebensweg gelegt. So wurde er trotz seiner großen Verdienste in den napoleonischen Kriegen vom Nachfolger Alexander I. mehrmals auffallend zurückgesetzt.

Eugen, Spross der schlesischen Linie der Württemberger, war Sohn des Herzogs Friedrich Eugen d. Ä. von Württemberg und der Luise geb. Prinzessin zu Stolberg-Geldern. Er war für die militärische Laufbahn bestimmt und wurde durch die verwandtschaftliche Bindung ans Zarenhaus bereits mit zehn Jahren General eines russischen Regiments. Nach der Schulzeit in Breslau seit 1799 ging er 1801 nach Russland und kehrte ein halbes Jahr später, nach den Ereignissen um die Ermordung Paul I., zurück. Es folgten Kavaliersreisen und die Studienzeit, mit 14 Jahren jüngster Student, an der kgl. preußischen Universität Erlangen von 1802 bis 1804. Reisen führten ihn u.a. nach Württemberg zu Friedrich I., dem Bruder seines Vaters. Dort begegnete er Napoleon, welcher ihn aufforderte, in seine Armee einzutreten. In Weimar kam er mit Goethe, Schiller und Wieland zusammen.

1806 trat er in den aktiven Dienst der russischen Armee. Bei der Schlacht von Pultusk am 26.12. erhielt er seine Feuertaufe und machte in der Folge mehrere Gefechte mit, auch die blutige Schlacht von Preußisch-Eylau (8.2.1807), bei der Eugen für den tapferen Einsatz den St. Annen-Orden erhielt. Ein Brief an die Eltern wurde abgefangen und dann mit dem Vermerk Napoleons weitergeschickt, ihm sei daran gelegen, dass seine Eltern beruhigende Nachrichten von dem Sohn erhielten. Nach dem Frieden von Tilsit wurde er nach St. Petersburg an den Hof geladen; berechtigte Hoffnungen auf Beförderung erfüllten sich nicht und so spielte er mit dem Gedanken, seinen Abschied zu nehmen, um in die österreichische Armee einzutreten, was die Zarin, seine Tante, nicht zulassen wollte. 1808 erhielt er den Befehl über einen Verband in Riga, wo er im gastlichen Haus des Onkels Alexander v. Württemberg gesellschaftliche Freuden und auch die Durchreise des preußischen Königspaars erlebte. Um ihn für Unzufriedenheiten zu entschädigen, wurde ihm längerer Urlaub in Schlesien gewährt, wo die erste schriftliche Fassung des Kriegsplans von 1812 entstand.

Es folgten Jahre großen militärischen Einsatzes an den Brennpunkten der Befreiungskriege, wo er oftmals erfolgreich das Geschehen beeinflusst und entschieden hat. 1810 wurde er zur Donauarmee beordert, die mit den Türken im Kampf lag. Dann übernahm er interimistisch in Bukarest die 9. Division. Mit Ludwig v. Wolzogen vertiefte er 1811 bei der Rückkehr nach St. Petersburg den Plan der defensiven Strategie gegen Napoleon, die allerdings wegen der negativen Folgen für die Moral der Armee und das Schicksal der Zivilbevölkerung wenig Anerkennung fand. „Auch die einschlägige russische Literatur streitet deshalb entweder die Existenz eines russischen Rückzugsplanes ganz ab … oder erwähnt den Sachverhalt nur am Rande“ (v. Ow). Oft wird Kutusow als Initiator des Rückzuges genannt, obwohl er ihn wohl nicht wollte. „Zur Verschleierung der Wahrheit trug die Tatsache bei, daß hinter dem russischen Kriegsplan in erster Linie aus Preußen stammende Offiziere standen, nicht zuletzt Herzog Eugen v. Württemberg.“ (v. Ow). Eugens Tapferkeit wurde bewundert und seine Beliebtheit im Heer war allgemein, letztere ein zusätzlicher Grund für das distanzierte Verhalten des Zaren.

Das Schicksalsjahr 1812 führte ihn mit seiner Division in die 1. Westarmee unter den Befehl des Livländers Barclay de Tolly. Er begrüßte den Herzog nach dessen Eingreifen in Smolensk, das den Rückzug der russischen Armee ermöglichte, mit: „Eure Hoheit haben die Armee gerettet. Sie darf es nie vergessen!“. Die blutige Schlacht bei Borodino am 7.9. hat die beiden Armeen 100.000 Mann gekostet und war die erste Entscheidungsschlacht, bei der Napoleon nicht als Sieger hervorgegangen ist. Eugen war es gelungen, eine Bresche wieder zu schließen, nahezu zwei Drittel seiner 3.600 Mann blieben jedoch auf dem Schlachtfeld. Eugen überstand den Tag unverwundet, obwohl ihm vier Pferde unter dem Leib erschossen wurden. Die Entscheidung Kutusows am 13.9., Moskau nicht zu verteidigen, entsprach Eugens Intention. Am 19.10. verließ Napoleon Moskau, das nach 9tägigen Bränden zu drei Vierteln verwüstet war. Die goldenen Brücken für den Rückzug der Grande Armee wurden durch mehrere Schlachten gestört, bei denen Eugen mit seinen Soldaten zahlreiche Gefangene nahm und viele Geschütze erbeutete. Zwischen dem 26. und 29.11. spielte sich das Drama an der Beresina ab, und über die Tage des Rückzugs schrieb Eugen in den Erinnerungen:„Die Erfrorenen füllten alle Wege, alle zerstörten Häuser, aller Felder an der Straße. Man sah diese aufrecht stehend, sitzend, kniend, in allen Lagen, in welchen sie der Tod ereilt.“ Eugen erwartete, für seine Erfolge mit der Führung der Avantgarde betraut zu werden, wofür sich auch Kutusow verwenden wollte, aber er wurde wieder übergangen. Bei den Befreiungskriegen 1813 gelang es ihm, den Feind aus der Stadt Kalisch zu vertreiben. In mehreren sächsischen und schlesischen Orten war sein Eingreifen bei Schlachten entscheidend. Davon zeugt noch heute in Krietzschwitz das Herzog-Eugen-Denkmal. Ende August führte er die Entscheidungsschlacht bei Kulm, in deren Anschluss die Truppen Vandammes mit seinem Führer gefangen wurden. Bei der Leipziger Völkerschlacht eröffnete Eugen das Gefecht gegen Wachau. Im Frankreichfeldzug 1814 hat er sich am 4.3. bei der Erstürmung von Troyes, am 20.3. bei Arcis-sur-Aube und am 30.3. beim Kampf vor Paris ausgezeichnet. Tags darauf zog er an der Spitze seines Korps in Paris ein. Er wurde zum General der Infanterie ernannt. Der Bemerkung Zar Alexanders: „Ohne Sie wären wir heute nicht hier“, folgte keine gerechte, öffentliche Würdigung.

