Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1315.

„Das siehst du niemals wieder“

Vieles hat Christa Wolf gesehen, vieles auch sichtbar gemacht, lesbar bleibt es auch nach ihrem Tod

Auf das Thema Flucht und Vertreibung hat sich Christa Wolf erst spät eingelassen, als sie schon auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze bekannt und mit dem Heinrich-Mann Preis (1963) und dem Nationalpreis dritter Klasse (1964) ausgezeichnet worden war. Dem westdeutschen Beobachter der DDR-Literatur und der literarischen Produktion Christa Wolfs war bald klar, daß sie auch dieses gewaltige Thema irgendwann einmal aufgreifen würde, nachdem sie es in ihrem Essay „Blickwechsel“ (1970) schon angedeutet hatte: „Es war jener kalte Januarmorgen, als ich in aller Hast auf einem Lastwagen meine Stadt in Richtung Küstrin verließ und als ich mich sehr wundern musste, wie grau diese Stadt doch war, in der ich immer alles Licht und alle Farben gefunden hatte, die ich brauchte. Da sagte jemand in mir langsam und deutlich: Das siehst du niemals wieder.“

Zunächst aber war sie, das am 18. März 1929 geborene Flüchtlingsmädchen aus Landsberg an der Warthe in Ost-Brandenburg, die begeisterte Jungkommunistin, die mit ihren Eltern Otto und Hertha Ihlenfeld eine neue Heimat in Mecklenburg gefunden und 1949 in Bad Frankenhausen/Thüringen das Abitur bestanden hatte. Damals wurde sie auch SED-Mitglied, was sie, trotz aller Kritik an Staat und Gesellschaft, bis Juni 1989 blieb. Sie studierte Germanistik bei Joachim Müller in Jena und bei Hans Mayer in Leipzig, heiratete 1951 ihren Studienfreund Gerhard Wolf, ihre beiden Töchter Annette und Katrin wurden 1952 und 1956 geboren. Nach dem Staatsexamen arbeitete sie als Verlagslektorin in Halle und als Redakteurin der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“, lebte bis 1976 in Kleinmachnow in der märkischen Provinz und seitdem in Ostberlin. Irgendwo im stillen Mecklenburg besaß sie auch eine Datsche, wohin sie sich zum Schreiben zurückzog.

Nach der Veröffentlichung der „Moskauer Novelle“ (1961), die heute vergessen ist, arbeitete sie an ihrem Roman „Der geteilte Himmel“ (1963), der sie über Nacht berühmt machte. Es ist die Geschichte der gescheiterten Liebesbeziehung zwischen dem Chemiker Manfred Herrfurth, der die Ineffizienz sozialistischer Planwirtschaft erkennt und vor dem 13. August 1961 „Republikflucht“ nach Westberlin begeht, und der Lehramtsstudentin Rita Seidel, die ein Praktikum im Waggonwerk Halle-Ammendorf ableistet und in jugendlicher Unschuld an den Sozialismus glaubt. Die Entscheidung gegen ihren Verlobten und für den Sozialismus geht über ihre Kräfte. Während der Arbeit bricht sie nieder und kommt für Wochen ins Krankenhaus: „Wer in der Welt hatte das Recht, einen Menschen … vor solche Wahl zu stellen, die, wie immer er sich entschied, ein Stück von ihm forderte?“ Das Buch, das 1964 verfilmt wurde, löste eine heftige Diskussion aus, die kaum einzudämmen war.

Sechs Jahre später kam es erneut zu Kontroversen mit der Partei über den Roman „Nachdenken über Christa T.“ , der die Jahreszahl 1968 trug, aber erst 1969 ausgeliefert wurde und nur in einer Nominalauflage von 5000 Exemplaren. Es ging um den Tod einer jungen Lehrerin, die am Sozialismus zerbricht.

Aber durch ihre auch in Westdeutschland erschienenen Romane, Erzählungen und Essaybände wurde ihre Position immer unangreifbarer, nachdem sie auch den Bremer Literaturpreis (1978) und den Georg-Büchner- Preis (1980) erhalten hatte. In ihrer Erzählung „Kassandra“ (1983) kritisierte sie schließlich auch die sowjetische Kriegsindustrie, eine Passage, die in der DDR-Ausgabe des Buches gestrichen wurde. In ihrem Textstück „Was bleibt“, 1979 entstanden, aber erst 1990 veröffentlicht, womit sie einen heftigen Streit über DDR-Literatur auslöste, berichtet sie vom unerwarteten Besuch 1977 einer jungen Kollegin, die, frisch entlassen aus dem Frauenzuchthaus Hoheneck im Erzgebirge, nach Ostberlin gefahren war und bei ihr an der Haustür geklingelt hatte. Sie nennt keinen Namen, es war die Lyrikerin Gabriele Kachold (geb. 1953), die wegen „Staatsverleumdung“ verurteilt war. Diese Welt da ganz unten, die Nachtseite des Sozialismus, kannte sie nicht und wollte sie nicht kennen. Der DDR-Lyriker Durs Grünbein (1962) begegnete ihr nach dem Mauerfall im Dezember 1989: „Sie konnte nicht fassen, was ich als Augenzeuge berichtete und am eigenen Leib erfahren hatte … Hier saß einer der für den Kommunismus ewig verlorenen Söhne einer mütterlichen Träumerin gegenüber, und beide hatten wohl füreinander Mitleid.“

Christa Ihlenfeld hat, als sie noch so hieß, das erlebt, was vier Millionen spätere DDR Bürger auch erlebt haben: Flucht, Vertreibung, Heimatverlust. Eine Handvoll DDRSchriftsteller, unter ihnen Werner Heiduczek aus Oberschlesien, Elisabeth Schulz- Semrau aus Ostpreußen, Ursula Höntsch-Harendt und Armin Müller aus Niederschlesien, haben versucht, diesen „ungeheuren Verlust“ (Max Frisch) literarisch zu bewältigen.

Auch Christa Wolfs Roman „Kindheitsmuster“ (1976) über ihre frühen Jahre in der Neumark und nach der Flucht in Mecklenburg hat heftige Kritik erfahren, obwohl sie sich eifrig bemüht hat, die von der Roten Armee in den deutschen Ostgebieten angerichteten Vertreibungsverbrechen nicht in aller Grausamkeit zu beschreiben, sondern lediglich anzudeuten.

Daß sie nicht offen darüber schreiben konnte, teilt sie ihren Lesern in diesem Buch allerdings unumwunden mit. So berichtet sie von einem Besuch in einem Moskauer Krankenhaus, wo sie einen sowjetrussischen Geschichtsprofessor trifft, der im Sterben liegt und sie tröstet: „Du würdest die Zeit erleben, da man offen und frei über alles werde reden und schreiben können.“

Zweiundzwanzig Jahre lang hat sie das gekonnt und getan.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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