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Ausgaben: Ausgabe 1254.

„… da wir Gott allein im Radio haben sprechen lassen“

In arabischer und deutscher Sprache versuchen Dichterinnen und Dichter in der Berliner literaturWERKstatt mitzureden und zuzuhören

Traduttore oder traditore (Übersetzer oder Verräter), fragt sich Franz Hodjak mit Hilfe eines italienischen Wortspiels in der Zeitschrift „Südostdeutsche Vierteljahresblätter“, die jetzt „Spiegelungen“ heißt. Der Hermannstädter Dichter, Essayist und Romanautor, der in Usingen lebt, ist auch durch seine Übersetzungen aus dem Rumänischen bekannt, und dies mag ein triftiger Grund gewesen sein, ihn zum Verstransfer Beirut–Berlin hinzuzuziehen. In diesem Workshop in der literaturWERKstatt Berlin übersetzten sich drei Dichtertandems gegenseitig. Die literaturWERKstatt, die ihrem Namen hiermit Ehre macht, krönte die Arbeitssitzung mit einer abendlichen Lesung und einer Fahrt am nächsten Tag in den Libanon.

Aufgrund von Interlinearübersetzungen und mit Hilfe eines Dolmetschers arbeiteten die Dichter an den Texten ihrer Kollegen. Franz Hodjak würdigte bei der Gemeinschaftslesung die poetischen Prosastücke von Abbas Beydoun als große, in sich stimmige Entwürfe, deren Stimmigkeit allerdings widersprüchlich sei. Er konstruiere absurde Situationen, um seine poetischen Ideen zu vermitteln.

„So weit ist die Welt gekommen“, heißt der erste Text, der mit dem Satz endet: „Niemand wird da sein, um etwas zu hören, da wir Gott allein im Radio haben sprechen lassen“. Von Rädern handelt ein weiteres Prosagedicht, in dem die nackte Existenz der Engel und die nackte Existenz von Glück mit einem Fahrrad verglichen werden.

Franz Hodjaks kafkaesk anmutendes „Gedicht mit einem Käfer“ spricht von der Schwierigkeit, selbigen einzuordnen: „kommt er aus dem Osten … ist er Anarchist, oder schwul oder Fetischist … ist er heimatlos … oder schreitet er bloß so majestätisch einher, um dem Nichts Erhabenheit zu verleihen“. Die Übersetzung stieß in diesem Fall an die Grenze des Genus; der Käfer ist im Arabischen weiblich, dennoch scheint sie geglückt, wie der Moderator an diesem Abend, der Arabist Andreas Pflitsch, zum Schluß bemerkte. Über die tatsächlichen Grenzen spricht Hodjak in seinem nächsten Gedicht: „Nec plus ultra“.

Auch das Tandem Sabah Zwein und Brigitte Oleschinsky hat mit sprachlichen Genera zu kämpfen. Da ist die Rede vom Fisch, der im Arabischen weiblich ist, und der Tüte, die dafür männlich ist. Aber auch hier findet sich eine Brücke in der „dritten Sprache“, wie Sabah Zwein ihre poetische Sprache nennt. In ihren Gedichten leuchten verzweifelte Bilder poetisch durch: „krümmten wir uns jeden Morgen in unserem Schweigen“, „kamen wir uns näher in unserem Kreis aus verstecktem Stottern“. Die Todessehnsucht wird überspielt: „Ich wollte sterben, und trotzdem lachte ich, unter dem Himmel blau“, der Tag bleibt abschüssig und besteht aus Fragezeichen.

Brigitte Oleschinsky beginnt ihren Vortrag mit einem unvermittelten Schrei, um dann weniger lautpoetisch als körperbetont fortzufahren: „leer bäumt sich der Magen nach dir“, „erbrechen wollte ich mich vor Glück“, und mit einem englischen, wohl unübersetzbaren Wortspiel zu enden: „Your passport is not guilty.“ Das letzte Wort klingt an „gültig“ an, bedeutet im Englischen aber „schuldig“.

Das letzte Tandem an diesem Abend besteht aus dem in Rhede/Westfalen geborenen Michael Roes, der bis 1989 als Regie- und Dramaturgieassistent an der Berliner Schaubühne und an den Münchner Kammerspielen arbeitete. Der Dichter, Romanautor und Stückeschreiber liest diesmal sein Gedicht „Marginalien“ vor, in dem die Sprache als lebender Stein, als Korallenriff dargestellt wird. Sein Partner Bassam Hajjar, ebenfalls Dichter, aber auch Journalist, liest eine Prosa, die „von einem Vorübergehenden unter Vorübergehenden“ an ein unbestimmtes „Du“ (eine Gottheit?) gerichtet ist, eine Prosa, die sich den großen Fragen stellt.

Letztere kommen dann auch in der Diskussion zur Sprache, etwa als Brigitte Oleschinski vom „Globalen Jetzt“ (global now) spricht, dem die nationalen Dichter, nun über ihre Grenzen hinauswachsend, verpflichtet seien. So könne die Poesie zu einer Weltsprache und das poetische Denken die Denkform der Zukunft werden. Die Zuhörer, viele davon mit arabischem Hintergrund, stehen dem zum Teil skeptisch gegenüber, sehen das Arabische als sterile Sprache und die deutsche Dichtung als Luxus im Vergleich zur arabischen. Dagegen verwahren sich die Podiumsgäste, vor allem Assam Beydoun, der die arabische Dichtung und nicht zuletzt auch sich selbst in deutscher Dichtungstradition von Goethe und Hölderlin bis Brecht sieht. Schließlich müsse aber Dichtung nicht vordergründig politisch sein, um alle zu betreffen, „es gibt ja noch andere existentielle Nöte, auf die es ankommt“, betont Franz Hodjak.

Noch in der gleichen Nacht startet das Flugzeug Richtung Libanon, so daß die Dichterrunde mit den Abschiedsworten „Auf nach Beirut“ kulturell bereichert, friedlich und hoffnungsfroh auseinandergeht.

Edith Ottschofski (KK)

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