Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Erinnerungen an Dr. Eduard Pant [1887 – 1938]

Es ist seltsam, wie tief sich unserem Denken die geistige Gestalt eines Menschen einprägen kann, mit dem wir nur einmal im Leben in nähere Berührung gekommen sind. Ich bin Eduard Pant nur einmal begegnet. Er besuchte uns, es muß im Jahre 1931 oder 1932 gewesen sein, in unserer Beuthener Wohnung. Ich sehe ihn noch auf dem hochlehnigen Sofa sitzen, wachsam, für alles interessiert, eine im Äußeren und im Inneren scharf profilierte Persönlichkeit. Wenn nicht die feine, liebeswürdige Art gewesen wäre, die das alte Österreich seinen Menschen selbst bis zur fernen schlesischen Grenze hin aufgeprägt hat, dann hätte man ihn für einen deutschen Universitätsprofessor halten können. Vordem hatte ich Dr. Pant nur ganz von ferne bei irgendwelchen Tagungen gesehen. Jetzt formten sich mir in lebhaftem Gespräch die Umrisse seines Wesens, und dieses Bild blieb in meinem Gedächtnis unauslöschlich haften und steht vor mir bis in dieser Stunde.

Sollte ich dieses Bild auf eine knappe Formel bringen, so müßte ich sagen: es war ein Mann aus einem Guß, ja, eine erzgegossene Gestalt, eine Kämpfernatur mit festen, klaren Grundsätzen und mit einem unbeugsamen Willen. Er gehörte zu jenen Persönlichkeiten, deren Charakter unentrinnbar ihr Schicksal bestimmt. Daß dieses Schicksal für ihn ein so schweres, ja tragisches sein würde, konnte ich damals noch nicht ahnen. Aber schon seit jenem Nachmittag wurde der Name Eduard Pant zu einem unverwechselbaren Begriff, zum Symbol zähen Ausharrens auf einsamen Posten und tapferen Bekennens ewiger absoluter Werte. Es war deshalb für mich nicht überraschend, daß gerade dieser Mann dazu bestimmt war, die Seele des Wiederstandes gegen jene unheimlichen Mächte zu werden, die sich im Nationalsozialismus verkörperten. Es gehörte ein unbeschreiblicher Mut dazu, diesen Kampf nur wenige Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt aufzunehmen und in konsequent durchzuführen und zwar nicht nur eine kurze Zeitspanne, sondern fast ein ganzes Jahrzehnt lang. Käufliche Schergen und Meuchelmördernaturen gab es damals auch jenseits der deutschen Grenzen und die offene Kampfansage gegen das System war für Dr. Pant gleichbedeutend mit dem Einsatz des eigenen Lebens.

Während ich diese Zeilen niederschreibe, tauchen jene unruhigen, von grellen Lichtern durchzuckten Jahre kurz vor und nach der Machtergreifung wieder auf. Ich sehe mich wieder in den Abendstunden jenes Tages zu der Geschäftsstelle der Ostdeutschen Morgenpost eilen, wo die neuesten Telegramme aushingen. Wird sich die verheerende Flut wirklich über unser Land ergießen, so fragte ich mich jedesmal beim Überfliegen der letzten Meldungen. Wie lange wird der Wall der gesunden Kräfte noch standhalten? Diese sorgenvollen Fragen begleiteten mich beim Heimgang durch die menschengefüllten Straßen und verließen mich nicht in den Stunden der Nacht. Ach, dieser Schutzwall wurde von Tag zu Tag schwächer. Überall spürte man das Brodeln, [sic!] dunkler, unterirdischer Gewalten, selbst in unserer guten Stadt Beuthen. Am Tage des Potempa-Prozesses [fünf SA-Männer wurden nach einem Mord an einem Kommunisten zunächst zum Tod, später zur lebenslanger Haft verurteilt, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden sie freigesprochen], der in Beuthen geführt wurde, drängte sich eine dichte Menge um das Gerichtsgebäude. Man sah es den Gesichtern der Menschen an, daß viele der Verhetzung bereits erlegen waren.  Eben verließ der berühmte Verteidiger Lütgebrunn mit undurchdringlichem Gesicht das Landgericht, und als der berüchtigte Heines herauskam, wurde er von der johlenden Menge auf die Schultern gehoben. Doch das war alles nur ein Vorspiel. Dann kam das verhängnisvolle Jahr 1933. Der Braune Laden auf der Dynosstraße und alle Litfaßsäulen hingen voller unflätiger Plakate und Zeichnungen. Es war die Zeit der Skandalprozesse gegen die Orden. Bald begann auch die unverhüllte Judenhetze. Beuthen hatte eine ziemlich starke jüdische Bevölkerung. Wenn man in den Morgenstunden in die Stadt ging, sah man die Fenster der jüdischen Geschäfte eingeschlagen und das Innere verwüstet. In den engen Straßen, wo die kleinen jüdischen Händler wohnten, drängten sich die Menschen mit angstverzerrten Gesichtern. Die stattliche Synagoge wurde ein Raub der Flammen.

