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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Dr. Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg: Abschied von einem Tabu

zollitschAnsprache
des Erzbischofs von Freiburg,
Dr. Robert Zollitsch,
beim Filipowaer Heimattreffen
am 1. Mai 2012 in Chieming

 

Liebe Landsleute, werte Gäste!

In Baden-Württemberg feiern wir Jubiläum. Wir gedenken nicht nur der Gründung des Bundes der Vertriebenen vor sechzig Jahren. Wir feiern auch das sechzigjährige Bestehen des Landes. Ich erinnere mich noch gut an die Debatten und Diskussionen um den Zusammenschluss der drei von den Besatzungsmächten geschaffenen Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. Bei der Volksabstimmung am 9. Dezember 1951 waren es die Heimatvertriebenen in Nordbaden, die den Ausschlag für den Zusammenschluss gaben. Der erste Ministerpräsident des neu gebildeten Südweststaates Reinhold Maier erklärte in einer Rede am 9. November 1952 in Stuttgart: „Die Heimatvertriebenen gehören zu den Mitbegründern des Südweststaates. Ihr entschiedenes Eintreten war kausal für seine Entstehung. In Nordbaden fiel die Entscheidung dafür oder dagegen. Die Heimatvertriebenen bildeten dort effektiv das in der Gegenwart so oft erörterte Zünglein an der Waage. Sie gaben den Ausschlag für das Stimmenplus, welches das Neugliederungsgesetz festgesetzt hatte“.[1]

Ähnlich wie hier in der Rede des Ministerpräsidenten wurden das Engagement und die Aufbauarbeit der Heimatvertriebenen in Deutschland und Österreich durchweg anerkannt und vielfach gewürdigt. Ihr Schicksal selber und das, was sie durchgemacht hatten, haben wir Heimatvertriebene zwar in unseren historischen Darlegungen und Publikationen in vielfältiger Weise festgehalten und dokumentiert, aber die Öffentlichkeit hat dies kaum zur Kenntnis genommen. Politiker fühlten sich gestört und schwiegen. In der Literatur waren solche Themen verpönt. Sie waren des Revanchismus verdächtig. Es gab geradezu eine seltsame literarische Blockade.

Nach 1945 ließ die Weltpolitik kritische Äußerungen zum Schicksal der fast zwanzig Millionen vertriebenen Deutschen in Österreich und Deutschland nicht zu. Schon in ihrer Heimat galten sie kollektiv als die Täter, die Akteure, die Kriegstreiber. Als solche durften sie auch hierzulande nicht zu den Opfern gezählt werden. Wir hätten die Sowjetunion mit Krieg überzogen, dem Land unendliches Leid zugefügt, so resümierten etwa 1967 Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“. In der politischen Linken jener Jahre galt jeder, der an die Ereignisse der Flucht und der Vertreibung erinnerte, als Revanchist. Vertriebene waren die Trachtenträger und galten als die Ewiggestrigen, die gesellschaftlich Zurückgebliebenen, die Feinde des politischen Fortschritts.[2]

In unseren Herkunftsländern durfte erst recht nicht darüber gesprochen werden. Die Vertreibung und die damit verbundenen Exzesse waren tabu. Unsere Ermordeten auf der Heuwiese galten als Kriegsverbrecher. Bei den heutigen Bewohnern von Filipowa wurde der Eindruck vermittelt, wir Deutschen hätten alle 1944 mit dem Rückzug der deutschen Wehrmacht freiwillig unsere Heimat verlassen. Selbst in der Ausstellung „Heimat an der Donau“, die in der Batschka und auch in Ulm gezeigt wurde, wurde dieser Eindruck erweckt. Und nach der alten römischen Erfahrung – „Qui tacet, consentire videtur – Wer schweigt, scheint zuzustimmen“ – wurde dies fatal hingenommen und leider auch zu selten tiefer gefragt.

