Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Rede von Franz Kroppenstedt zur Eröffnung des Neubaus des Oberschlesischen Landesmuseums am 16. Juli 1998

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Eröffnung des. Museumsneubaus mit der Dauerausstellung und der Ausstellung »Oberschlesische Kostbarkeiten« ist ein erfreulicher Tag für die Stiftung Haus Oberschlesien; sind doch lange Bemühungen zu einem erfolgreichen Abschluß gekommen. Mancher hat sicher erwartet, daß der Neubau schon früher eröffnet worden wäre. Die lange Dauer der Vorbereitung hat mehrere Gründe. Die Einrichtung der Dauerausstellung „Kultur und Geschichte Oberschlesiens“ erforderte viel Zeit. Denn es waren wesentliche innenarchitektonische Vorkehrungen erforderlich – wie Sie gleich sehen werden –, um die Exponate so in Beziehung setzen zu können, daß sie im Zusammenklang deutliche Vorstellungen über wichtige Abschnitte der Kultur und Geschichte Oberschlesiens vermitteln. Es geht bei dieser Ausstellung ja nicht darum, besonders wertvolle und bedeutsame Objekte, die für sich allein sprechen, für sich allein des Ansehens wert sind, zu zeigen, sondern darum, durch eine Vielzahl unterschiedlicher, vielfach für sich allein nahezu bedeutungsloser Objekte wichtige Phasen der Geschichte, der Kultur, der Wirtschaftsentwicklung und des Lebens der Menschen in Oberschlesien abzubilden.

Verzögerungen ergaben sich auch aus finanziellen und personellen Problemen. Nun ist es geschafft. Sie sehen eine an dem heutigen Stand der Museumsgestaltung orientierte Dauerausstellung. Gleichwohl werden auch in Zukunft hier und da Ergänzungen und Verbesserungen vorgenommen werden können und müssen. So war es z. B. aus finanziellen Gründen noch nicht möglich, audiovisuelle Elemente einzufügen, die sicher zur Belebung der Dauerausstellung beitragen würden,

An diesem Tage ist es mir ein besonderes Anliegen, denen zu danken, die entscheidend an dem Neubau des Museums und der Gestaltung der Ausstellungen mitgewirkt haben.

Als ersten möchte ich den im vergangenen Jahr verstorbenen Vorsitzenden der Stiftung, Herrn Dr. Czaja, nennen, der trotz seines hohen Alters und seines angegriffenen Gesundheitszustands in unermüdlichem Einsatz für die Errichtung des Neubaus geworben und sich für die Gestaltung der heute eröffneten Ausstellung eingesetzt hat. Ohne ihn wäre es zu dem Museumsneubau nicht gekommen. Dieses Museum ist die Frucht seines Wirkens, ihm gebührt besonderer Dank.

Mein herzlicher Dank gilt den vielen Beratern, insbesondere aus dem Museums- und Wissenschaftsbereich, die an der Gestaltung der Dauerausstellung, der Formulierung der einführenden und erläuternden Texte und an anderen wichtigen Schritten mitgewirkt haben. Sie haben wesentliche und weiterführende Anregungen gegeben.

Die Stiftung dankt ganz besonders den Geldgebern. Der Bund khat knapp 90 und das Patenland Nordrhein-Westfalen gut 10 der für den Neubau und die Eröffnungsausstellung erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Das BMI hat neben den finanziellen Zuwendungen durch kritische, aber konstruktive Beratung den Fortgang des Vorhabens gefördert.

Besonderen Dank verdient Herr MinRat Dr. Martens, der mit sachkundigem und konstruktivem Rat das Vorhaben begleitet hat.

Hohe Anerkennung und Dank möchte ich Ihnen, Herr Denkinger, aussprechen. Mit Ihnen haben wir einen Innenarchitekten gefunden, der sich mit großem Engagement, außergewöhnlichem Ideenreichtum und feinem Einfühlungsvermögen der Gestaltung der Dauerausstellung gewidmet hat und auf den stets Verlaß war. Die Architektur des Museumsneubaus gestalteten die Architekten Lern und Partner.