Aber noch war Beuthen eine christliche Stadt mit einer ruhigen, vernünftigen und arbeitsamen Bevölkerung. Unvergeßlich wird mir immer bleiben, wie an jenem Karfreitag in den Abendstunden Zehntausende von Männern barhaupt und schweigend dem großen hölzernen Kreuzbild folgten und auf dem weiten Platz vor dem Museum laut das Vaterunser gemeinsam beteten. Die Kirche wußte genau, worum es ging und was auf dem Spiele stand. Aber wer wird ihr im Ringen mit einer solchen Übermacht zur Seite stehen? Zwar war die Presse damals noch nicht gleichgeschaltet, aber es schien schon vor 1933 ein lähmender Druck auf vielen bürgerlichen Blättern zu lasten. Ich weiß noch, wie ich Mühe hatte, einen scharfen Artikel gegen die Partei unterzubringen. Schließlich mußte er in einer holländischen Zeitung erscheinen. Während also eine unbegreifliche Unsicherheit und Unentschlossenheit in der öffentlichen Meinung zu beobachten war, traten zwei aufrechte Männer auf den Plan, die den Kampf gegen die nationalsozialistische Hydra entschlossen aufnahmen: Dr. Gerlich [Fritz Gerlich, 1883 – 1934 KZ Dachau] in München und Dr. Pant im nahen Kattowitz.

Es gab wohl auch noch den „Deutschen Weg“ des unerschrockenen Jesuitenpaters Friedrich Muckermann [1883 – 1946], der in Holland erschien, und den „Christlichen Ständestaat“ in Österreich. Aber diese beiden Kampforgane drangen nicht bis nach Oberschlesien vor. Dagegen war der „Gerade Weg“ des tapferen Münchener Historikers in allen Beuthener Zeitungskiosken zu haben. Er lag dort in hohen Stößen, war aber jedesmal schon nach kurzer Zeit ausverkauft. In jenen verworrenen Zeiten bildete dieses Blatt eines der stärksten geistigen Bollwerke. Aber sofort nach der Machtergreifung verstummte die Stimme dieses unermüdlichen Warners, und Dr. Gerlich selbst wurde ein Opfer seiner christlichen Überzeugung. Nun blieb nur noch eine ragende Säule des literarischen Widerstands übrig: „Der Deutsche in Polen“. Man riß sich förmlich um die kleine Wochenschrift, die merkwürdigerweise auch noch nach 1933 den Weg über die polnische Grenze fand. Sie war vielleicht noch geschickter und volkstümlicher redigiert als das bayerische Blatt. Hier wurde das Unwesen der neuen Irrlehre erbarmungslos enthüllt und den Verführern die Maske vom Gesicht gerissen. Man mußte immer wieder staunen, woher der Redaktion diese Fülle der belastenden Dokumente zuströmte. Als das Blatt im deutschen Industriegebiet nicht mehr zu haben war, fuhren viele Menschen eigens über die Grenze, um in Polnisch-Oberschlesien die Zeitschrift kaufen und lesen zu können. Sie wanderte dann heimlich von Hand zu Hand, von Familie zu Familie. Unzählige Herzen hat sie im Widerstand gegen den gefährlichen Irrwahn bestärkt und viele wankende Gemüter wieder neu gefestigt. Obwohl sie in der Öffentlichkeit niemals zu sehen war, sehen war, [sic!] wirkte sie wie ein Leuchtfeuer in dunkler Nacht.

