Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1256.

„Ausgewohnt“, menschenleer, namenlos

Tschechische Fachleute berichten, wie nationalistische Ressentiments und kommunistische Mißwirtschaft dem Egerland zugesetzt haben

Zunehmend interessieren sich tschechische Wissenschaftler, Studenten und Schüler für die kulturellen Spuren der vertriebenen Deutschen in ihren Heimatregionen. Besonders traurig fällt die Bestandsaufnahme für das Egerland im Westen Böhmens aus, das großflächig deutsch besiedelt war und durch die Vertreibung weitgehend entvölkert wurde. Eindringlich dargestellt wurde dies von zwei tschechischen Wissenschaftlern bei einem Deutsch-Tschechischen Seminar, zu dem der Sudetendeutsche Rat – ein Gremium, das je zur Hälfte aus Vertretern der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Delegierten der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien besteht – unter Leitung des Präsidiumsmitglieds Dr. Herbert Fleissner und des Generalsekretärs Albrecht Schläger Ende April dieses Jahres nun schon zum siebten Mal nach Marienbad / Mariánské Láznì eingeladen hatte.

Dr. Jaromir Bohác, der frühere Archivdirektor der ehemals Freien Reichsstadt und böhmischen Königsstadt Eger, heute Cheb, machte den Niedergang dieses einstigen städtebaulichen Kleinods anschaulich. Hinter der Barockfestung Eger sei noch im 19. Jahrhundert die alte gotische Struktur sichtbar gewesen. Die Biedermeierzeit habe bereits ein neues Stadtbild geschaffen, aber trotz der Modernisierungen zu einer bedeutenden Schul- und Gewerbestadt sei der alte Stadtkern bewahrt worden.

Das Jahr 1945 habe für die Stadt Eger die schlimmste Zäsur bedeutet. Symbolcharakter hatten die Sprengung der Brücke über den Fluß Eger durch deutsche Bewohner der Stadt aus Angst vor den Amerikanern und die Zerstörung des Turnerdenkmals mit drei großen Adlern durch tschechische Egerer aus Haß gegen die Deutschen. Mehr als durch den Krieg sei die Stadt jedoch durch die Vertreibung der Deutschen im Jahr 1945 zerstört worden. Verwahrloste Häuser und provisorische Holzbuden wurden von da an charakteristisch für das Stadtbild, so Bohác. Von den 31000 Einwohnern im Jahr 1939 waren es nach der Vertreibung der Deutschen noch 17000. Da nur die Hälfte der Häuser bewohnt war, wurde Eger zur Geisterstadt.

Der ehrgeizige Plan der Kommunisten, das „slawische Eger“ mit 300 Millionen Kronen zu rekonstruieren, scheiterte nicht nur aus Kostengründen. Ganze Viertel unterhalb der Burg und idyllische Ensembles an der Eger wurden niedergerissen. 1965 wurde der historische Stadtkern, einschließlich des Geburtshauses des berühmten Barockbaumeisters Balthasar Neumann, rücksichtslos durch Plattenhäuser ersetzt, nachdem eine Kommission des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei den Vorrang des Wohnungsbaues vor der Rekonstruktion einer historischen Stadt beschlossen hatte. Von 2000 Häusern wurden über 600 niedergerissen.

Es entstand ein neues „sozialistisches“ Eger. Das spätere Bemühen, den Stadtkern zu „reinigen“, führte zwar dazu, daß manche äußere Dekoration – wie zum Beispiel auch der berühmte Erker „Stöckl“ – industriell nachgefertigt wurde. Das sei besser als nichts, so Bohác, aber die gotische Disposition der Stadt Eger, die auch im 19. Jahrhundert trotz Veränderungen erhalten worden war, wurde vernichtet.

Die Zerstörungen Egers werden in einer Dokumentationsreihe festgehalten. Bohác stellte aber die Frage, wo die Antworten auf diese Quellen seien. Es fehlten vor allem die Menschen. „Das Leben nach den Deutschen“ sei geprägt durch „Ruinen als Normalität.“ Selbst in seinem Geburtsort Schönbach, wo 1500 der ehemals 3000 deutschen Bewohner als Fachleute für den Geigenbau 1945 zurückgehalten wurden, seien heute alle Spuren deutscher Besiedlung zerstört. Mit der Vergabe der tschechischen Staatsbürgerschaft an alle Deutschen im Jahr 1953 seien auch deren Namen und die Bezeichnungen der Gewässer und Fluren tschechisiert oder gelöscht worden. Es entstand eine namenlose und zum Teil noch immer entvölkerte Landschaft, in der weder der Wanderer etwas zu essen und zu trinken bekäme noch irgendjemand die Wege kenne. Das solle sich jedoch in Zukunft ändern.

Der „Wiederentdeckung des Egerlandes“ widmet sich auch Dr. Roman Salamanczuk, Vorstandsmitglied der Kurdirektion Franzensbad / Frantiskovy Lázne. Als er in den 70er Jahren nach dem Studium ins Egerland gekommen sei, habe sich ihm ein trauriges Bild geboten. Niemand habe sich getraut, deutsch zu sprechen, niemand habe die Namen der deutschen Orte gekannt. Nach 1945, so ergaben die Recherchen Salamanczuks, verschwanden im politischen Bezirk Eger 34 von 50 Orten. Zwar habe es im Jahr 2002 im Egerland wieder 3320 Gebäude – gegenüber 3084 im Jahr 1945 – gegeben, aber 1406 davon seien Ferien- und Freizeithäuser gewesen.

