Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Kulturportal Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR

Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch, Siebzig Jahre Ende der Lager

Gedenkrede gehalten im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen am 14. April 2018

 

Wie in diesem Jahr so fiel auch 1945 der Ostersonntag auf den 1. April. An diesem Ostersonntag, dem 1. April 1945, wurde ich mit meiner Großmutter und drei gleichaltrigen Kusinen in einen Viehwaggon verfrachtet und in das Todeslager Gakowa deportiert. Meine Heimat hatte ich damit für immer verloren und es dauerte sechzig Jahre, bis ich meinen Geburtsort erstmals wiedersah.

Sie werden verstehen, dass der 1. April für mich ein Tag der Nachdenklichkeit und Trauer ist. Auch wenn er auf den Ostersonntag fällt, führt er zunächst nicht zu einem Gedanken an Ostern und Auferstehung. Zu mächtig sind der Schmerz und die Wunden, die nie ganz verheilen.

 

I. Donauschwaben in Jugoslawien am Ende des Zweiten Weltkriegs

Wir sind heute hier im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen zusammen-gekommen, um eines anderen Ereignisses zu gedenken, nämlich der Tatsache, dass Gakowa und die anderen Vernichtungs- und Arbeitslager vor siebzig Jahren ihr Ende fanden und endlich aufgehoben wurden. Doch ihr Ende, das so viele lange herbeigesehnt hatten, bedeutete noch längst kein Ostern und keine Auferstehung. Es war das Ende des Karfreitags: des Leidens, des Hungers, der Angst und Hoffnungslosigkeit. Es war aber dann doch eher ein Karsamstag, der Tag der Ungewissheit und des bedrückenden Wartens auf ein Ostern und ein menschenwürdiges Leben in Freiheit. Und was ging nun zu Ende vor siebzig Jahren im Jahr 1948? Um das verstehen und einordnen zu können, muss man zurückschauen und sich die Jahre davor in Erinnerung rufen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten ca. 550 000 Deutsche, die sich zu ihrem Deutschtum bekannten, im damaligen Jugoslawien. Die allermeisten von ihnen gehörten zu den deutschsprachigen Menschen, die wir Donauschwaben nennen. Von den jugoslawischen Staatsbürgern deutscher Volkszugehörigkeit flüchteten 1944 rd. 245 000 bzw. wurden evakuiert, bevor Titos Partisanen ihr kommunistisches Schreckensregiment etablierten. Zwischen Oktober / November 1944 kamen die zu Hause gebliebenen rund 200 000 deutschen Zivilpersonen in Titos Machtbereich. Zwischen Oktober 1944 und Juni 1945 wurden mindestens 9 500 Personen deutscher Volkszugehörigkeit, darunter mein damals sechzehnjähriger Bruder, durch mobile Mordkommandos und in regionalen Liquidierungslagern unbeschreiblich grausam ermordet. Ende 1944 wurden rund 12 000 donauschwäbische Frauen und Männer zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Die arbeitsfähigen Frauen und Männer kamen zur Zwangsarbeit in eines der vielen Arbeitslager in Jugoslawien. Mit Ausnahme von etwa 8 000 Personen, die in Mischehen lebten oder gar Kommunisten waren, wurden zwischen Herbst 1944 bis Juni 1945 die restlichen 170 000 deutscher Volkszugehörigkeit, von denen 166 970 statistisch erfasst sind, in die Konzentrations- bzw. Vernichtungslager geworfen, so dass sich ab Juni 1945 die gesamte deutschsprachige Bevölkerung in Lagern befand. Und was waren dies für Lager?

 

II. In den jugoslawischen Lagern

Das Eine waren die Arbeitslager, in denen die arbeitsfähigen Personen – auch Alte, wie mein Großvater mit damals 65 Jahren – Zwangsarbeit leisten mussten. Dazu zählten die etwa 20 Zentralarbeitslager auf Bezirksebene wie Neusatz, Palanka, Sombor, Apatin in der Batschka. Zu ihnen kamen die Bezirksarbeitslager bzw. auch Ortsarbeitslager wie mein Heimatsort Filipowa, unser Nachbarort Hodschag oder Werbas, Sekitsch, Subotica. Zugleich gab es Einzelarbeitslager – etwa für die Arbeit in der Landwirtschaft. So war z.B. meine Mutter zur Zwangsarbeit auf einer Pußta in Tschonopel.

