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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Zimnik, Reiner

Maler, Graphiker, Schriftsteller, Illustrator

* 1930, 13.12.
Beuthen/Oberschlesien


In einer Art Steckbrief stellte sich Reiner Zimnik in knapp gefaßter Selbstdarstellung so vor: „Geboren am 13. Dezember 1930 in Beuthen in Oberschlesien, Jäger aus Passion; lernte zeichnen bei Gulbransson-Meisterschüler Professor Oberberger, auf der Akademie der Bildenden Künste in München (1952/1957); kann einen ‚eichenfurnierten Schreibtisch machen – und keine Schublade klemmt!‘, denn er erlernte auch das Schreinerhandwerk; erhielt 1958 den Eichendorff-Preis und den Münchner Kunstpreis für Graphik sowie 1961 ein Stipendium für einen Rom-Aufenthalt in der Villa Massimo; bezog eine abbruchverdächtige Atelierwohnung zwischen Universität und Englischem Garten in München; veröffentlichteXaver, der Ringelstecher und das gelbe Roß,Jonas der Angler,Der Bär und die Leute,Der Kran,Der stolze Schimmel,Der Trommler für eine bessere Zeit, Der kleine Brülltiger und Geschichten vom Lektro.“

Soweit die autobiographische Skizze im Rückblick auf die ersten 35 Jahre. Auszugsweise wären jetzt nachzutragen:Entdeckung und Erforschung des Schneemenschen, Die Maschine, Sebastian Gsangl, Winterzeichnungen, Das große Reiner Zimnik Geschichtsbuch.Von den Preisen wären nachzutragen der Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen und der Schwabinger Kunstpreis. Auch in die jüngste Ausgabe der Brockhaus Enzyklopädie hat Zymnik seinen Einzug gehalten.

Die Mutter und fünf Kinder fanden als Heimatvertriebene aus dem oberschlesischen Beuthen eine erste neue Bleibe bei Verwandten im niederbayerischen Landshut. Der Vater, ein Berufsbeamter, kehrte aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurück. Vom Schreinerhandwerk bis zur Gesellenprüfung war bereits die Rede. Es folgten Abitur und der Auszug nach München. Hier ist Zimnik seit fast vier Jahrzehnten fest verankert, dort, wo der berühmte Stadtteil Schwabing beginnt, unweit der Ludwigskirche in der Veterinärstraße mit einem großräumigen Atelier. In München, in Bayern gehört er zu den bekanntesten Künstlern, zu fragen bleibt allerdings, ob ihn auch die gleich ihm vertriebenen Schlesier und Ostdeutschen in der gleichen Weise in ihr Bewußtsein aufgenommen haben.

Als die WochenzeitungDie Zeit 1963 „Die bekanntesten Karikaturisten der Welt“ vorstellte, nannte sie in dieser Reihe auch Reiner Zimnik, den damals 32jährigen, und dies zu Unrecht, denn gerade ein Karikaturist ist er nicht. Ein Karikaturist will vereinfachen und bloßstellen, mit der notwendigen Distanz und auch Schärfe seinem Objekt, sei es eine Person oder ein Gegenstand, ein Ereignis, gegenübertreten. Ein scharfer Beobachter ist er bestimmt, aber er ist in sein Gegenüber, und das ist stets eine eigene Schöpfung, geradezu verliebt. So sind die Menschen, so sind wir, und ich schließe mich ein, weshalb man all diesen Geschöpfen liebevoll seine Aufwartung macht. Dazu kommt noch, daß der Zeichner und Graphiker gerne eigene Geschichten erfindet, und das in einer leicht lesbaren und gefälligen Sprache. Dieses innige Verhältnis von Bild und narrativer Ergänzung hat Reiner Zimnik stets davon abgehalten, als Illustrator für fremde Stoffe zur zeichnenden Feder zu greifen. All die vielen Gestalten in seinem Oeuvre sind selbst erfundene und zeichnend oder malend in die Welt gesetzte Individuen. Und diese Individuen behaupten sich dank ihrem Erfinder, und er ist ein unermüdlicher Erfinder, ein abenteuerlich Phantast, in dieser garstigen Welt einfach schon deswegen, weil sie sind wie sie sind. Das gilt für den Lektro genau so wie für Sebastian Gsangl, um diese zwei Gestalten herauszugreifen, die im Bayerischen Fernsehen wochenlang und in Wiederholungen die Zuschauer, die ihnen begegnet sind, freudig schmunzeln lassen.

Sebastian Gsangl, dieser Sohn eines Oberschlesiers in Nieder- und dann Oberbayern, ist längst zum bekanntesten Münchner geworden. Er ist der gleichzeitig geliebte und gefürchtete Grantler, dessen erste Reaktion auf alles und jedes Zorn und Abwehr ist, der aber dann friedfertig und souverän den Alltag meistert, auch am Biertisch oder im Fußballstadion. Er bleibt der durch nichts zu erschütternde Individualist. Glück und Pech in seinem Lebenslauf sind unzertrennliche Gesellen, so wenn Sebastian Gsangls herrliche Stimme in dem Augenblick versagt, als die Neuentdeckung als Ersatzsänger im Chor diese zu Geltung hätte bringen können und sollen.

