Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1236.

„Aufbau West“

Eine Schau der beachtlichen Eigenleistung von Vertriebenen und Flüchtlingen bei ihrer Integration im Westen Deutschlands

Mehr als 10 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene kamen nach 1945 in die drei westlichen Besatzungszonen. „Aufbau West“ ist eine Ausstellung des LWL-Industriemuseums – Landesmuseum für Industriekultur, die bereits 2005/2006 mit großem Zuspruch in Dortmund gezeigt wurde. Bis zum 21. Oktober ist sie nun im Oberschlesischen Landesmuseum Ratingen-Hösel zu sehen.

Erzählt werden Alltagsgeschichten, berichtet wird über Erfahrungen von Menschen unter uns. So wird verdeutlicht, wie die Menschen aus Ost und West den schwierigen Neuanfang bewältigten, die Produktion in Fabriken und Bergwerken wieder in Gang setzten und in Betrieben und Siedlungen zueinander fanden.

Mehr als 300 Objekte, 35 Lebensgeschichten, historische Fotos, Film- und Tondokumente begleiten die Besucher auf ihrer Zeitreise von 1945 an bis in die Gegenwart. Die Ausstellung macht damit ein wichtiges und bislang kaum beleuchtetes Stück deutscher Zeitgeschichte lebendig. Denn fest steht: Arbeitskräfte, Fachkenntnisse und Unternehmergeist aus dem Osten haben maßgeblich zum sogenannten Wirtschaftswunder beigetragen.

Darüber hinaus regt „Aufbau West“ zu Fragen an, die auch für die heutige Diskussion um Migration und Integration wichtig sind: Was bedeutete der Verlust von „Heimat“? Wie wurden Menschen aus dem Osten im Westen aufgenommen? Welche Akzente haben die Zuwanderer von damals gesetzt? Woran erinnern sie sich heute?

In Nordrhein-Westfalen war Ende der 1950er Jahre jeder fünfte Einwohner Flüchtling oder Vertriebener. Hier befanden sich außerdem die Schlüsselindustrien für den Wiederaufbau. Deshalb stellt die Ausstellung die Entwicklung zwischen Rhein und Weser in den Mittelpunkt und lieferte damit gleichzeitig einen Beitrag zum 60. Gründungsjubiläum des Bundeslandes NRW im Jahr 2006. An den Beispielen Bergbau und Bauwirtschaft, Textil- und Bekleidungsindustrie, Glasherstellung und Maschinenbau zeigt „Aufbau West“, in welch großem Maße Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Krieg fehlende Arbeitskräfte ersetzten, wo Unternehmer neue Industriezweige ansiedelten und wie durch den Ost-West-Transfer die einheimische Produktpalette erweitert wurde. Das Spektrum der Exponate reicht vom Streichholzbriefchen über Glasknöpfe bis hin zur Nähmaschine, von der Maurerkelle bis zum Modellhaus.

„Aufbau West“ zeigt keine abstrakte Industriegeschichte: Anhand von 35 Biographien erzählt die Ausstellung, wie Menschen die Flucht, die Ankunft und den Neubeginn erlebt und welche Leistungen sie erbracht haben. Die Interviewpartner haben nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern auch viele Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt.

Mit ihrer Hilfe erweckt die Ausstellung die Jahre des Wiederaufbaus zu neuem Leben und macht die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen sowie ihr heutiges Verhältnis zur alten Heimat anschaulich. Sie sensibilisiert den Besucher für die Spuren der Flüchtlinge und Vertriebenen, die sich auch heute in vielen Lebensbereichen zeigen: in Produkten, auch durch Denkmäler und vielerorts durch Straßenschilder, Patenschaften und Museen, politischen und literarischen Debatten. Gleichzeitig entwickelt sich in Partnerschaften und Kooperationsprojekten ein neues Verhältnis zu den heutigen Bewohnern der Herkunftsregionen.

(KK)

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