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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Zechlin, Egmont

Historiker

* 1896, 27.06.
Danzig

† 1992, 23.06.
Selent/Holstein

Egmont Zechlin war der Sohn eines Divisionspfarrers und späteren Superintendenten. Er verlebte seine Kindheit und Jugend in Torgau, Frankfurt a.M., Magdeburg und Biesenthal bei Berlin, in Orten, die berufliche Stationen seines Vaters waren. Er zählte zu den Kriegsfreiwilligen von 1914, wurde schwer verwundet (Verlust des linken Unterarms) und tat 1918 als Berichterstatter der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung aus dem Großen Hauptquartier Dienst. Dem Journalismus blieb er als Mitarbeiter dieses Blattes, das im November 1918 in Deutsche Allgemeine Zeitung umbenannt worden war, bis in die dreißiger Jahre hinein treu. Nach dem Kriege folgten historische Studien bei Friedrich Meinecke in Berlin und Hermann Oncken in Heidelberg, zwei führenden Vertretern der damaligen deutschen Geschichtswissenschaft. Die Dissertation von 1922 über die Stellung Bismarcks zum Parlamentarismus bei der Gründung des Norddeutschen Bundes ist unveröffentlicht geblieben. Als weitere Arbeiten folgten Die Staatsstreichpläne Bismarcks und Wilhelms II. 1890 – 1994 (1929) sowie – als Marburger Habilitationsschrift – Bismarck und die Grundlegung der deutschen Großmacht (1930; 2., unveränderte, um einen Anhang vermehrte Auflage 1960). Das Werk, das Fritz Hartung eine "gewaltige wissenschaftliche Leistung" nannte, reicht etwa bis an den Vorabend des Dänischen Krieges von 1864; es bietet zum einen einen umfassenden Überblick über System und Spiel der europäischen Mächte im Jahrzehnt vor Bismarck sowie eine Darstellung von dessen Grundanschauungen und zum anderen eine Spezialstudie über die Bismarcksche Außenpolitik im ersten Jahr nach seiner Berufung als preußischer Ministerpräsident (deren Umstände Gegenstand eines Kapitels sind).

Nach der Habilitation 1929 wurde Zechlin Privatdozent in Marburg, 1934 außerordentlicher Professor ebendort und 1937 in Hamburg. Inzwischen hatte er sich nach einer Reise nach Amerika und Ostasien (1931/32) der Kolonial- und Überseegeschichte zugewandt. Mehrere Zeitschriftenaufsätze wie der überDas Problem der vorkolumbischen Entdeckung Amerikas und die Kolumbusforschung(Historische Zeitschrift 152, 1935) und Die Ankunft der Portugiesen in Indien, China und Japan als Problem der Universalgeschichte (Historische Zeitschrift 157, 1938) boten erste Forschungsergebnisse. Seit 1940 war Zechlin ordentlicher Professor an der Universität Berlin. Zugleich wurde er Leiter der Abteilung "Überseegeschichte und Kolonialpolitik" des Deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts und Direktor des Reichsinstituts für Seegeltungsforschung, beide in Berlin. In Band III der Neuen Propyläen-Weltgeschichte:Das Zeitalter der Entdeckungen, der Renaissance und der Glaubenskämpfe (1941) erschien aus der Feder Zechlins die ÜberblicksdarstellungDie großen Entdeckungen und ihre Vorgeschichte. Nachdem die Berliner Stellung infolge des Zusammenbruchs 1945 verloren war, veröffentlichte er: Maritime Weltgeschichte: Altertum und Mittelalter (1947), die sein greiser Lehrer Meinecke in einer brieflichen Äußerung (an L. Dehio) als "ein erstaunliches Buch durch die Fülle von Wissen und neuen Aspekten" bezeichnete, das mit der "Grundabsicht" geschrieben sei, "den Faktor See in der Geschichte herauszuarbeiten".

