Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1247.

„Beseelt“ und „belebt“ zwischen den Sprachen

Tandem bietet seit zehn Jahren „Sprachanimation“, um den Zugang zur tschechischen Sprache zu erleichtern

Sprachkenntnisse und -kompetenz gehören mit zu den grundlegenden Voraussetzungen – sei es im Beruf oder im Privaten. Im zusammenwachsenden Europa treten auch die Sprachen der mittel- und osteuropäischen Nachbarn immer stärker in den Vordergrund. Die Vermittlung und deren Erlernen stößt jedoch oft auf Hemmschwellen. Daß dies nicht sein muß, Schwellen sogar abzubauen sind, beweist seit zehn Jahren Tandem, das Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch. Ein Bestandteil in dessen Tätigkeitsfeld ist die Sprachanimation: Mit spielerisch-kreativen Elementen wird ein positiver Bezug zur Fremdsprache hergestellt, so daß die Schwelle vor dieser gesenkt wird und man in Alltagssituationen bestehen kann.

Auf zehn Jahre deutsch-tschechische Begegnungsarbeit kann heuer das in Pilsen und Regensburg angesiedelte Koordinierungszentrum zurückblicken. Viele Kontakte sind zwischen den beiden Nachbarländern und -völkern durch die Unterstützung von Tandem entstanden. Zahlreichen haupt- und ehrenamtlichen Fachkräften der Jugendarbeit sowie Lehrkräften in diesem Bereich wurden durch Tandem Unterstützung und Informationen für den schulischen und außerschulischen Austausch sowie für Begegnungen im Vorschulalter geboten. Erst kürzlich wurde das für Kinder unter sechs Jahren konzipierte Projekt „Von klein auf – Odmalicka“ von der Landtagsfraktion der bayerischen Grünen ausgezeichnet. Auch in der beruflichen Bildung gibt es Aktivitäten. Doch was wären all diese Maßnahmen ohne einen Basiszugang zur Sprache des Nachbarn.

Dafür ist bei Tandem seit Juli 1997 Hans-Jürgen Karl zuständig, der gemeinsam mit seiner Frau Katerina Karl-Brejchova das inzwischen in der 6. Auflage vorliegende Taschenbuch „Deutsch–Tschechisch – Do Kapsy – für die Hosentasche“ herausgebracht hat. Ziel der Sprachanimation ist nicht, akribisch die Fremdsprache zu erlernen, sondern die Hemmschwelle vor dem Sprechen zu senken und ein Gefühl für die andere Sprache zu entwickeln. Dies geschieht durch kreative Elemente – Spielen, Singen, Vergleiche bzw. Parallelen in beiden Sprachen usw. – und Vermittlung von Spaß, etwa bei einem Slalom in der Kleingruppe. „Wir wollen kein bestimmtes Level erreichen, sondern den Kindern und Jugendlichen die Angst vor der fremden Sprache nehmen, sie bei ihren ersten Schritten begleiten. Sie sollen in Alltagssituationen klarkommen“, beschreibt Karl die Meßlatte der Sprachanimation.
Und wie sieht das nun in der Praxis aus?

Der Name eines Fernseh-Privatsenders, in der Fernbedienung oft auf der Taste 7 gespeichert, ist für den Sprachanimateur das einfachste Beispiel: „Pro 7“ – auf  bayerisch „Pro siem“ ausgesprochen – ist bereits ein wichtiges tschechisches Wort, mit dem man in Gesprächen Eindruck machen kann: „prosím“ heißt zu deutsch „bitte“. Und das Gegenstück „Danke“ klingt übersetzt ähnlich: „Dekuji“.

Ein nettes weiteres praktisches Beispiel für Sprachanimation ist ein deutsch-tschechisches Memory-Spiel, bei dem die Begriffe auf den Quadraten in beiden Sprachen erlernt werden. Daß aber der Buchstabe „C“ in der tschechischen Sprache meistens als „Z“ ausgesprochen wird, wird an dem Wort „Clo“ erläutert, das auf deutsch nicht „Toilette“ heißt, sondern „Zoll“. Wenn man’s weiß, erscheint Tschechisch schon leichter.

Die Sprachanimation ist primär als eine Ergänzung zur traditionellen Vermittlung von Fremdsprachen gedacht. Mit ihrer Hilfe kann in relativ kurzer Zeit zumindest der Ansatz einer Sprechfähigkeit hergestellt werden. Auf Perfektion wird dabei verzichtet, dafür auf Vorwissen zurückgegriffen. In lockerer Atmosphäre werden Sprechhemmungen abgebaut. Es werden eben erste Schritte vermittelt.

Im Jahr 2003 wurden erstmals 20 Sprachanimateure – Deutsche und Tschechen zwischen 23 und 25 Jahren – ausgebildet. „Sie können beide Sprachen und müssen mit der Sprache spielen können. Sie müssen keine Dolmetscher oder Schauspieler sein, aber fit sein in den verschiedenen Methoden der Sprachanimation“, betont Karl. Inzwischen wurden rund 60 Sprachanimateure ausgebildet, die in Schulen, bei der beruflichen Bildung und im außerschulischen Bereich eingesetzt werden – mit jeweils fachspezifischen Inhalten, Konzepten und Methoden.

Basiskenntnisse der anderen Sprache können besonders im Grenzraum auch beim Finden eines Arbeitsplatzes nützen. Vor kurzem war die Sprachanimation auch der Grund dafür, daß sich in einer Schule 31 von 98 Schülern für Tschechisch als Wahlpflichtfach ab der 6. Klasse entschieden haben.
Da die Tandem-Sprachanimation in ganz unterschiedlichen Kontexten eingesetzt wird, kann sie nur fünf Minuten oder auch eine ganze Woche dauern. Auch der Adressatenkreis ist verschieden und variiert von wenigen Personen bis zu einer Gruppe von 150 Leuten. Anfragen kommen in Deutschland vor allem aus Bayern und Sachsen von Schulen, die Tschechischunterricht anbieten wollen. Aber etwa auch im Bohemicum der Universität Regensburg, bei der Lehrerausbildung oder – ganz aktuell – bei der Bayerischen Landesausstellung „Bayern – Böhmen“ in Zwiesel waren und sind die Sprachanimateure von Tandem gefragt.

„Tandem wird als der Ort bzw. die Einrichtung gesehen, wo deutsch-tschechische Sprachanimation erlebt wird. Und das ist eben kein Unterricht und motiviert die Leute für die Sprache“, faßt der Tandem-Verantwortliche für die Sprachanimation zusammen. Für den Einsatz der Sprachanimation im Programm „Freiwillige Berufliche Praktika“ wurde Tandem 2006 übrigens mit dem Europäischen Sprachensiegel ausgezeichnet.

Markus Bauer (KK)

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