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„Viel ist hingesunken uns zur Trauer …“, Tagung des St. Gerhardswerks

Als vor hundert Jahren die Habsburgermonarchie auseinanderbrach, mussten in der tiefen Zäsur Weichenstellungen vorgenommen werden. Nach dem Wegfall der übergreifenden, unterschiedliche Ethnien austarierenden Institution entstanden neue Staaten mit dem Ziel einheitlicher Sprache und Kultur, allerdings bei multiethnischen Bevölkerungen. Diese Problemlage mit Blick auf Kultur und Kirche beschäftigte eine Tagung am 28. Juli 2018, ausgerichtet vom St. Gerhardswerk Stuttgart, Gerhardsforum München und dem Verein des Tagungsortes, dem Haus der Donauschwaben in Sindelfingen.

Dr. Rainer Bendel, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft katholischer Vertriebenenorganisationen (AKVO) in Stuttgart, hatte die Tagung organisiert und moderierte sie. In seiner Einleitung umriss er das Feld der sich aufdrängenden Fragen rund um die Begriffe Nationalismus als spaltende, exklusive Kraft, aber auch als Quelle aller legitimen politischen Macht, die kollektive Identität stiftet und einen eigenen Staat anstreben muss, um sich entwickeln zu können. Auf der anderen Seite stehen dagegen Imperien und Dynastien, aber auch die Europäische Gemeinschaft als einheitliches Dach für ein vielfältiges, tolerantes Miteinander. Gewaltsame Homogenisierung und nationaler Übereifer junger, noch ungefestigter Staaten haben leidvolle Repression gebracht, daher lohne es sich, so Bendel, die spannenden Fragen zu stellen, die sich aus dem heutigen Bild der damaligen Vorgänge ergeben, und zu prüfen, ob z. B. Regionalismus eine korrigierende Idee zum Nationalismus sein kann oder ob im Supranationalismus der EU der Gedanke einer inklusiven, mit Zugewanderten geteilten Heimat Bestand haben kann.

Péter Techet untersuchte in seinem Vortrag das widersprüchliche Spannungsverhältnis von Nation und Katholizismus und ihren unterschiedlichen Stellenwert in Österreich, Ungarn und Kroatien. Für die österreichische Reichshälfte der Donaumonarchie war der Katholizismus als universalistische und nationsübergreifende Religion eine staatslegitimierende Kraft. Der dynastische, religiöse aufgeladene Patriotismus als Loyalitätsbasis erzeugte eine universale Reichsidee jenseits der Nationalstaaten, die ansatzweise ein post-nationalstaatliches Zeitalter vorwegnahm, setzte der Wissenschaftliche Mitarbeiter des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz auseinander. Ungarn als multikonfessionelles Land dagegen war nicht katholisch legitimiert, sondern verstand sich als liberal-säkularer Nationalstaat, in dem nur die ungarische Nation als Kollektiv anerkannt war, alle anderen Nationalitäten hatten zwar individuelle Rechte, wurden aber als Teil der ungarischen Nation begriffen. Kroatien als autonomes Land in der ungarischen Reichshälfte stellte einen speziellen Fall dar. Seit dem Ausgleich zwischen Wien und Budapest 1867 war das katholische Leben in Kroatien-Slawonien durch ungarische Nationalisierungsziele bedroht, die Säkularisierung galt hier schlechthin als Magyarisierung. Weil die Schwächung der katholischen Kirche auch eine Schwächung des kroatischen Nationalismus bedeutet hätte, verschränkten sich anti-ungarische Meinungen zu anti-liberalem Hass. Während also Ungarn die Religiosität verweltlichte und partikularisierte, wurde in Kroatien die Nation sakralisiert zu einem südslawischen Nationalkatholizismus. Techet schloss sein Referat mit einem Ausblick in die Gegenwart und resümierte, dass der Katholizismus im heutigen Europa sich angesichts unterschiedlicher historischer Erfahrungen ähnlich heterogen verhalte wie in der Habsburgermonarchie.

Vatroslav Župančić, Lokalpastor am Seniorenzentrum Martha-Maria in Stuttgart und Promotionskandidat an der Universität Tübingen, befasste sich in seinem Vortrag mit der großen Wende 1918 und ihren Wirkungen auf die evangelischen Christen besonders in donauschwäbische besiedelten Zonen. Erst mit dem Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. von 1781 entstanden in Pannonien auch evangelische Ansiedlungen wie Torschau, Tscherwenka und Neu-Werbass, während in Kroatien erst 1859 Religionsfreiheit einkehrte. Bis zur Auflösung der Habsburgermonarchie war die Religion ein wichtiges Identitätsmerkmal der Kolonisten, dessen Wahrung sie teils zur Auswanderung motiviert hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Donauschwaben in drei Staaten auseinander gerissen, wurden zu nationalen Minderheiten mit eingeschränkten Rechten. Das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (später Jugoslawien) habe, so der Referent, die Deutschen und Ungarn von Anfang an als fremde und feindliche Elemente betrachtet, sie bewusst diskriminiert und ihnen die Beteiligung an Parlamentswahlen verweigert. Die Regierung in Belgrad unterstützte die orthodoxe Kirche, während es gegen Katholiken Vorbehalte gab. Obwohl die Leitung der Evangelischen Kirche die Gründung des neuen Staates begrüßte und ihm ihre Loyalität zusicherte, belohnten die Behörden das Entgegenkommen mit der Schließung von deutschen Schulen, dem Verbot evangelischer Vereine und der Verfolgung von Pastoren. Erst unter der Leitung von Bischof Philipp Popp brach eine bessere Zeit für die deutsche evangelische Landeskirche an, die bis zum Beginn der neuen Kriegs dauerte. Die ungarischen Protestanten dagegen übernahmen nach dem Trauma von Trianon die Rolle der Bewahrer des Magyarentums.

