Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1288.

„… mit von Steinen geschriebenen Schatten“

Jörg Schmutterers eigensinnige Gemälde zu Paul Celan

Die drei niedrigen, weißgestrichenen Räume mit den knarzenden Dielenböden des Hauses Schmidzeile 10 (Galerie Zeitgenössische Kunst) im oberbayerischen Innstädtchen Wasserburg schmückt ihr Dauermieter Jörg Schmutterer bis Frühlingsanfang mit Aquarellen und großformatigen Bildschöpfungen aus neuester Zeit. Die Malereien auf Zeltplane haben es dem Besucher der kleinen Galerie beim berühmten „Ganserhaus“ besonders angetan. Auch wenn er sich beim Betrachten eines der an die Wand gespannten Exponate ständig bei Sinn- und Bedeutungssuche ertappt, kann er nicht ohne weiteres entziffern, was der 1938 geborene Maler mit Münchner Atelier hier in seiner Wasserburger „Außenstelle“ – nach zwei-jähriger Pause – bereits zum zweiten Mal ausstellt: abstrakte Farbgebilde auf Zeltplanen.

Entstanden sind sie, wie Schmutterer verrät, nach monatelanger Beschäftigung mit der (auch für ihn) schwer zu entschlüsselnden, aber schon durch den Sprachklang eingängigen, faszinierenden Lyrik Paul Celans. Des jüdisch-deutschen, zweisprachig aufgewachsenen und auch als mehrsprachiger Übersetzer tätigen Dichters aus der Bukowina freie Verse und die Flecken und Brüche, die die Zeit auf den Zeltplanen hinterließ – alle sind sie benützt und tragen Gebrauchsspuren –, liefern den Nährboden für freie Assoziationen.

„In den Flüssen nördlich der Zukunft / werf ich das Netz aus, das du / zögernd beschwerst / mit von Steinen geschriebenen Schatten“. So sanft und zugleich aufrüttelnd kommt ein Vierzeiler  Paul Celans daher. Schmutterers Gebilde hat das „Muster Netz“ verwandelt – in ein Gefängnisfenstergitter. Schattenhaft die Köpfe dahinter. Zum Greifen sind die schwarzen, kantigen, „vernetzten“ Eisenstäbe. Kein Entkommen. Und doch: Du kannst dich festhalten an der dir „zum Greifen“ nahen Barrikade. Du, der du außen stehst, in Freiheit …

Paul Celans Gedicht „Sommerbericht“ läßt Jörg Schmutterer an den darin „umgangenen Thymianteppich“ bildschöpferisch anknüpfen. Ob auch den Besucher (der alle Celan-Gedichte, fein säuberlich per Computer zu Papier gebracht, in die Hand gedrückt bekommt, um mit ihnen, lesend und reflektierend, die Bilder „abzuschreiten“) dieses durch zwei leuchtende Farben – Tupfer und Bahnen – heiter stimmende, erhebende Bild zu „Begegnungen mit vereinzelten Worten“ anregt? Es müssen ja nicht diejenigen Celans („Steinschlag“, „Hartgräser“, „Zeit“), sondern können ganz andere sein. Schon nach zwei Bildern wird ihm klar, wie offen Celans Lyrik ist, wie stark sie aber auch das Erleben spiegelt, die Empfindungen ihres Verfassers versprachlicht.

2010 ist Celan-Jahr. Vor 90 Jahren in Czernowitz geboren, ist Paul Celan vor 40 Jahren in Paris aus dem Leben gegangen. Aus seinen Verzweiflungen heraus sind seine Gedichte entstanden. Sie alle weichen sprachlich von der Norm ab. Melden sich durch ihre Metaphorik nicht sofort beim Verständnis an, scheren sich nicht um Vernunft und Erklärbarkeit, auch nicht um Identifikation.

Das macht es Malern – irgendwie – leicht. Jörg Schmutterer holte mit seinen jüngsten Arbeiten das Paradoxe und Halblogische aus der Celanschen Sprachmelodie heraus, ließ quasi die Musik zu Bildern mutieren. „Psalm“ enthält die eigenwillige Metapher von der „Niemandrose“, der „Nichtsrose“: „Ein Nichts / waren wir, sind wir, werden / wir bleiben, blühend: / die Nichts-, die / Niemandrose.“ Wer findet sie in Schmutterers Bild wieder? Sieht er nicht  eher das doppelt und dreifach vorhandene allgegenwärtige Auge (Gottes)?

Ein Tryptichon nimmt gefangen: „Matière de Bretagne“. Sehr breit, kräftiger (und erzählstärker) in den Farben und Formen als das Gros der übrigen Kreationen, wild, dramatisch. Da „eitern“ in der Tat „gelb die Hänge gen Himmel“, und „das Nichts rollt seine Meere zur Andacht …“ Wer will, kann sich eine CD mit der Originalstimme Paul Celans abspielen.

Die Spuren auf den Planen, deren kräftige Nähte und auch deren Fransen man sieht, regen den in Celan versunkenen Maler wohl zu weiteren Bildern an. Auch wenn er seine Wasserburger Dependance demnächst aufgibt und nur mehr in seinem Atelier in München arbeitet. „Neue Arbeiten zu Gedichten von Paul Celan“ sind bis zum 21. März jeden Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung (Mobil-Telefon 0173-8670042) zu sehen.

Hans Gärtner (KK)

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