So poetisch auch die Geschichten zu all den vielen Figuren erzählt werden, zuerst ist Reiner Zimnik ein großartiger Meister in seinem zeichnerischen Handwerk. Das große Vorbild ist für ihn Albrecht Dürer, um ihn selbst zu zitieren. Auf die jüngste Vergangenheit bezogen gehören Saul Steinberg, der Amerikaner, aber auch Alfred Kubin zu seinen Leitfiguren. Auch George Grosz wäre zu nennen, vor allem in den Szenen der Menschenansammlungen. Doch sind diese bei ihm frei von bewußter und verletzender Anklage. Aber das Zueinander und das Miteinander der Menschen heutigentags ist auch sein Thema, denn nur im Gegensatz hierzu gibt es den Individualisten. Zu Zimniks hervorragendem Können gehört nicht nur die unverwechselbar eigene Handschrift, sondern auch, um gerade auf die Produktionen für das Fernsehen zu verweisen, die Auflösung in Hunderte von Einzelbildern.

Wenn von Sebastian Gsangl zu sagen ist, daß er nicht gerade ein Besucher der Münchner Pinakothek oder des Deutschen Museums an der Isar ist, so ist über Reiner Zimnik zu berichten, daß er in einer eigenen, selbstgeschaffenen Kunstwelt zu Hause ist, und dies ist die Welt des Malens der bemalten Akte und der Halbakte mit dem seltsamsten Kopfschmuck, das sind die Editionen der „Wintermärchen“ und der „Frauenschmückung“. Das Gegensätzliche ist thematisiert und als Herausforderung der Phantasie an den Künstler gemeistert. Hier wäre wieder zu Recht an Alfred Kubin zu erinnern, nicht an den Buchillustrator in ihm, sondern an den Zeichner, der sich den Eingebungen seiner Phantasie geradezu zügellos hingegeben hat. Ein Bild nennt sich „Wintergruppe mit großem Fisch“. Zwei Männer stehen im Wintersturm auf einem großen Fisch, vor diesem Fisch rahmen zwei dick eingehüllte Männer eine ihre Scham schützende Frau ein, und im Hintergrund verdämmern wiederum vermummte Männer.

In den Bildern der „Frauenbemalung“ werden Frauen von Männern im Zylinder fein dekoriert, ein ästhetisches Spiel der Geschlechter, zugleich ein altes Ritual aus der Zone des Primitiven. Der Schmuck des nackten Frauenkörpers als Anlaß und Auftrag der Kunst, der Künstler als der Gestaltende und Verändernde, wobei vorausgesetzt wird, daß die Frau, die dekoriert werden soll, die Männer in ihrem Tun auch gewähren läßt.

Außer dem bedächtig humorvoll erzählenden Graphiker findet sich in dem Werk Zimniks der in Gegensätzen phantasievolle Maler. Und ein dritter Reiner Zimnik ist in einem Atemzug zu nennen, der Maler, der das Solitäre in der Natur entdeckt, sich zu eigen macht und uns als Kunstwerk vermittelt. Es sind dies die Baumlegenden, die zuerst im Bayerischen Fernsehen, verteilt auf die zwölf Monate des Jahres, vorgestellt und 1990 als Buch veröffentlicht worden sind. Es sind „altehrwürdige Solitärbäume“, die erst einmal in den bayerischen Landen gefunden werden mußten. Die Bäume werden – im Band sind es sogar 14 Bäume – ganzseitig als die uns Erdenbürger überlebenden Hundertjährigen vorgestellt, und dann wird eine die Historie wachrufende Geschichte nachgeliefert. Es ist eine Liebeserklärung an die Natur, ihre Schönheit und Ewigkeit. Um unter den Gehölzen nicht Eifersucht zu erregen, sind die Prachtstücke der Natur gut sortiert, vom Ahorn und der Buche bis zur Vogelbeerkirsche und zum Walnußbaum sind alle Baumarten präsent. Man könnte denken, daß hier ein Künstler irgendeiner Mode des Grünen huldige, nein dem ist nicht so, sondern ein Individualist als Zeichner und Maler hat eine eigene Welt der Individualisten in der weiten Natur entdeckt. Wieder schwingt das Herz mit, vielleicht darf man auch hinzufügen, der Mensch des 20. Jahrhunderts hat sich seinen romantischen Freiraum geschaffen und wahrt ihn, indem er ihn künstlerisch für die Zukunft sichert.

So wie Reiner Zimnik gerade in diesen Baumlegendender Natur huldigt, gehört es zu seinem Kunstverständnis, den Menschen, so wie er nun einmal geschaffen ist, nicht in veränderter Gestalt (man denke an Picasso), zu porträtieren, selbstverständlich als Individuum. Darum läge es ihm auch fern, ihn karikierend neu zu schaffen. Aber das künstlerische Spiel mit seinen oft geradezu eigenwilligen Einfällen darf ihm nicht nur nicht abgesprochen, sondern muß ihm zugebilligt werden. Es ist vor allem an die Welt der Phantasie mit Halbnackten und Nackten, mit Vermummten und künstlerisch Dekorierten gedacht.

Es ist nicht ganz leicht, die vielen Individualitäten in Reiner Zimnik in Einklang miteinander zu bringen, und es ist auch nicht leicht zu entscheiden, wem man den Vorzug gewähren soll, dem Bildzeichner, dem Nur-Graphiker, dem leichtfüßigen Erzähler, dem Maler, dem Phantasten, dem Aktmaler. Er wolle nicht, so hat sich Reiner Zimnik einmal geäußert, irgendwelchen Moderichtungen anhängen, sondern so zeichnen, wie schon Honoré Daumier gezeichnet hat, und er müsse sich selbst gegenüber ehrlich bleiben, weshalb er auch gar nicht anders könne als sein Handwerk auf die überlieferte Art zu beherrschen, und diese beherrscht er in der Tat meisterhaft.

Herbert Hupka

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