Nun scheint diese Zeit vorbei zu sein – sowohl in Deutschland und Österreich wie auch in unseren Herkunftsländern. Als ich im Jahr 2003 nach meiner Wahl zum Erzbischof von Freiburg in einem großen Fernsehinterview bei der Frage nach meiner Biographie auf das Vernichtungslager Gakowa zu sprechen kam, unterbrach mich die Interviewerin Frau von Arnim voller Überraschung und Verwunderung. Ihr war bis dato völlig unbekannt und unvorstellbar, dass es so etwas gab. Und es war auch das erste Mal in meinem Leben, dass ich öffentlich darüber sprach. Es hatte auch zuvor niemand interessiert.

Gott sei Dank! ist das Ende der Sprachlosigkeit gekommen. Wir haben am 17. Juni vergangenen Jahres das Gedenkkreuz auf der Heuwiese in Hodschag errichtet, und dies wurde wahrgenommen – vom Apostolischen Nuntius und vom Erzbischof in Belgrad, von den katholischen Bischöfen und dem unierten Bischof der Vojvodina und vom orthodoxen Bischof der Batschka aus Neusatz. Es wurde wahrgenommen von den anwesenden Politikern, von der Presse und auch Teilen der Bevölkerung. Unser Gedenkkreuz steht. Unsere Hingemordeten und ihr und unser Schicksal sind nicht mehr tabu – auch nicht in Serbien.

Der „Deutsche Verein Donau“ in Neusatz feiert sein zwanzigjähriges Bestehen und tritt mehr und mehr in der Öffentlichkeit auf. Der dreiunddreißigjährige serbische Filmregisseur Marko Cvejic hat das jahrzehntelange Tabu in Serbien gebrochen und im Dezember vergangenen Jahres in Belgrad seinen Film „Podunavske Svabe“ – die Donauschwaben – öffentlich präsentiert. In ihm schildert er das Schicksal der Deutschen, die zwischen 1944 und 1948 in den kommunistischen Lagern Jugoslawiens einen unermesslich hohen Blutzoll entrichten mussten.

Nicht zuletzt nimmt sich auch die Literatur in Serbien und Kroatien wie in Deutschland dieser Themen an. So berichtet etwa Ivan Poljaković in seinem Buch „Schatten der Vergangenheit“[3], das vor drei Jahren in Zagreb erschien, über die Darstellung von „Flucht und Vertreibung in der donauschwäbischen Literatur der Nachkriegszeit“ und informiert damit seine Landsleute über das furchtbare Geschehen. Noch bezeichnender ist, dass auch die Romanliteratur in Serbien dieses Thema aufgreift und sich ihm stellt. In überaus beeindruckender und nachhaltiger Weise tut dies der 1948 in Werschetz geborene und dort aufgewachsene Serbe Dragi Bugarčić in seinem 2004 abgeschlossenen und 2010 auch in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Dreilaufergasse“[4]. All dies weist auf eine Wende hin. Auch Serben stellen sich den leidvollen Themen der Vergangenheit. Und das scheint mir im Blick auf die Geschichte und die Zukunft von herausragender Bedeutung zu sein.

Lange war es bundesrepublikanischer Konsens, dass man das an Deutschen begangene Unrecht und Leid literarisch nicht darstellen und auf keinen Fall mit den Verbrechen der Nationalsozialisten vergleichen dürfe. Der Nobelpreisträger Günter Grass, den man durchaus recht unterschiedlich beurteilen kann, hat vor zehn Jahren mit seiner Novelle „Im Krebsgang“, in der er den Untergang des mit 9.000 ostpreußischen Flüchtlingen übervollen Schiffs „Wilhelm Gustloff“ im Januar 1945 in der Ostsee schildert, dieses Tabu in Deutschland gebrochen. Damit hat er in der Literatur das Ende der bis dahin herrschenden Sprachlosigkeit eingeläutet.[5]

Die literarische Bearbeitung dieser Themen scheint mir besonders wichtig zu sein. Die Vertreibung darf nicht nur Gegenstand der Geschichtsschreibung bleiben. Die Erinnerung an sie in der Öffentlichkeit wachzuhalten, dies vermag die Kunst, in besonderer Weise die Literatur. Sie ist es, die uns anhält, das von ihr Dargestellte gleichsam auf einer höheren Ebene zu reflektieren, auf der Dichtung und Wahrheit zusammenschmelzen.