Die arbeitsunfähige Bevölkerung, d.h. arbeitsunfähige Frauen bzw. Frauen mit Kleinkindern, alte Männer und Kinder, wurden in die Konzentrationslager deportiert. Bis in diesen Todeslagern genügend Lagerleute gestorben waren und es Platz für neue gab, gab es Ortslager. So waren etwa Landsleute aus unseren Nachbar-gemeinden Miletitsch und Hodschag von Juni bis Oktober 1945 in einem abgegrenzten Bereich in meinem Heimatort Filipowa, bis sie dann auch nach Gakowa kamen.

Am Ende standen die großen Todes- und Vernichtungslager, die darauf angelegt waren, dass die Insassen dort den Tod finden sollten. In der amtlichen jugoslawischen Nomenklatur heißen sie „Lager mit Sonderstatus“. In der heutigen Vojvodina, d.h. im serbischen Teil der Batschka und des Banats, waren es sechs, in Slawonien zwei und in Slowenien ebenfalls zwei. Im Banat waren dies die gesamten Dörfer Molidorf (Molin) und Rudolfsgnad (Knićanin), in der Batschka die Dörfer Jarek (Bački Jarak), Gakowa (Gakovo) und Kruschiwl. (Kruševlje). Dazu kommt in Syrmien Mitrowitz (Sremska Mitrovica). In Slawonien waren dies Kerndia (Krndia) und Walpach (Valpovo), in Slowenien Tüchern (Teharje) und Sternthal (Strnišće). Ab Sommer 1945 lebte die gesamte jugoslawiendeutsche Bevölkerung in Lagern.

Am 2. Dezember 1944 wurde Jarek als erstes Vernichtungslager errichtet. Jarek war eine ehemals deutsche Gemeinde von knapp 2000 Einwohnern. Bis auf 54 Personen waren alle 1944 geflüchtet. Nun wurde das ganze Dorf mit seinen rund 400 Häusern zum Lager für mindestens 15 000 Personen gemacht, von denen mindestens 7 000 dort umkamen. Es war auch das erste Vernichtungslager, das aufgelöst wurde und zwar bereits im April 1946.

In gleicher Weise wurden Gakowa (ursprünglich 2 700 Einwohner) und der kleinere Nachbarort Kruschiwl (950 Einwohner) am 12. März 1945 als Todeslager ausgesucht. Kruschiwl wurde im Dezember 1947 aufgelöst. In Gakowa endete die Leidenszeit erst im Januar 1948 nach 33 Monaten. In Gakowa befanden sich jeweils zwischen 15 000 und 17 000 Lagerinsassen, in Kruschiwl durchschnittlich 7 000. In Gakowa kamen rd. 8 500 und in Kruschiwl zwischen 3 000 und 3 500 Donauschwaben ums Leben.

Zu den großen Todeslagern im Banat zählen Molidorf, das von September 1945 bis April 1947 bestand, das jeweils zwischen 5 000 und 7 000 Lagerinsassen zählte und zwischen 3 000 und 4 000 Todesfälle zu beklagen hat. Das größte der Todeslager war Rudolfsgnad. Dort waren durchschnittlich 17 000 bis 20 000 Menschen interniert. Es bestand zwischen Oktober 1945 und März 1948 und hat rd. 11 000 Todesopfer zu beklagen.

Zu den großen berüchtigten Todeslagern in der Batschka und im Banat kommen als kleinere Lager hinzu: Valpovo und Kerndia in Slawonien, Mitrowitz in Syrmien sowie Tüchern und Sterntal in Slowenien. Insgesamt wurden im damaligen Jugoslawien gegen 170 000 donauschwäbische Zivilpersonen in den Arbeits-, Zentral- und Vernichtungslagern interniert, von denen 48 447 umgekommen sind.

