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Ausgaben: Ausgabe 1298.

„Carmen“ und „Rigoletto“ auf deutsch im sowjetischen Lager

Seit einiger Zeit liegt nun der 3. Band der Karl-Kurt-Klein-Reihe vor, der im Klausenburger Universitätsverlag erschienen ist. Als Autor zeichnet der verdienstvolle Banater Germanist und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Horst Fassel, Tübingen. Begründet wurde diese wissenschaftliche Bücherreihe im Jahr 2002 mit dem Tagungsband „Zur Geschichte des deutschsprachigen Theaters in Südosteuropa im 20. Jahrhundert“.

Wie auch die vorherigen Publikationen bringt das 419 Seiten umfassende Werk „Bühnen-Welten vom 18.–20 Jahrhundert. Deutsches Theater in den Provinzen des heutigen Rumänien“ wissenschaftliche Ergebnisse einer vielseitigen Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Institut der Babes-Bolyai-Universität, Klausenburg, und dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen.

Im ersten Teil wird ausführlich auf „Deutsche Theaterlandschaften in Siebenbürgen und
im Banat“ sowie auf „Die Theaterunion zwischen Temeswar und Hermannstadt am Beispiel des Theaterdirektors Eduard Reimann (1843–1898)“ eingegangen. In Kapitel 2, wo die Entwicklung der deutschen Stadttheater in Czernowitz, Preßburg (dem heutigen Bratislava), Lugosch, Kronstadt und Orawitza dargestellt wird, geht Horst Fassel ausführlich auf das siebenbürgisch-sächsische Schultheater ein, dessen Tätigkeit bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht.

Einsichten in eine kaum bekannte Zeitspanne östlichen Laientheaters vermittelt eine ausführliche Darstellung über „Zielsetzungen und Leistungspotential der deutschen Theatergruppe im Arbeitslager Makeevka im Donbas (1946–1949)“, wo auf die vielfältige Kulturtätigkeit der zur „Aufbauarbeit“ deportierten „Volksdeutschen“ hingewiesen wird. So erfährt man unter anderem von „Weihnachts- und Osterfeiern, von Gottesdiensten, von gemeinsam vorgetragenen, von Gruppen einstudierten Liedern, von Vorträgen zu diversen Themen und von gelegentlichen Theateraufführungen“. In einem anderen Kapitel wird über „Die Tätigkeit der deutschen Theatergruppe in den Lagern 1022 Mischino und 1056 Kapitalnaja“ berichtet. Diese Theatergruppe der Zwangsdeportierten wurde am 3. März 1946 gegründet, wobei von den sieben Gründungsmitgliedern fünf Berufskünstler waren; darunter auch Wilhelmine Fischer-Banu, einst Ensemblemitglied des bekannten Bukarester Revuetheaters „Constantin Tanase“.

Das erste deutsche Varietéprogramm wurde am 7. April 1946 im Arbeitslager Mischino präsentiert, und am 25. Mai „konnte die Theatergruppe, die bis dahin sechs Aufführungen aufzuweisen hatte, von der Lagerleitung offiziell ‚eingeweiht‘ werden“; zehn Tage später fand im Lager Kapitalnaja sogar die erste „Rigoletto“-Vorstellung statt.

Zielgruppen dieser Aufführungen – zu denen auch Lustspiele und Nachgestaltungen der Opern „Carmen“ und „Rigoletto“ gehörten – waren, schreibt Horst Fassel, selbstverständlich die Deportierten selbst, dann aber auch die Familien der sowjetischen Offiziere als Ehrengäste, wobei Arien aus dem „Zigeunerbaron“, der „Fledermaus“ oder der „Lustigen Witwe“ sowohl die Deportierten als auch die sowjetische Lagerprominenz begeisterten, während Lieder wie „Lili Marleen“ mehr die deutschen Zuhörer ansprachen. Der Ankauf von Musikinstrumenten wurde übrigens durch die Einnahme von Eintrittsgeldern und Spenden finanziert.

Es ist ein wissenschaftlich fundiertes, informatives und lesenswertes Werk – mit über 800 Fußnoten und einem Verzeichnis des Quellenmaterials im Anhang –, das in vergangene, ferne und leider oft auch vergessene „Bühnen-Welten“ führt.

Claus Stephani (KK)

Horst Fassel: Bühnen-Welten vom 18.–20. Jahrhundert. Deutsches Theater in den Provinzen des heutigen Rumänien. Presa Universitara Clujeana, Cluj 2007, 419 S., Preis 10 Euro. Bestellung über die Universität Klausenburg: presa_universitara@easynet.ro

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