Dr. Caroline Mezger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München, bot eine Übersicht zu den donauschwäbischen Minderheitenschulen im 19. und 20. Jahrhundert, zwischen Habsburgermonarchie und Nationalsozialismus, ein Thema, das auch ihre vor zwei Jahren verteidigte Dissertation erforscht hatte. Schulunterricht sei immer stark mit Staats- und Nationsbildung verbunden gewesen. So waren auch die Schulen der Donauschwaben Orte, an denen politische und kulturelle Kämpfe ausgefochten wurden und wo junge Leute oft sehr früh und direkt mit den wechselnden Prioritäten verschiedener Staaten, Nationalitäten und Besatzungsmächte in Berührung kamen. Eine erste Politisierung der Schulbildung fand bereits in der Habsburgermonarchie statt. Im 18. Jahrhundert unterstanden ihre ersten Schulen kirchlicher Regie. Kaiserin Maria Theresia nahm das Schulwesen unter monarchische Autorität, erließ 1774 ein Gesetz zur allgemeinen Schulpflicht und teilte sämtliche Schulen nach Bildungsstufen ein. Wenngleich die überwiegend kirchliche Prägung der donauschwäbischen Schulen bis zum Ende der Monarchie währte, wurden sie seit dem Ausgleich von 1867 immer mehr zum Ziel verschiedener Nationalisierungsbestrebungen, vor allem der Magyarisierungspolitik. In der Zwischenkriegszeit hatten die Schulen im neuen jugoslawischen Staat mehr Rechte, konnten teils zur deutschen Unterrichtssprache wechseln und Schulmaterialien importieren. Ab Ende der 1920-er Jahre richtete sich das Augenmerk immer mehr auf Deutschland, bis die Nationalsozialisten das Schulsystem mit völkischem Gedankengut unterwanderten und es nach der Eroberung Jugoslawiens 1941 vor allem im Westbanat, aber auch in der ungarisch besetzten Batschka ihren ideologischen Vorgaben gemäß umfunktionierten. Trotzdem habe es auch während des Zweiten Weltkriegs eine „durchaus vielfältige Bildungslandschaft in der Batschka“ gegeben, schloss die Referentin.

Der aus Darowa im Banat stammende Musikwissenschaftler, Organist und Dirigent Franz Metz illustrierte an einigen Beispielen die musikalische Alltagsgeschichte bei den Donauschwaben. Nachdem im Jahr 1914 die höchste Stufe in der Entwicklung ihrer Kirchenmusik in fruchtbarem Nebeneinander mit den ungarischen, rumänischen oder slawischen Völkern erreicht war, kann während des Ersten Weltkriegs ein Erstarren beobachtet werden, danach wurde zerschnitten und geteilt, was im Laufe von 200 Jahren gewachsen war, sagte Metz. In den neu entstandenen Diözesen versuchte man, die bisherigen Gepflogenheiten zu erhalten, doch hatte auch die Kirchenmusik unter den unvorteilhaften Bedingungen zu leiden. Für kurze Zeit folgte nach 1919 eine Belebung des deutschsprachigen Kirchenliedes – die letzte Entwicklungsstufe vor dem großen Fall, bedingt durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs. Die Entdeckung neuer Dokumente und Sammlungen in Serbien rücke die Kirchenmusik in diesem Kulturraum in ein besonders günstiges Licht. Ohne den Beruf des Kantorlehrers wäre die Kirchenmusik dieser Volksgruppe nicht vorstellbar, weil er nicht nur für das Orgelspiel und die musikalische Erziehung zuständig war, sondern auch Gesangbücher bearbeitete und herausgab. Metz zeigte am Beispiel der Filipowaer Kantorenfamilie Turnowsky und des Kantorlehrers und Kirchenlied-Komponisten Geza Neidenbach aus Ebendorf die Bedeutung dieses Berufs. In freier Rede kam er auch auf Josef Schober (1841-1917), den „Friedrich Silcher der Donauschwaben“ zu sprechen und spielte eine historische Aufnahme seines Liedes „Mit frohem Herzen will ich singen“ vor. Metz erwähnte u. a. noch den Temeswarer Philharmonischen Verein, dessen alter Geist nach dem Krieg zwar fortlebte, jedoch ohne die alte Herrlichkeit; die Zeitschrift „Musica sacra“; das Orgelbuch „Laudate Dominum“ der Armen Schulschwestern in Bad Niedernau sowie den Domkapellmeister und bedeutenden Musikhistoriker Desiderius Jarosy.

Alle vier Referenten veranschaulichten ihre Ausführungen mit visuellem Material. Rege Diskussionsbeiträge der über 30 Teilnehmer, ein positives Fazit des Tagungsleiters und sein Dank an Gastgeber, Referenten und Publikum rundeten die Tagung ab.

Stefan P. Teppert