Dies sind die Lageropfer unter den Zivilpersonen im damaligen Jugoslawien. Nicht vergessen werden dürfen darüber hinaus die Opfer bei der Flucht, der Zwangsarbeit, wie etwa in der Sowjetunion, die Gefallenen und in Gefangenenlagern verstorbenen Soldaten. So kommen wir auf eine Gesamtzahl von donauschwäbischen Menschenverlusten aus Jugoslawien auf mindestens 85 399 Personen.

170 000, 48 447, 85 399, das sind Zahlen. Doch hinter jeder Zahl stehen ein Mensch und ein Menschenschicksal. Und das sind Väter und Mütter, Kinder und Geschwister, Großeltern, Verwandte, Freunde und Nachbarn. Sie und ihr Leid, ihre Schmerzen und Verzweiflung zu vergessen, ihrer nicht mehr zu gedenken, hieße, sie ein zweites Mal zu töten.

Je länger die Zeit in den Arbeits- und in den Todeslagern dauerte, desto verzweifelter wurde die Situation. Sehr bald begannen die Versuche, aus den Lagern zu fliehen. Diesem Bemühen kam z.B. entgegen, dass etwa die Lager Gakowa und Kruschiwl nahe an der ungarischen Grenze lagen. So gelang es in den Jahren 1945 bis zur Schließung der Lager 1948 gg. 40 000 Lagerinsassen – oft unter höchster Lebensgefahr – nach Ungarn oder Rumänien zu fliehen und von dort weiter nach Österreich und Deutschland zu gelangen.

 

III. Auflösung der Lager und Schicksal der Lagerinsassen

Bei der Schließung der Lager 1948 waren zwischen 72 000 und 77 000 Lager-insassen in Jugoslawien verblieben. Dazu stellt Herbert Prokle aus Molidorf zurecht fest: „Diese waren nun aber nicht über Nacht wieder freie Menschen; vielmehr wurden sie in zwei- bis dreijährige Zwangsarbeitsverhältnisse außerhalb ihrer Heimatorte verbracht und durften diese nur in Ausnahmefällen mit einer besonderen Genehmigung verlassen…. Erst nach Ablauf dieser Verbannungszeit Anfang der 1950er Jahre waren Orts- und Arbeitswechsel möglich. Über eine Rückgabe oder Entschädigung für den enteigneten Besitz durfte man aber nicht einmal sprechen. Nach den traumatischen Erlebnissen konnten sich die deutschen Volkszugehörigen in diesem Land nicht mehr zu Hause fühlen, zumal ihre Peiniger und Mörder ja immer noch wichtige Posten innehatten und niemand sie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zog. Wer konnte wissen, ob sie nicht wieder zuschlugen? Es ist also nur zu verständlich, dass alle sich um eine Ausreise nach Deutschland bemühten, die jetzt legal möglich war.

Für viele Ausreisewillige gab es zunächst aber zwei Hindernisse: Für junge Männer endete die Verbannungszeit mit einer Einberufung zum jugoslawischen Militär, jeder Verweigerer wäre als Deserteur behandelt worden. Da die Angehörigen nicht ohne diese Söhne, Enkel oder Brüder auswandern wollten, mussten sie das Ende der Militärdienstzeit abwarten.

Am Ende der Verbannungsperiode wurde den Deutschen auch die jugoslawische Staatsbürgerschaft wieder zurückgegeben, und wer ausreisen wollte, musste nun eine hohe Gebühr bezahlen, um aus der Staatsbürger-schaft entlassen zu werden. Da die ehemaligen Lagerinsassen überhaupt nichts besaßen, mussten sie erst mal hart arbeiten und eisern sparen, bis sie die Gebühren bezahlen konnten. Das sind die Gründe, warum viele erst Mitte der 1950er Jahre auswanderten.“[i] Es ist schlimm genug, dass Jugoslawiens Machthaber auch noch an der Ausreise ihrer Opfer verdienen wollten.