Herzlichen Dank sage ich auch den Museen, insbesondere in Schlesien und Oberschlesien, die bedeutende Exponate für die Ausstellung »Oberschlesische Kostbarkeiten« ausgeliehen haben.

Bischof Nossol von Oppeln danken wir dafür, daß er die Schirmherrschaft über die Ausstellung »Oberschlesische Kostbarkeiten« übernommen hat. Leider kann er heute nicht anwesend sein, ich darf Ihnen seine herzlichen Grüße übermitteln.

Dank verdienen auch die Mitarbeiter der Stiftung Haus Oberschlesien, die engagiert und unermüdlich an der Gestaltung und dem Aufbau der Ausstellungen gearbeitet haben. In den letzten Tagen und Wochen haben sie bis zur Erschöpfung gearbeitet, um die Ausstellung termingerecht fertig zu stellen,

Zu nennen sind vor allem die Museumsmitarbeiter Herr Dr. Gussone, Herr Mrass, Frau Ernst und Frau Diehl, der Hausmeister Herr Seel und von der Verwaltung der Geschäftsführende Direktor, Herr Lamm.

Anerkennend hervorzuheben ist, daß die Ausstellung »Oberschlesische Kostbarkeiten« vor allem den guten Kontakten von Herrn Mrass zu schlesischen Museen zu verdanken ist.

Einige von Ihnen werden vielleicht fragen: Paßt ein Oberschlesisches Landesmuseum in der Bundesrepublik Deutschland heute noch in die politische Landschaft? Brauchen wir in der Bundesrepublik noch ein Museum für Kultur und Geschichte Oberschlesiens? Wen interessiert das? Warum ist gerade Nordrhein-Westfalen der Standort dieses Museums?

Oberschlesische Kultur und Geschichte sind deutsche Kultur und deutsche Geschichte. Deutsche haben mehr als 700 Jahre Kultur und Geschichte Oberschlesiens, auch im Zusammenwirken mit den dort lebenden Polen und Tschechen, geprägt. Oberschlesien war viele Jahrhunderte Teil des Deutschen Reiches. Jedes Land, jedes Volk hat das Recht, mehr noch die selbstverständliche Pflicht, seine Geschichte und Kultur zu bewahren und zu pflegen. Dies hat mit Gebietsforderungen, mit Revanchismus nicht das geringste zu tun. Wir leben in einer Zeit, in der das Interesse der Menschen an ihrer Herkunft und Vergangenheit, also auch an Museen dieser Art wächst. Landesmuseen in dieser oder jener Form gibt es daher in allen deutschen Landesteilen.

Der die öffentliche Hand verpflichtende Gesetzesbefehl des § 96 BVFG zur Pflege des kulturellen Erbes der Vertreibungsgebiete ist also mehr deklaratorisch als konstitutiv.

Die Stiftung Haus Oberschlesien nimmt daher – wie vergleichbare andere Einrichtungen – eine vor allem der öffentlichen Hand obliegende Verpflichtung wahr.

Dies ist ein Museum für alle Deutschen und – unabhängig von ihrem Wohnort – vor allem für die Oberschlesier, denn es stellt wesentliche Abschnitte deutscher Kultur und Geschichte Oberschlesiens dar …

Zwischen den Industriegebieten an Rhein und Ruhr und in Oberschlesien gab es in der Vergangenheit vielfältige Beziehungen aufgrund ähnlicher Industriestrukturen. Schon lange vor Flucht und Vertreibung sind viele Oberschlesier in das Ruhrgebiet gekommen. Später hat ein sehr großer Teil der geflüchteten und vertriebenen Oberschlesier in Nordrhein-Westfalen eine neue Heimat gefunden. Dies gilt auch für die Spätaussiedler. Daher ist Nordrhein- Westfalen, das Patenland der Oberschlesier, der richtige Museumsstandort.