Als es im Industriegebiet immer schwerer wurde, in den Besitz einer Nummer zu kommen, wanderte ich von Wildgrund aus, wo wir ein Wochenendheim besaßen, regelmäßig über die nahe tschechische Grenze nach Zuckermantel, um dort in dem kleinen Papierladen die neueste Nummer zu kaufen. Das Blatt lag auch neben anderen In Deutschland verbotenen Zeitungen in dem bekannten Gasthaus von T. aus, und viele Oberschlesier kamen von weither dorthin, um sich über die wirkliche Lage aufzuklären. Das war nicht ganz ungefährlich, denn schon gab es auch im Sudetenland nationalsozialistische Spitzel, die solche Dinge beobachteten. Ein guter Freund, der allsonntäglich von Gleiwitz nach Zuckermantel fuhr, wurde eines Tages verhaftet und einem scharfen Verhör unterzogen. In den Pfingsttagen 1937 weilte ich als Gast des Grafen B. in der slovakischen Tatra. Wie froh war ich, als ich dort im Bibliothekszimmer den „Deutschen in Polen“ liegen sah. Ein Ordensgeistlicher aus Polnisch-Oberschlesien, der in dem Schloß als Hausgeistlicher tätig war, ließ sich das Blatt dorthin kommen. Auch dieser edle, fromme Priester wurde später ein Opfer der Gestapo und starb als Martyrer [sic!] im Konzentrationslager. Ein Beuthener Studienrat, der an der Zeitschrift mitarbeitete, wurde kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen wegen dieses Verbrechens hingerichtet.

Welch eine geistige Stärke und welch ein Opfermut gehörte dazu, den Kampf gegen eine so brutale Übermacht Jahr um Jahr weiterzuführen und wieviel Herzeleid mußte der Mann durchkosten, auf dem die letzte Verantwortung für diesen Kampf ruhte. Aber Dr. Pant blieb ungebrochen. Er wich auch nicht einen Finger breit von dem einmal beschrittenen Wege ab. Vor mir liegt der Wortlaut einer Rede, die Dr. Pant im September 1937 auf der Generalversammlung der Deutschen Christlichen Volkspartei in Polen hielt. Diese Rede enthüllt uns das Geheimnis der Seelenstärke dieses unerschrockenen Mannes: „Der letzte Sinn unseres Zeitgeschehens – so heißt es in jener Rede – ist der ewige Kampf zwischen Glauben und Unglauben.“ Es geht ihm also letztlich nicht um politische Dinge und um irdische Machtfragen. „Auch in dem gegenwärtigen Entscheidungskampf geht es letzten Endes um die Anerkennung einer über aller irdischen Macht stehenden Autorität, der Autorität Gottes, dessen Gebote und Gesetze unabhängig von Zeit und Raum, von Land und Rasse Geltung haben, und denen man sich fügen muß, wenn man leben will, oder Ablehnung dieser Autorität, also Kampf gegen Gott, einen Kampf, der alle Bande der Ordnung zerreißt und das Chaos schafft. Mit anderen Worten, es geht darum, ob Mensch und Menschengesetz oder Gott und Gottes Gebot allmächtig sind.“

Der Redner bekennt sich also zu jener tiefen Idee, die das christliche Denken schon seit den Tagen des heiligen Augustinus beherrschen, daß der letzte Sinn der Weltgeschichte das Ringen zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Satan ist, und daß sich jeder Einzelne in diesem Ringen für die eine oder andere Front entscheiden muß. Auf Grund dieser Überzeugung wurde der Widerstand gegen den Nationalsozialismus für Dr. Pant zu einer Gewissenspflicht, und aus dieser inneren Verpflichtung erwuchs ihm auch der Mut, alle Kräfte seines Geistes und seiner Seele, ja sein Leben selbst zum Opfer zu bringen. Einen solchen Bekenner wird man mit Stolz zu der Gott sei Dank nicht kleinen Zahl jener aufrechten deutschen Männer zählen dürfen, die ihr Knie vor Baal nicht gebeugt haben. Und wenn Oberschlesien zu den deutschen Provinzen gehört, die weltanschaulich am wenigsten von der nationalsoz. Häresie verseucht waren – Oberschlesien hatte z.B. die niedrigste Ziffer der Kirchenaustritte -, dann ist das auch dem unermüdlichen und unerschrockenen Wirken Dr. Pant’s zu danken.

Dr. L.

aus: Christ unterwegs, Nr. 4, April 1952, S. 8 – 9.