 

IV. Die aus dem Lager entlassenen Landsleute

Ich bin dankbar dafür, dass sich serbische Autoren und nun auch in Deutschland die „Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung“ des Schicksals unseres Volksstammes annehmen. Dies ist sowohl im Blick auf den Völkermord an den Donauschwaben wie auch im Blick auf das Ende unseres Volksstamms notwendig. Denn so heißt es etwa in einer Lehrerhandreichung Baden-Württembergs aus dem Jahr 2002 im Blick auf die Deutschen im ehemaligen Jugoslawien lakonisch, aber völlig falsch: „Der Rest der deutschen Bevölkerung wurde bis 1949 aus den Lagern entlassen und über die Grenze nach Ungarn und Österreich abgeschoben.“[ii] So wenig nimmt man die Realität zur Kenntnis.

So sehr es zu begrüßen ist, dass serbische Autoren sich des Schicksals der Deutschen im ehemaligen Jugoslawien erinnern, so muss man doch darauf achten, dass sie nicht auch heute noch auf die kommunistische Propaganda hereinfallen. Dazu gehört etwa das linientreue kommunistische Propagandablatt in deutscher Sprache mit dem Titel „Der Schaffende“, das einige Zeit nach dem Ende der Lager erschien und zu dessen Lesern die Mehrheit der Volksdeutschen eben gar nicht gehörte. Zu den von kommunistischer Seite verbreiteten Märchen gehören auch „die angeblich überall aus dem Boden schießenden Schulen mit deutscher Unterrichts-sprache“.[iii]

Das Buch „Ein Volk an der Donau“ enthält ein Kapitel von Goran Nikolić, worin er sich unter dem Titel „Das Leben nach der Kreuzabnahme“ ausschließlich mit dem Schicksal der deutschen Minderheit nach der Auflösung der Lager 1948 befasst. Sein Anliegen ist beachtenswert und verdient Anerkennung und Respekt. Doch er fällt auf das rosige Bild der kommunistischen Schönfärberei in „Der Schaffende“ herein. Dass die noch verbliebenen Deutschen bloß oder vor allem wegen wirtschaftlicher Vorteile in das Wirtschaftswunderland Deutschland auswanderten, ignoriert die Verletzungen, die sie in Jugoslawien erlebt hatten, und die nach wie vor feindliche Umwelt, in der sie lebten.[iv]

Die Auflösung der Lager bedeutete für Frauen und Männer ab 14 Jahren die Verpflichtung zur Arbeit wie etwa in Kohle- und Erzbergwerken an ihnen zugewiesenen Orten. Für Alte, Kranke und Arbeitsunfähige wurden „Altersheime“ errichtet – so ab Oktober 1948 in Karlsdorf und dann auch in St. Georgen an der Bega. Nach und nach erhielt dort jede und jeder ihr bzw. sein Bett, so dass es trotz der kargen Verpflegung zwar bescheiden, aber doch einigermaßen menschlich zuging.[v]

Flucht, Vertreibung, Tod und Auswanderung haben schließlich dazu geführt, dass es – bis auf sehr kleine Gruppen in der Vojvodina, in Slawonien und Zagreb – fast keine Deutschen oder deutsch sprechende Menschen in Serbien, Kroatien und Slowenien mehr gibt. Eine ganze Reihe von denen, die im ehemaligen Jugoslawien verblieben waren, scheute, sich – etwa auch in späteren Volkszählungen – als Deutsche zu bekennen. Sie mieden die deutsche Sprache, gaben sie nicht an ihre Kinder weiter, um nicht anzuecken. Je nach der persönlichen Bekanntschaft oder der örtlichen Situation gaben sie sich als Ungarn oder Kroaten aus und sind inzwischen in diesen Volksgruppen aufgegangen. Über ihre Zahl kann man allenfalls Vermutungen anstellen und spekulieren. Goran Nikolić weist jedenfalls in seinem Beitrag „Das Leben nach der Kreuzabnahme“ darauf hin, dass die Zahl der Ungarn und auch der Kroaten in Jugoslawien bei der Volkszählung von 1948 sehr zugenommen hatte, was er damit erklärt, dass Volksdeutsche sich als Ungarn bzw. Kroaten deklarierten.[vi] Wieviele dies waren oder sind, muss wohl für immer offen bleiben.[vii]

