Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1292.

„Angefallen wegen Provokation“

Am 14. August 1961, einen Tag nach Errichtung der Berliner Mauer, schrieb der Westberliner Schriftsteller Günter Grass einen offenen Brief an die Ostberliner Schriftstellerin Anna Segher, Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbands, und erhob scharfen Protest gegen die Verriegelung der innerdeutschen Grenze durch die DDR-Regierung. Da er ihren Widerstandsroman „Das siebte Kreuz“ (1942) gelesen hatte, verglich er den eingemauerten SED-Staat mit einem Konzentrationslager und schrieb: „Die Angst Ihres Georg Heisler hat sich mir unverkäuflich mitgeteilt; nur heißt der Kommandant des Konzentrationslagers heute nicht mehr Fahrenberg, er heißt Walter Ulbricht und steht Ihrem Staat vor.“

Dieser Brief, der Anna Seghers nicht erreichte, weil sie am 1. Juli nach Brasilien gefahren war und erst im Spätsommer zurückkehrte, hatte zur Folge, daß das Ministerium für Staatssicherheit in Ostberlin bereits vier Tage später, am 18. August, mit einem „Suchzettel“, auf dem handschriftlich vermerkt war: „eilt“, nach Günter Grass fahndete, als Grund war angegeben: „angefallen wegen Provokation“.

Von diesem Zeitpunkt an bis zum 4. Juli 1989, also knapp 28 Jahre, wurde der 1927 im westpreußischen Danzig geborene Schriftsteller, der 1959 mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ berühmt geworden war, unter dem Decknamen „Bolzen“ ununterbrochen überwacht, sowohl in Westberlin, wohin er 1960 von Paris gezogen war, als auch bei DDR-Reisen. Die ihn überwachten, ihre Gespräche mit ihm aufzeichneten und ihre Berichte der „Staatssicherheit“ lieferten, waren bekannte DDR-Schriftsteller wie Hermann Kant, Erwin Strittmatter und Paul Wiens oder Kulturpolitiker wie Hans Marquardt, Leiter des Leipziger Reclam-Verlages, und Jürgen Gruner, Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Kultur.

Die hier abgedruckten und von Kai Schlüter bearbeiteten Dokumente sind freilich nur ein Teil dessen, was die Staatssicherheit in 28 Jahren über Günter Grass ermittelt hat. Aber auch diese Auswahl von rund 300 Druckseiten ist erschreckend genug, der in Ostberlin und anderswo aufgefundene Aktenberg ist ungleich höher. Wer sich der Mühe unterzieht, sich einzulesen in diese „Literaturgeschichte“ in fremdartigem „Stasi-Deutsch“, erfährt eine Fülle von Einzelheiten über den DDR-Literaturbetrieb in 28 Mauerjahren (zum Beispiel, daß Paul Wiens nach einer Diskussion 1964 in Weimar Günter Grass verprügeln wollte!) und über die Ängste der „Literaturinterpreten“ aus Erich Mielkes Ministerium, die, ungebildet und schwach in Orthographie, in der Lage waren, die Existenz von Autoren nach Gutdünken zu vernichten.

Kai Schlüter hat diese grauenhafte Textsammlung, die er nicht als „wissenschaftliche Edition“, sondern als „Lesebuch“ verstanden wissen will, in fünf Kapitel aufgeteilt, die chronologisch aneinandergereiht sind. So folgen nach den Äußerungen zum Mauerbau (1961/66) die konspirativen Lesungen in Ostberliner Wohnungen (1974/80), nach den friedenspolitischen Aktivitäten (1981/86) sind erste Lesereisen (1987/88) möglich, das letze Kapitel schließlich ist einer Reise (1989) von Günter Grass auf die Inseln Rügen und Hiddensee gewidmet, der Heimat seiner zweiten Frau Ute Grunert.

Alles, was der Autor in diesen Jahrzehnten privat erzählt oder öffentlich geäußert hat, ist, unter Weglassungen und Einfügungen, aufgezeichnet, bewertet und oft auch verzerrt dem Führungsoffizier übermittelt worden. So entstand eine doppelt und dreifach „gefilterte Sicht der Wirklichkeit“ (Kai Schlüter), die weit mehr über die Überwacher aussagt als über den Überwachten.

Um diese „spröde Behördenprosa“ (Andreas Platthaus) für den Leser verdaulich zu machen, hat Kai Schlüter den unaufhörlichen Fluß der konspirativen Berichte an die Führungsoffiziere aufgelockert durch nachträgliche Interviews mit Betroffenen und sonstige Zeugenaussagen. So wurde das letzte Interview, so zeitnah arbeitete der Herausgeber, mit der oppositionellen Liedermacherin Bettina Wegner (1947) am 14. Januar 2010 geführt. Erst nach der Aufhellung der Umstände, unter denen die Überwachungsberichte entstanden, kann der Leser beurteilen, was tatsächlich geschehen ist und wie es dann von Erich Mielkes Mitarbeitern verwertet wurde.

Erst im letzten Abschnitt des Buches, wo zu lesen steht, wie Günter Grass überwacht wurde, als er im Sommer 1989 auf die Insel Rügen und nach Hiddensee reiste, um die Heimat seiner Frau kennenzulernen, taucht ein hauptamtlicher Mitarbeiter jenes berüchtigten Ministeriums auf, das seit Wolf Biermanns Ausbürgerung am 16. November 1976 für Kulturpolitik zuständig war: Major Paul Kienberg. Obwohl Günter Grass auf Rügen von Hans Marquardt beschattet wurde, der dort seinen Lebensabend verbrachte, reichte das dem Ministerium, das Zwischenfälle befürchtete, offenbar nicht aus, weshalb noch ein erfahrener Abwehroffizier auf die Inseln entsandt wurde. Ein herrliches Bild tut sich auf: Günter Grass sitzt zeichnend auf einer Klippe, hinter ihm lauert im Unterholz der Major mit Fernrohr und Funkgerät! Obwohl die Romane „Das Treffen von Telgte“, „Katz und Maus“ und „Die Blechtrommel“ 1984/86 in DDR-Verlagen erschienen waren, war ihr Verfasser damals mit Einreiseverbot belegt, das kurzfristig aufgehoben werden mußte.

Diese Textsammlung ist ein unglaubliches Buch, für dessen Veröffentlichung man dankbar sein muß. Es ist ein Beitrag zur Geschichte der DDR-Literatur, insbesondere zu ihrer Kriminalgeschichte, und es zeigt die tiefen Ängste der Staatsmacht vor einem Schriftsteller, der eine „feindliche Ideologie“ vertrat, den „Sozialdemokratismus“.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

Kai Schlüter (Herausgeber): Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte. Christoph-Links-Verlag, Berlin 2010. 384 Seiten, 24,90 Euro

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