Obgleich Zechlin nach dem Ende des NS-Regimes als "politisch belastet" eingestuft worden war, erreichte ihn bereits 1947 ein Ruf auf ein Ordinariat an der Universität Hamburg, das auf Mittlere und Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Überseegeschichte ausgelegt war. In diesem Amte, das er bis zu seiner Emeritierung innehatte, war er wesentlich am Wiederaufbau des Hamburger Historischen Seminars und der dortigen geschichtswissenschaftlichen Lehre beteiligt. 1950 gründete er am selben Orte mit anderen das Hans-Bredow-Institut für Rundfunk und Fernsehen, das er bis 1967 leitete.

In den sechziger Jahren trat Zechlin in den Gesichtskreis eines breiteren Publikums, als er in jenen Streit eingriff, den sein Hamburger Kollege Fritz Fischer mit seinem WerkGriff nach der Weltmacht (1961;31964) zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und zur deutschen Kriegszielpolitik ausgelöst hatte. Zechlin, der diesem Fragenkomplex durch eine Gutachtertätigkeit im Gerichtsverfahren um die angebliche Zarentochter Anastasia nähergetreten war (Gutachten vom Herbst 1965), nahm eine mittlere Position ein zwischen Fischers Behauptung, die deutsche Reichsleitung habe  den "großen Krieg gewollt, dementsprechend vorbereitet und herbeigeführt", und dem Standpunkt des Freiburger Historikers Gerhard Ritter (Staatskunst und Kriegshandwerk), Bd. 2, 1965,31973), der eine amtliche deutsche Expansionspolitik als Beweggrund zum Kriege entschieden in Abrede stellte. Zechlin betonte in einer Reihe von Aufsätzen (Krieg und Kriegsrisiko. Zur deutschen Politik im Ersten Weltkrieg, 1979), daß Deutschland den Krieg nicht geplant, wohl aber (wie andererseits auch  England und Frankreich aus ihrer Interessenlage heraus) das Kriegsrisiko eingegangen sei, um die Demütigung und Schwächung seines Verbündeten Österreich-Ungarn zu verhindern und damit einer Bedrohung Mitteleuropas durch den Panslawismus zu begegnen.

Zechlin, der 1941 die Medizinstudentin und spätere Ärztin Anneliese Schell geheiratet hatte, Vater und Großvater wurde, starb fast 96jährig auf seinem Alterssitz in der Holsteinischen Schweiz. Er hat es als "Anliegen der Wissenschaft" angesehen, "auch in der öffentlichen Meinung eine vertiefte und differenzierte Erkenntnis" der gewichtigen Gegenstände der nationalen Geschichte "durchzusetzen", wie er einmal in Bezug auf Bismarck schrieb. "Ohne den nationalen Machtstaat zu dogmatisieren oder die Entwicklungstendenz zu einer übernationalen Ordnung zu verkennen", bleibe es die Aufgabe des Historikers, die Staatsmänner und ihre Politik "unter den Bedingungen und mit den Möglichkeiten" ihrer Zeit zu erforschen sowie aus ihrer Gedankenwelt und den politisch-sozialen Auseinandersetzungen, in denen sie standen, "verständlich" zu machen.

Weitere Werke: Die deutsche Politik und die Juden im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1969. –  Die deutsche Einheitsbewegung, und: Die Reichsgründung (Deutsche Geschichte. Ereignisse und Probleme, hrsg. von W. Hubatsch), 2 Bde., Frankfurt a.M./Berlin 1967 u.ö.  –  Erlebtes und Erforschtes. 1896-1919, hrsg. v. Anneliese Zechlin, Göttingen/Zürich 1993.

Lit.: Günter Moltmann: Der Historiker Egmont Zechlin. Zum 80. Geburtstag, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.6.1976. –  Günther Gillessen: Sturmfest. Zum Tode von Egmont Zechlin, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.6.1992. –  Günter Moltmann: Egmont Zechlin. 1896-1992, in: Historische Zeitschrift 256 (1993), S. 831-834.

Bild: privat (um 1960).

 

    Peter Mast

 

 

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