Das Museum ist nicht nur von Interesse für Oberschlesier deutscher, sondern auch polnischer und tschechischer Abstammung, die heute in Oberschlesien leben, weil es entscheidende Phasen der Vergangenheit ihrer Heimat darstellt. Menschen aus diesen Gebieten – und zwar nicht nur Deutsche halten sich heute oft in der Bundesrepublik auf und werden das Museum besuchen.

Ich habe eingangs dargelegt, daß in Oberschlesien viele Jahrhunderte deutsche Kultur entstand und sich deutsche Geschichte vollzog.

Die vielen Polen und auch die Tschechen und Juden, die in Oberschlesien lebten, haben die Geschichte und Kultur mitgestaltet. Die verschiedenen Volksgruppen haben Jahrhunderte friedlich miteinander gelebt, sich als Oberschlesier gefühlt, ein eigenes Bewußtsein als Oberschlesier und sogar eine eigene Sprache entwickelt. Dadurch unterscheidet sich Oberschlesien grundlegend von Niederschlesien.

In jüngerer Vergangenheit hat der Nationalismus dieses erfreuliche Miteinander empfindlich gestört. Das Unrechtssystem des NS-Staats hat auch den in Oberschlesien lebenden Menschen anderer Volkszugehörigkeit schweres Leid zugefügt und zu entsprechenden Gegenreaktionen geführt. Heute leben in Oberschlesien noch etwa 800.000 Deutsche in zunehmend gutem Einvernehmen mit der polnischen Bevölkerung. Die Oberschlesier stellen wieder eine Brücke zwischen Deutschland und Polen dar.

Wir haben uns bemüht, in der Ausstellung auf die Probleme klischeehafter Geschichtsvorstellung hinzuweisen und sie in der Ausstellung durch Realitätsbezogenheit möglichst zu vermeiden.

Die Stiftung Haus Oberschlesien unterhält gute Kontakte zu Museen, Wissenschaftlern, kirchlichen und anderen Einrichtungen in Oberschlesien. Die Stiftung ist bemüht, gemeinsam mit polnischen und tschechischen Wissenschaftlern, Geschichte und Kultur Oberschlesiens aufzuarbeiten. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung und Normalisierung der deutsch-polnischen Beziehungen.

Ihre Arbeit liegt damit auch im Interesse der vielen heute noch in Oberschlesien lebenden Deutschen.

Diskussionen insbesondere im Zusammenhang mit dem Beschluß des Deutschen Bundestages vor wenigen Wochen haben gezeigt, daß die “Wunden der Vergangenheit noch nicht nachhaltig vernarbt sind,” was bei der Schwere der wechselseitigen Kränkungen und des Unrechts nicht verwundert.

Diese Diskussionen sollten niemanden entmutigen, die Bemühungen um Verständigung fortzusetzen und zu intensivieren.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit wird auch in Zukunft ein wesentliches Element der Arbeit der Stiftung sein. Dies gilt auch für das Museum. Als Themenschwerpunkte sind u. a. vorgesehen: Ausstellungen, die Aspekte der Dauerausstellung ergänzen und vertiefen; Ost-West-Vergleiche; historische und aktuelle Kunst Oberschlesiens; Ausstellungen mit örtlichem und regionalem Bezug zu Hösel.

Das Ansstellungsprogramm wird ergänzt durch ein Veranstaltungsprogramm, das unterschiedliche Personenkreise anspricht und zu einem lebendigen Museumsleben führen soll. Das Veranstaltungsprogramm wird u. a. enthalten: Popularwissenschaftliche Vorträge, Diavorträge, Musikveranstaltungen, Exkursionen und Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche.

Alles dies kostet Geld, das von den öffentlichen Händen nur begrenzt zur Verfügung gestellt werden wird. Wir haben deswegen einen Förderverein für die Stiftung Haus Oberschlesien gegründet. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie dem Förderverein beitreten und ihn unterstützen würden.

Ich wünsche dem Museum eine erfolgreiche Arbeit im Interesse Oberschlesiens und der Oberschlesier!