Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1237.

„Ausgegossen wie Wasser“

Das waren die Vertriebenen nach dem Bibelwort, doch zur „heiligen Flut“ sollten sie nach dem Willen der „Kirche in Not“ werden

Das Jahr 2007 soll für uns Anlaß sein, auf vielerlei Weise zu erinnern, wie sich der Gründer von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten, vor sechzig Jahren dem Nachkriegsverbrechen der organisierten Vertreibung stellte und dieses Unrecht als christliche Herausforderung annahm. Dabei wollen wir auch seiner vielen Freunde und Helfer gedenken, die er damals und später für seine Aufgabe und das Werk der Hilfe und der Versöhnung gewann.

Als eine deutsche Publizistin im August 2002 in einer großen deutschen Tageszeitung darauf hinwies, daß nach Jahrzehnten den deutschen Heimatvertriebenen ähnliche psychologische Folgen zuerkannt werden müßten wie den Überlebenden des Holocaust, den Vietnam-Veteranen oder den Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, da war das auch eine späte Bestätigung der jahrzehntelangen Arbeit des Aufbaus und der echten Versöhnung mit den Völkern des Ostens, die schon nach Kriegsende begann und mit dem Namen des „Speckpaters“ untrennbar verbunden ist.

Ein Priester, der fast von Anfang an mit dem Werk Pater Werenfrieds verbunden war, ist der Schönstattpriester Josef Barton, der aus der Erzdiözese Olmütz stammte und seit 1947 versuchte, die katholischen Heimatvertriebenen auch in Schönstatt in der von Pater Josef Kentenich ins Leben gerufenen Schönstattbewegung zu versammeln. Er betreute später in Königstein nicht nur die Kapellenwagenmission, sondern sorgte Jahr für Jahr für eine pastoraltheologische Vorbereitung und Nachbereitung dieser wichtigen Missionen in der Diaspora und für die Ausbildung der Kapellenwagenmissionare und ihrer Helfer. Außerdem hielt er bis zu seinem Tode 1982 Exerzitien für Wohltäter von „Kirche in Not“.

Schon 1947 wurde von ihm die erste Exerzitienwoche für Heimatvetriebene in Schönstatt bei Vallendar abgehalten, bei der man den meisten Teilnehmern noch die Last und das Leid der Vertreibung ansah.
Intensiv wurde versucht, die Vertreibung nicht nur vom Menschen, sondern von Gott her zu sehen. „Wenn etwas zeigt, wes Geistes Kind die Humanität unseres Jahrhunderts ist, dann die Verträge, durch die man Millionen Menschen total enteignete und in die Fremde jagte, von allen anderen Verbrechen, die damit zusammenhängen, ganz zu schweigen. Eine Menschheit, die Gott ausgebürgert hat, wird Menschenrechte immer umbiegen, wie es ihr gerade paßt“, so schrieb damals Pater Josef Barton.

Er war am 17. September 1912 in Wagstadt in Mähren geboren. 1937 wurde er in Olmütz zum Priester geweiht. Er war später auch Spiritual am Priesterseminar in Königstein, wo er als Dozent für Aszese und Mystik der Königsteiner Philosophisch-Theologischen Hochschule den Studenten die Spiritualität des Werkes von Pater Werenfried nahe brachte, was er auch in vielen Exerzitien und Einkehrtagen für Wohltäter tat.

Um das Erlebnis der ersten Exerzitienwoche von 1947 nicht untergehen zu lassen, gründete er eine Gebets- und Opfergemeinschaft der Heimatvertriebenen in Schönstatt. Sie wurde für Tausende ein fester Halt in der Haltlosigkeit jener Zeit. In Rundbriefen hielt Pater Barton Kontakt zu den Mitgliedern und Freunden, die er auch in Kursen und Einkehrtagen sammelte. Er wollte mit der Gemeinschaft das Kreuz der Vertreibung deuten und fruchtbar machen. Barton betonte immer wieder, daß der Mensch Gefahr laufe, das Kreuz zu entwerten. Nur im Glauben ist der Mensch fähig, es als wertvoll und gnadenreich zu erleben.

So erschien das Gebetbüchlein „Ausgegossen wie Wasser – Lasset uns werden eine heilige Flut“. Es wollte ein „Lese- und Gebetbüchlein“ sein, das helfen sollte, dem auferlegten Kreuz gerecht zu werden. Vieles hat uns darin auch heute noch etwas zu sagen, vor allem die Gedanken über die Heimatlosigkeit und das Kreuz. „Ausgegossen wie Wasser“, dieses Psalmwort übertrug Barton auf die Vertriebenen.

Aber er rief sie auch auf, eine heilige Flut zu werden. Symbol dafür war ein Weihwasserbecken, das die Vertriebenen 1950 als Weihegabe in der Gnadenkapelle in Schönstatt aufstellten. Das Gebetbüchlein erlebte eine zweite Auflage, in der Barton die Gedanken des Psalmtitels noch vertieft. Er schreibt, „daß wir alles daransetzen sollen, um unsere Vertreibung zu einem Segen werden zu lassen. Wir mögen nun festhalten, daß die Heimatlosigkeit um so verheerender wirken muß. Je mehr sie äußerlich verdeckt bleibt. Wunden, die äußerlich heilen, ohne daß der Fäulnisherd beseitigt wird, werden lebensgefährlich. Äußere Bereinigung der Heimatlosigkeit ohne innere Beheimatung müßte ähnliche Folgen zeitigen. Deswegen unser Bestreben, die Beheimatung der Seelen zu fördern, so gut wir können.“ Dies war und ist bis heute eine der Aufgaben von „Kirche in Not“.

Rudolf Grulich (KK)

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