Salamanczuk nannte die Gründe für die Verödung: Nach der Vertreibung der Deutschen fehlten Bewohner, die mit dem Klima und den Böden vertraut waren. Tschechische Neusiedler kamen meist aus unteren sozialen Schichten. Sie „wohnten die Häuser aus“, sägten sogar tragende Balken zum Verheizen aus und zogen dann ins nächste leerstehende Haus. Unter der Herrschaft der Kommunisten wurde Land an Genossen verschenkt, die nach dem Prinzip lebten: „Wie gewonnen, so zerronnen.“ Die sozialistische Bodenbestellung mit großen Maschinen auf großflächigen Feldern und oft ungeeignete Kulturen zerstörten die Landschaft. Aus Haß seien auch Kapellen und Wegekreuze abgerissen, Kirchen als Lagerhallen mißbraucht und dem Verfall preisgegeben worden.

Spuren verschwundener Gebäude, Kulturdenkmäler, Bauernhöfe, ganzer Dörfer konnte Salamanczuk anhand detailgetreuer Militärlandkarten zeigen. In Zettendorf, heute Cetnov, existieren von einst 17 Gebäuden heute noch Reste von drei Häusern, dafür sind 153 Gartenhäuschen in Schrebergärten entstanden. Wo die Orte Rathsam und Fischern lagen, können Fachleute heute nur noch an bestimmten Bodenformationen oder Baumgruppen erkennen. An den Ort Boden erinnern ein paar Steine. Sorgen, 1990 noch mit zwei Schrebergartenhütten vertreten, ist heute nicht mehr bekannt. Dürngrün bei Schönbach, einst ein reiches, stolzes Dorf, oder Markhausen, eines der ältesten Dörfer des Egerlandes nahe der bayerischen Grenze, sind verschwunden. Die Streusiedlung Eichelberg, früher mit vielen Zuwegen, von Rainen und Feldwegen umgeben, existiert nur noch als ein Betonkasten, der früher der tschechischen Grenzpolizei diente und heute ein Erholungsheim für tschechische Polizisten ist. Der Ort Pograth ist Stauseen für das Falkenauer Wasserreservoir gewichen, das Schloß ist verschwunden. „Ist das alles, was geblieben ist?“ war die traurige Schlußfrage von Salamanczuk. „Hoffentlich nicht.“ Es gebe junge Tschechen, z.B. auch Forschergruppen an Gymnasien in Eger, die sich der Wiederentdeckung des Egerlandes widmen. Eine Broschüre „Verschwundenes Egerland“ sei nach zwei Auflagen mit 1000 und noch einmal 500 Exemplaren vergriffen. „Das kulturelle Erbe des Egerlandes findet Anhänger.“

Die – teils kritische – Bilanz, die Dr. Werner Marzin, früherer Hauptgeschäftsführer der Messe München GmbH, und Paul Hansel, Ministerialdirigent in der Bayerischen Staatskanzlei, über die Ausstellung „Bayern – Böhmen: 1500 Jahre Nachbarschaft“ zogen, galt vor allem der Frage, ob und inwieweit sie dem deutsch-tschechischen Dialog gedient habe oder noch dienen könnte. Die Landesausstellung, die vom Haus der Bayerischen Geschichte – einer dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst nachgeordneten Behörde – im vergangenen Sommer in Zwiesel im Bayerischen Wald veranstaltet worden war, hatte knapp 86 500 Besucher angelockt, ein Viertel davon aus der unmittelbar benachbarten Tschechischen Republik. Als besonders erfreulich wurde registriert, daß 432 Schulklassen, davon 214 aus Böhmen, mit insgesamt 8500 Schülern durch die Ausstellung geführt wurden.

Obwohl Marzin bemängelte, daß vor allem in der Darstellung der Zeit nach 1918 „manches ungenau, schief oder gar nicht behandelt“ worden sei, war das Fazit insgesamt positiv. Ministerialdirigent Hansel hob hervor, daß die intensive bayerisch-tschechische Zusammenarbeit ein Beziehungsgeflecht geschaffen habe, das weiter tragen solle. Nicht nur viele deutsche Besucher hätten sich durch die Ausstellung zum ersten Mal mit einem Thema befaßt, das ihnen bisher fremd war. Viele Tschechen hätten die vollständige Geschichte ihres eigenen Landes zum ersten Mal wahrgenommen.

Der neue Botschafter der Tschechischen Republik in Berlin, Dr. Rudolf Jindrák, hat sich dafür ausgesprochen, die Ausstellung auch in seinem Heimatland zu zeigen. Und der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg schrieb nach einem Besuch der Ausstellung zweisprachig in das Gästebuch: „Gott sei Dank für diese Ausstellung und allen, die daran mitgearbeitet haben. Je mehr wir übereinander wissen, über die sonnigen und die Schattenseiten, desto besser.“

Ute Flögel (KK)

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