 

V. Schicksal der donauschwäbischen Kinder

Ein besonders schweres Schicksal hatten die zwischen 40 000 bis 45 000 Kinder in den Todeslagern. Sie gehörten in den Vernichtungslagern oft zu den ersten Opfern. Im ersten Internierungsjahr starben ca. 6 000 Kinder in den Lagern. Noch höher war die Sterberate unter den Alten, zumal die Großmütter oft das wenige Essen, das sie erhielten, ihren hungernden Enkeln gaben. Doch der Tod der Großmütter ließ viele völlig alleinstehende Kinder ganz verwaist zurück. So begannen die jugoslawischen Behörden, verwaiste Kinder zunächst in den Lagern in eigens dafür ausgewählten Häuser zu sammeln und sie dann aus den Vernichtungslagern herauszuholen, aber nicht nur verwaiste, sondern auch andere, die sie ihren Angehörigen wegnahmen. Bereits im Januar 1946 wurden in Gakowa Kinder zwischen zwei und zehn bis vierzehn Jahren von ihren Angehörigen getrennt, in eigenen sog. „Kinderheimen“ untergebracht und mit ihrer ethnischen Umerziehung durch „fortschrittliche“ slawische Kinderbetreuerinnen begonnen. Mitte 1946 erfolgte dann der erste Kindertransport aus Gakowa in Umerziehungsheime, dem bis zur Auflösung des Lagers noch drei weitere solche Kindertransporte folgten. Solche Kindertransporte gab es auch in den anderen Lagern und dann nochmals bei der Auflösung der Lager 1948. Nach vorsichtigen Berechnungen wurden ab Mitte 1946 rd. 7 000 „verwaiste“ Kinder aus den Vernichtungslagern geholt, um ethnisch umerzogen und zu Musterkommunisten geformt zu werden. Die Geschwister wurden konsequent voneinander getrennt und die Kinder auf weit über 100 Kinderheime in ganz Jugoslawien verteilt. Jugoslawien betrachtete die Kinder als Staatseigentum, deren „Vater“ Tito und deren „Mutter“ Jugoslawien war. Alles war darauf angelegt, dass sie die deutsche Sprache, deren Gebrauch verboten war, völlig verlernten und ihre Herkunft vergaßen.

Es gehört zweifellos zu den großen Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschen, Menschen ihre Heimat, ihre Familie, ihre Identität, ihre Sprache, ihre Religion, ihre Volkszugehörigkeit zu nehmen. Auch das ist eine Form von Völkermord, von geistigem Völkermord.

Fünf Jahre hindurch waren alle Versuche, Eltern und Kinder, Geschwister, Kinder und Verwandte zusammenzubringen, von Misserfolgen begleitet. Es würde zu weit führen, hier auf die jahrelangen oft vergeblichen Mühen einzugehen, denen es darum ging, herauszubekommen, wo die Kinder waren, um sie freizubekommen. Jugoslawische Behörden taten alles, um dies zu verhindern. Kinder wurden bewusst mehrfach in verschiedene Heime gebracht, um die Herkunft und die Spuren zu verwischen. Oft wurde auch deren Existenz abgestritten. Belegt ist, dass zwischen 1950 und 1959 insgesamt 2 259 Kinder im Rahmen der Familienzusammenführung zu ihren Vätern, Geschwistern, Verwandten zurückkehren konnten oder in Deutschland in einem Kinderheim eine Bleibe fanden.[viii] Wieviele ihre Identität verloren haben und in Jugoslawien verblieben, entzieht sich unserer Kenntnis. Wenn man jedoch bedenkt, dass rd. 7 000 volksdeutsche Kinder aus den Lagern geholt und in jugoslawischen Kinderheimen untergebracht wurden, und dass wir nur von 2 259 Kindern wissen, dass sie im Rahmen der Familienzusammenführung herausgeholt werden konnten, kann man erahnen, wieviele, ethnisch umerzogen, in Jugoslawien verbleiben mussten.

