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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ybl, Nikolaus

Architekt, Baumeister, Stadtplaner

* 1814, 06.04.
Stuhlweißenburg/Ungarn

† 1891, 22.01.
Budapest

Nikolaus Ybl – sein eigentlicher Familienname war Eibl – gehört zu den bedeutendsten Architekten Österreich-Ungarns. In Stuhlweißenburg (ung.: Székesfehérvár) geboren, studierte er von 1825 bis 1832 an der Wiener Kunstakademie und in München. Nach dem Studienabschluß ließ er sich in Pest nieder und trat der „Maurerzunft“ bei. Zunächst arbeitete er bis 1836 unter der Leitung des Wiener Architekten Michael Pollack, dem Erbauer des Budapester Nationalmuseums und des Ministerpräsidiums. Ybl beteiligte sich am Bau des Museums und der Militärakademie in Budapest sowie an der Errichtung des Kinsky-Palais’ in Prag.

In den Jahren 1839/40 unternahm Ybl eine Studienreise nach Italien. In seine Heimat zurückgekehrt, ersuchte er 1841 vergeblich um Aufnahme in die Pester Baumeisterzunft. Nun assoziierte er sich mit August Pollack, dem Sohn Michael Pollacks. Gemeinsam verwirklichten sie einige bedeutende Bauvorhaben wie den Neubau der Großen reformierten Kirche in Debrecen und von Schloß Ikervár.

Vbl strebte nach Verwirklichung seiner Ideen: so trat er in den Dienst des Grafen Károlyi und erlangte, als herrschaftlicher Angestellter, gewisse Planungs- und Konstruktionsfreiheit, weil er somit an die Pester Zunft – sie verzögerte seine Aufnahme zwanzig Jahre lang – nicht mehr gebunden war. Nun entstanden seine ersten Bauwerke im neoromanischen Stil: die Kirchen von Fót, Nagycenk und Kaplony und das Schloß der Grafen Károlyi. Die meisten Bauten errichtete er jedoch im Stil der Neorenaissance, denn nach 1860 wandte sich Ybl der Formenwelt des Mittelalters zu. So hielt er an den Konstruktionsprinzipien und an den Dekorationselementen der Hochrenaissance bis an sein Lebensende fest.

Seine Bauten waren das Produkt einer ausschweifenden Phantasie und hervorragenden Einfühlungsvermögens, die Verständnis für die baulichen Notwendigkeiten der Zeit zeigen und seinen Einfallsreichtum genauso unter Beweis stellen wie Originalität und Stilgefühl.

Zahlreiche Prunk- und Zweckbauten, die jedem Budapester und Besucher der ungarischen Hauptstadt ins Auge fallen, sind Schöpfungen von Meister Ybl: das ehemalige Hauptzollamt, später Karl-Marx-Volkswirtschaftliche-Universität (Marx Károly Kózgazdaságtudományi Egyetem), die Kurie, der Palast des Grafen Pálffy (an der Ecke Josefsund Eszterházystraße), die Bauwerke der Margareteninsel; ferner der Baukomplex um das Nationalmuseum: die Palais der Grafen Degenfeld, Festetich und Károlyi, die Nationale Reitschule, das alte Parlament. Ybl wurde auch mit dem Ausbau des königlichen Burgschlosses von Buda betraut. An seinen Entwürfen mußten jedoch mannigfache Veränderungen vorgenommen werden, ehe sie verwirklicht werden konnten: Ybl beabsichtigte, die am Donauufer von einer ärmlichen Häuserreihe abgeschlossene alte Anlage durch ein neues abgrenzendes Bauwerk in Form einer langgestreckten offenen Halle, in der Skulpturen aufgestellt werden sollten, zu ersetzen. In der Mitte des Bauwerkes befindet sich eine Treppe, die beidseitig von mit Balustraden umschlossenen Rampen mit schmiedeeisernem Tor und mit turmgeschmückten Pavillon eingefaßt ist. Für die Unterbringung des Maschinenhauses für das Wasserwerk des königlichen Schlosses ließ Ybl auf dem Platz gegenüber einen Kiosk mit Kaffeehausterrasse im Neurenaissancestil bauen und kaschierte den Schornstein des Maschinenhauses als einen eleganten Turm.

Umbauten des Schloßgartens (Burggartens) wurden 1881 abgerissen, und der Platz vor dem Schloßgartenbasar nach dem Architekten Ybl-Platz benannt. Ybl errichtete auch das Budapester Raizische Bad, zahlreiche Geldinstitute und das Salzbad. Er wurde als technischer Berater beim Bau der Akademie der Wissenschaften herangezogen. Desgleichen beachtete Ministerpräsident Graf Andrássy bei der großangelegten Bauplanung von Budapest vordergründig Ybls Vorschläge. So zeugt die Nepkóztársaság utja, eine Radialstraße (vormals Sugárut), durch ihr harmonisch-einheitliches Gepräge von Ybls vorragender Bauweise. Ybl hatte auch den Entwurf für eine Modernisierungs(Pracht-)Straße in Temeswar sowie einen Entwurf für die Milenniumskirche erstellt.

Er war mit Frigyes Feszl zweifellos der begabteste Vertreter seiner Baumeistergeneration und hatte durch seine fachliche Autorität und seinen vornehmen Geschmack die Baukunst in Budapest, aber im übrigen Ungarn und darüber hinaus, wesentlich beeinflußt. Als Vorsitzender des Vereins ungarischer Ingenieure und Architekten war er Mitglied des Oberhauses und eine einflußreiche Persönlichkeit des öffentlichen und politischen Lebens seiner Zeit.

Ybl starb am 22. Januar 1891 in Budapest, und noch im selben Jahr wurde ihm von Eduard Meyer vor dem Schloßbasar in Buda ein Denkmal errichtet.

Lit.: Magyar életrajzi lexikon, hg. von Kenyeres Agnes, Folge L-Z, Budapest 1982, S.56/57. – Uj idók lexikona, hg. von Singer und Wolfner, 23. u. 24. Bd., Budapest 1942, S. 6201. – Uj magyar lexikon, Bd. 6 S-Z, Budapest 1962. – Magyar irok élete és munkai, von Szinnyei József, Budapest 1914, S. 1670/71. – Antal Kampis: Kunst in Ungarn. Budapest 1966, S. 216-224. – Johann Weidlein: Die verlorenen Söhne, Bd. l, Wien 1960, S. 121-123.

Bild: H. Dama.

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