Wie alle Kunst uns nicht nur kognitiv, sondern auch emotional, sinnlich affektiv berührt, so auch die Literatur. Ihre Wahrheit ist eine Umfassendere als die der reinen Fakten. Gute Literatur erzählt ihren Stoff so, dass sich darin jeder wiedererkennen kann: „Mutato nomine, de te fabula narratur“, heißt es bei dem antiken römischen Dichter Horaz: „Von dir ist in der Erzählung die Rede; du brauchst nur den Namen zu ändern.“[6] Kunst gibt nicht einfach das Sichtbare wieder. Sie macht das Wahre, das sie zeigt, sichtbar.

Liebe Landsleute, werte Gäste, wir haben länger überlegt und unsere Filipowaer ARGE hat intensiv darüber beraten, ob wir nach der Errichtung des Gedenkkreuzes auf der Heuwiese uns nochmals zur Feier des Patroziniums unserer heimatlichen Pfarrkirche in diesem Jahr hier in Chieming treffen sollen – möglicherweise das letzte Mal. Mit einer solchen Frage ist natürlich ein Stück Nostalgie, ist Abschied und Schmerz verbunden. Die Erlebnisgeneration wird kleiner und in absehbarer Zeit sind auch die Letzten von ihr heimgegangen. Doch wir dürfen auch Stück für Stück Abschied nehmen. Auf dem Friedhof in Filipowo ist das Gedenken an unsere Toten festgehalten. Auf der Heuwiese steht das Gedenkkreuz für unsere Hingemordeten Väter und Brüder. Unsere Heimatbriefe und Bildbände, die Werke über die Geschichte, das Wirken und den Untergang unseres Volkstammes halten das Leben und Wirken unserer Landsleute fest für die Zukunft. Kunst und Literatur haben ihr Schweigen gebrochen und sind dabei, eine angemessene Sprache zu finden. Wir haben das, was wir unseren Landsleuten, unseren Vorfahren und Opfern, aber auch der nachfolgenden Generation schuldig sind, getan. So dürfen wir gelassen, was wir angefangen haben und was noch aussteht, zu Ende führen und in die Hände Gottes legen.

Unser Herz ist nicht nur durchtränkt von Nostalgie. Es ist weit mehr erfüllt von Dankbarkeit – für all das, was unsere Vorfahren erarbeitet und geschaffen, für das, was wir aus der Geschichte für die Zukunft festgehalten haben; für eine Ortsgemeinschaft, in der sich Menschen über Generationen, Grenzen und Kontinente verbunden wissen. In dieser Verbundenheit wäre sehr Vielen zu danken: unter den Heimgegangenen vor allem Paul Mesli, Franz Schreiber und Pater Wendelin Gruber. Unter den Anwesenden, sei es mir gestattet, vier Namen herauszugreifen: Adam und Agnes Kupferschmidt, Georg Wildmann und Prälat Josef Eichinger. Ohne Euch gäbe es das Filipowa der Erinnerung und der Gegenwart nicht. Herzlichen Dank! Herzliches Vergelt‘s Gott!


[1] Der Donauschwabe, Mitteilungen, Nr. 2 (58. Jahrgang) 15. April/Mai 2012, 8.

[2] vgl. Cornelius Petrus Mayer, Das Ende der Sprachlosigkeit, Vortrag am 26.10.2002 in Stuttgart.

[3] Ivan Poljaković, Schatten der Vergangenheit. Flucht und Vertreibung in der donauschwäbischen Literatur der Nachkriegszeit, Zagreb 2009.

[4] Dragi Bugarčić, Dreilaufergasse, Sersheim 2010.

[5] vgl. H. Spiegel, in FAZ Nr. 34, 09.02.2007, S. 56.

[6] Horaz, Satiren 1, 1, 69-70.