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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Zierold, Kurt

Wissenschaftsorganisator

* 1899, 05.02.
Bromberg/Posen

† 1989, 31.05.
Bonn-Bad Godesberg

Die Anfänge Kurt Zierolds reichen nach freiwilligem Kriegsdienst, rechtswissenschaftlichem Studium in München, Berlin und Greifswald noch ins legendäre preußische Kultusministerium unter Carl Heinrich Becker zurück. Hier in Berlin fing er 1925 als Hilfsreferent an, lernte im Koblenzer Provinzialschulkollegium die Probleme “vor Ort” kennen, wirkte beim Aufbau der neuen, von Becker unter Einfluß Eduard Sprangers konzipierten Pädagogischen Akademien mit, arbeitete später bei Adolf Grimme, dem Nachfolger Beckers in der Kunstabteilung des Kultusministeriums, dirigierte den Aufbau der preußischen Dichterakademie und die Gründung der Kammer für Filmbewertung.

Nach dem Krieg holte ihn wieder sein alter Chef Grimme, damit er ihm beim Aufbau des Kultusministeriums in Niedersachsen helfe. Zierold wandte sich nun stärker der darniederliegenden Forschung und ihrer Förderung zu. In seiner 1968 vorgelegten umfangreichen MonographieForschungsförderung in drei Epochen zitiert er aus dem Protokoll des Erziehungsrates der britischen Zone vom 17. März 1947 in Braunschweig den lakonischen Satz: “Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. Dr. Zierold berichtet über den Stand der Vorarbeiten”. Ab ovo war der erfahrene Wissenschaftsadministrator dabei, eine neue Notgemeinschaft als Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft zu schaffen, was nach mancherlei Schwierigkeiten noch vor der Konstituierung des Bundestages im Januar 1949 gelang. Kurt Zierold wurde zum geschäftsführenden Vizepräsidenten gewählt. Der Aufbau der Geschäftsstelle begann am 1. März in Bad Godesberg.

Es ist reizvoll, die damaligen Mitstreiter aus Zierolds Generation im Geiste Revue passieren zu lassen, befinden sich doch darunter so profilierte Köpfe aus den Hochschulen wie Hallstein (Frankfurt), Lehnartz (Münster), Raiser (Göttingen, später Tübingen), Geiler (Heidelberg), Gerlach (München), von den Kultusministern Frau Teusch (Nordrhein-Westfalen) und Senator Landahl (Hamburg), aus der Administration vor allem Fehling (Kiel) und Rupp (Stuttgart).

Nach der nicht einfachen Fusion von Notgemeinschaft und Forschungsrat zur heutigen Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) amtierte Zierold bis 1964 als deren Generalsekretär. Unter seiner Ägide wurde das neue Haus am Frankengraben(heute Kennedyallee) gebaut. Die Forschungsgemeinschaftwuchs und gedieh. In der genannten Monographie über Geschichte und Arbeitsweise der Forschungsgemeinschaft hat Zierold auf über 600 Seiten in der ihm eigenen, nüchternen Art die Entwicklung aktengetreu nachgezeichnet. Man spürt: Aus dem im Staatsdienst vortrefflich Geschulten wurde ein Diener und Verteidiger der Selbstverwaltung der Wissenschaft.

Zierold griff auch deshalb immer wieder zur Feder, um in der Reflexion Abstand von der intensiven Aufbauarbeit zu gewinnen. In diesem Zusammenhang ist vor allem seine Schrift Hochschulprobleme von heute zu nennen, die er schon 1948 vorlegte. Es handelt sich um einen frühen Versuch, nach der Katastrophe von 1945, die auch unsere Universitäten tief traf, die Sphäre von Staat und Hochschule abzugrenzen: “Der Forderung der Stunde ist nicht mit extremen Lösungsversuchen gedient, hier absolute Autonomie der Hochschulen, hier staatliche Omnipotenz, sondern nötig ist ein behutsames und vertrauensvolles Miteinander”. Zu Zierolds 85. Geburtstag 1984 legte die DFG zur großen Freude des Jubilars als nobles Geschenk einen Nachdruck des heute immer noch anregenden Bändchens vor.

Seine Aufsätze Selbstverwaltungsorganisationen der Wissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland und Wie soll man Wissenschaft verwalten? wurden oft zitiert. Zierold hat in diesen und anderen Arbeiten viel zur Untermauerung des Selbstverwaltungsgedankens im Wissenschaftsbereich beigetragen. Eine tiefere Dimension des vielschichtigen Mannes erschließen Privatdrucke, oft nur einem engeren Kreis bekannt, darunter so anspruchsvolle Titel wie Vom Preußentum,Was heißt Bildung und MeditationenVom Glauben. Hinter dem erfahrenen Verwaltungsmann und “altpreußisch” geprägten Juristen verbarg sich der feinsinnige Liebhaber von Gedichten, Sammler von “Bedenkenswerten Worten”, die er als “Leitlinien eines Lebens” Freunden, manchmal auch Kollegen zum Geschenk machte. Der immer anregende Gesprächspartner pflegte Kontakte zu Schriftstellern wie Benn und Haushofer.

Die Wurzeln der Kraft Zierolds lagen wohl noch viel tiefer. In der genannten frühen Schrift von 1948 kann man lesen: “Das Eigentliche, was geschehen muß, um Mißtrauen zu beseitigen, liegt im Religiös-Metaphysischen, in einer Verwandlung des Menschlichen aller führenden Geister, in solcher Verwandlung, die ein Leben aus Vertrauen statt aus mißtrauischer Angst ermöglicht”.

Bild: Paul Swiridoff, Schwäbisch Hall.

 

    Franz Letzelter

 

 

 

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