 

VI. Unser Gedenken heute

Liebe Landsleute, werte Gäste, ich habe Sie auf einen langen und schwierigen Weg mitgenommen, den man nicht ohne persönliche Betroffenheit mitgehen kann. Denn es handelt sich ja nicht um Ereignisse aus fernen Jahrhunderten und weit entfernten Ländern. Zahlreiche unter uns haben so manches von dem miterlebt, das heute in Erinnerung gerufen wird. Und nicht wenige nehmen durch Eltern, Großeltern, Verwandte und Betroffene an diesen furchtbaren Geschehen Anteil und halten sie in ihrer Erinnerung lebendig. Es gibt keinen Grund, diese Erinnerung zu unterdrücken oder uns ihrer scheu und verschämt zu entziehen. Auch das Harte und Furchtbare, auch die blutenden und nur zum Teil vernarbten Wunden dürfen und müssen benannt werden. Denn nur die Wahrheit wird uns freimachen. Nur sie ermöglicht einen Neuanfang und einen Weg in die Zukunft.

Als ich vor zwei Jahren in meiner Rede beim neu proklamierten Gedenktag für die Opfer von Krieg, Flucht und Vertreibung in Berlin das Vernichtungslager Gakowa erwähnte, kam nach der Rede ein Mitarbeiter des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz aus Bonn auf mich zu und erklärte, die Lager im damaligen Jugoslawien seien keine Vernichtungslager gewesen. Ich antwortete nur: Was wollen Sie? Ich habe Gakowa erlebt. Die kommunistischen Machthaber Jugoslawiens nannten die Lager wie Gakowa, Jarek, Rudolfsgnad „Lager mit Sonderstatus“. Wir nennen sie mit Recht und wohlbegründet nicht einfach nur Konzentrationslager, sondern Todeslager und Vernichtungslager. So haben wir sie erlebt. Wir waren in sie eingeliefert, um dort durch Erschossen- oder Erschlagenwerden, durch Hunger und Krankheit umzukommen, den Tod zu finden.

Ich bin Georg Wildmann und Herbert Prokle dankbar für ihren eingehenden und gut begründeten Beitrag in der „Donauschwäbischen Geschichte“: „Der Tatbestand des Völkermords an den Deutschen Jugoslawiens 1944 – 1948“ (S. 592 – 626). Was in diesen Jahren dort an den Donauschwaben verübt wurde, war Völkermord. Das darf und muss gesagt werden. Selbstbewusstsein, Zeugnis und mutiges Bekenntnis gehören zur Erinnerung und folgen aus ihr.

Wir sind hier zur Erinnerung an die Aufhebung der Lager vor 70 Jahren im damaligen Jugoslawien, aber auch zum Gedenken an all das, was unsere Landsleute in diesen Lagern, in den Arbeits- und Todeslagern, erlitten haben. Erinnerung ist ein Grundzug unseres Lebens. Unsere Erinnerungen helfen uns, Vergangenes und Erlebtes wachzurufen und wachzuhalten und ihnen ihren Platz in unseren vielfältigen Lebenserfahrungen zu geben. Das gilt nicht nur für uns als einzelne, sondern auch für eine Gemeinschaft und jedes Volk. Die Erinnerungen helfen uns, aus diesen Erfahrungen zu lernen und sie für unser Leben und unsere Zukunft fruchtbar werden zu lassen. „Nicht die Erinnerung“, so hob Richard von Weizsäcker hervor, „nicht die Erinnerung, sondern das Vergessen ist und bleibt die Gefahr, und sie kann sich auf allen möglichen Wegen heranschieben.“ Der Gefahr des Vergessens und Verdrängens wollen wir auch heute hier begegnen. Unser Blick richtet sich dabei sowohl in die Vergangenheit als auch auf die Gegenwart und in die Zukunft. In die Vergangenheit, weil Erinnerung immer auch Solidarität heißt, Solidarität mit den Opfern in den Zwangsarbeits- und in den Vernichtungslagern, mit den Opfern von Hass und Gewalt. Wer all die menschlichen Schicksale, das vielfältige Leid, die unfasslichen Geschehnisse um unsere Landsleute in den Zwangsarbeits- und den Todeslagern verdrängt, der macht sie ein zweites Mal zu Opfern, zu Opfern des Vergessens.