Eugen zog sich nach Carlsruhe zurück. 1817 heiratete er die 16-jährige Prinzessin Mathilde v. Waldeck, die bereits 1825 verstarb. Nach dem Tod des Vaters 1822 übernahm Eugen die Herrschaft Carlsruhe. Auf Einladung der Zarinmutter kam er 1825 wieder nach St. Petersburg, wo er den Dekabristenaufstand miterlebte. 1827 heiratete er Prinzessin Helene v. Hohenlohe-Langenburg. 1828 wurde er von Zar Nikolaus zur Teilnahme am Krieg gegen die Türken berufen, wo er mit dem Sieg am Fluss Kamtschik den Brückenkopf einnahm. Für seine Verdienste erhielt er den St. Andreas-Orden, allerdings wurde die Verleihung nicht offiziell bekannt gegeben. Der türkische Feldzug beendete die militärische Laufbahn.

Die andere Lebenshälfte verbrachte er in Carlsruhe, vielseitigen geistigen Interessen lebend und seine lesenswerten Memoirenbände herausgebend. Auf dem Löwendenkmal in Carlsruhe, das die Zeiten überdauerte, waren 94 Schlachten und Gefechte eingetragen, an welchen der Herzog teilgenommen hatte. Die Inschriften wurden nach 1945 ausgelöscht, der sterbende Löwe wurde vor einigen Jahren restauriert.

Früh erhielt er eine musikalische Ausbildung. Mit zehn Jahren „sang ich schon vom Blatt, spielte Violoncell im Orchester und versuchte bereits zu componieren“, wobei ihm die Kapelle und das Theater in Carlsruhe viel Anregung boten. Der größere Teil seiner Werke entstand während der Schul- und Studienzeit und 1809 und bei seinem Kommando in Riga. Das Zusammensein mit Carl Maria v. Weber, der 1806/07 Musikintendant seines Vaters war, wurde zur anregenden Episode seines musikalischen Bestrebens. Später haben ihn die militärischen Aufgaben vom Komponieren abgehalten. Von seinem vorromantischen, kompositorischen Schaffen, zu einem kleineren Teil gedruckt, machte die Oper Geisterbraut Theatergeschichte. 30 Jahre nach dem Entstehen wurde sie 1842 zur Eröffnung des neuen Stadttheaters in Breslau uraufgeführt (27 Aufführungen) und 1880 stand sie auf dem Spielplan des Stuttgarter Hoftheaters. Da Herzog Éugens kompositorisches Werk mit der Zerstörung des Carlsruher Schlosses 1945 durch die russische Armee unterging, verblieben nur noch einige Notendrucke.

Lit.:Franz Ilwof, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1904, 48. Bd. 437ff. – E. Burckhardt, Ein vergessener Held der Befreiungskriege,Gartenlaube 36/37 (1863). – Helmut Scheunchen, Das Musikleben von Carlsruhe in Oberschlesien, „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot“. Streiflichter zur Musikkultur usw., Haus der Heimat, hrsg. v. Helmuth Fiedler, Stuttgart. 1999, 31-48. – Meinrad Frhr. v. Ow, Herzog Eugen von Württemberg – Kaiserlich Russischer General der Infanterie 1788-1857,Berg/Potsdam 2000. – Helmut Scheunchen, Herzog Eugen, Schlesisches Musiklexikon, hrsg. v. Lothar Hoffmann-Erbrecht, Augsburg 2001, 157f. (Werkverzeichnis). – Helmut Scheunchen, Eugen von Württemberg, Beiheft CD Malinconia Werke für Klaviertrio, Cornetto Stuttgart 2006. – Mitteilung an den Verfasser Herzog Ferdinand v. Württemberg 2001.

Werke:2 Sinfonien, Ouvertüren, Klaviermusik, 50 Lieder, Chöre und Opern Die Geisterbraut, Der Wald von Hohenelbe. – CD-Einspielung: Andante und Schnellmarsch (Cornetto 20010).

Schriften: Erinnerungen aus dem Feldzuge des Jahres 1812, Landshut 1846. – Memoiren, Frankfurt/O. 1862.

Bild:Aus Scheunchen, Musikleben Carlsruhe, s.o.

 

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