Solche Erinnerung ist immer auch Zumutung. Sie ist nicht nur bequem und angenehm, sondern vielmehr ein Aufschrei, ein Stein des Anstoßes für die Gegenwart. Dafür stehen unsere Mahnmale und Gedenkstätten. Unsere Gedenk-kreuze in den Todeslagern dienen dieser Erinnerung und sie mahnen. So sind wir auch dankbar, dass wir nach vielen Mühen vor einem Jahr auch im zuerst eingerichteten Vernichtungslager Jarek eine Gedenkstätte einweihen konnten. Eine ehrliche und konstruktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit macht frei und eröffnet eine neue Zukunft.

Heute gilt unser Gedenken nicht nur der Opfer. Heute gedenken wir dankbar derer, die den Hunger, die Krankheiten, all die Torturen der unmenschlichen und menschenverachtenden Lager überlebt haben und, wenn auch unter Einschränkung und Zwang, einen Neuanfang erlebt haben. Ihr Karfreitag ging endlich zu Ende und sie durften aufatmen. Auch wenn das Ende der Lager nur einen Karsamstag mit vielen Fesseln bedeutete, so öffnete er doch den Blick auf Ostern mit der Hoffnung auf Freiheit und ein neues Leben. Darum haben wir allen Grund zur Dankbarkeit. Wir, die selbst überlebt haben, oder deren Eltern, Verwandte, Bekannte oder Landsleute überlebt haben, wissen, was dies bedeutet. Unser Leben endete nicht am Karfreitag und verblieb auch nicht im Dunkel des Karsamstags. Wir durften Ostern erfahren und leben von Ostern her – voller Dankbarkeit. Und das führt in die Zukunft.

 

Literatur

Georg Wildmann, Donauschwäbische Geschichte, Donauschwäbische Kulturstiftung, München, Wien 2014, 2015

Georg Wildmann (Hrsg.), Leidensweg der Donauschwaben im kommunistischen Jugoslawien Bd III, München – Sindelfingen 1995

Herbert Prokle, Der Weg der deutschen Minderheit Jugoslawiens nach der Auflösung der Lager, München 2008

Nenad Stefanović,  Ein Volk an der Donau, München, Eggenfelden, Belgrad3, 2005

Goran Nikolić, Ein Volk an der Donau, Donauschwäbische Kulturstiftung, München 2004

Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm, Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung: Vom „Verschwinden“ der deutschsprachigen Minderheiten. Ein schwieriges Kapitel in der Geschichte Jugoslawiens 1941 – 19145, ISBN 978-3-946867-00-5

Rainer Bendel (Hrsg.), Die zweite Hälfte der Heimat, Münster 2012

 

Anmerkungen

[i] Herbert Prokle, Der Weg der deutschen Minderheit Jugoslawiens nach der Auflösung der Lager, München 2008,137

[ii] Herbert Prokle a.a.O.18

[iii] a.a.O.18

[iv] vgl. H. Prokle, Der Weg der deutschen Minderheit Jugoslawiens nach der Auflösung der Lager, München 2008; Ein Volk an der Donau, München 2004; vgl. Tagungsbericht: Vom „Verschwinden“ der deutschen Minderheiten. Ein schwieriges Kapitel in der Geschichte Jugoslawiens 1941  1955, hrgg. Vom Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm und der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung, ISBN 978-3-946867-00-5

[v] Vgl. H. Prokle 14f

[vi] In: Nenad Stefanović, Ein Volk an der Donau, 219f

[vii] Vgl. auch Aleksander Krel, Die ethnische Mimikri der deutschen Minderheit im sozialistischen Jugoslawien, in: Vom „Verschwinden“ der deutschsprachigen Minderheiten 160 – 170

[viii] vgl. Georg Wildmann (Hrsg), Leidensweg der Donauschwaben im kommunistischen Jugoslawien Bd III, München – Sindelfingen 1995,491