Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1215.

„Die brutale Vertreibung“

Die Überschrift ist dem jetzt wieder abgedruckten Geleitwort des seinerzeitigen amerikanischen Unterstaatssekretärs Robert Murphy aus dem Jahre 1976 entnommen. Im Januar 1977 erschien das Buch von Alfred de Zayas in den USA unter dem Titel „Nemesis at Potsdam. The Expulsion of the Germans from the East“. Bereits im Herbst 1977 lag die deutsche Ausgabe in der Münchener Verlagsbuchhandlung C. H. Beck mit dem Titel „Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen“ vor. Und das Buch wirkte gleich einer Sensation, weshalb auch bald darauf eine Neuauflage herauskam. Ein amerikanischer Staatsbürger französisch-spanischer Abkunft, 30 Jahre alt, hatte ebenso kenntnisreich wie historisch bestens begründet das Thema der Potsdamer Konferenz, die am 2. August 1945 ihre Beschlüsse faßte, mit den Folgen der Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat aufgegriffen und behandelt.

Inzwischen hat das Buch, worüber der Autor mit berechtigtem Stolz berichtet, dank der Übernahme in Taschenbuchverlagen, 13 Auflagen erreicht. In der jetzt vorliegenden erweiterten und ergänzten 14. Auflage unter dem Titel „Die Nemesis von Potsdam“ hat man auf die deutsche Übersetzung des Originaltitels mit der gleichen Unterzeile zurückgegriffen. Wahrscheinlich, so darf der Leser annehmen, war zuvor „Nemesis“, der Name der Göttin für Rache, Vergeltung und Strafe, für die deutsche Veröffentlichung als zu provokativ empfunden worden.

Da man, nicht zuletzt auch in Deutschland selbst, auf Ansichten und Äußerungen stößt, daß die Vertreibung die ursächliche Folge der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges ist, heißt es bei de Zayas unmißverständlich: „Die Nazi-Verbrechen waren nicht die Ursache der Vertreibung. Sie wurden aber zur nachträglichen Rechtfertigung instrumentalisiert.“ Das in der deutschen Öffentlichkeit selten und dann nicht gern gehörte Wort von der Oder-Neiße-Linie als „Stalin-Grenze“ findet sich wohlbegründet in den Aussagen des Autors.

Im Vorwort zu dieser umfangreichen Neuausgabe schreibt de Zayas: „An der Potsdamer Konferenz waren sich die drei Hauptsiegermächte (bekanntlich USA, Großbritannien und die Sowjetunion) um vieles nicht einig. Doch über eines waren sie sich einig, sie wollten eine fürchterliche Strafe an Deutschland ausüben. Dies spiegelte sich wider in der Vertreibung der Ostpreußen, Pommern, Schlesier, Sudetendeutschen, in der massiven Verschleppung zur Zwangsarbeit, in der grausamen Kriegsgefangenenpolitik, im Morgenthauplan.“

Um unmittelbar in die Darstellung einzuführen, kann der Autor für die Gegenwart feststellen: ,,28 Jahre sind vergangen seit dem Erscheinen von ‚Nemesis at Potsdam‘. Man kann jetzt zur Kenntnis nehmen, daß die Thematik allmählich enttabuisiert worden ist. Es ist erstaunlich, wie viel sich in der Welt in diesen Jahrzehnten verändert hat. Das Sowjetimperium ist zusammengebrochen. Der Warschauer Pakt existiert nicht mehr.“ Schon dies ein Grund, das Buch fortzuschreiben und die jüngste Vergangenheit einzubeziehen. Unter Bezug auf die Beschlüsse von Potsdam waren die Westmächte, selbstverständlich auch die Bundesrepublik Deutschland, im Recht, wenn immer wieder versichert wurde, daß die Oder-Neiße-Grenze nicht den Charakter einer endgültigen Grenze besitze, sondern nur „eine vorläufige war und später gebilligt oder revidiert werden konnte“. Bis zu den „Zwei-Plus-Vier-Verträgen“ war dies die geltende Rechtsposition, aber mit den Moskauer Abschlußbeschlüssen wurde die widerrechtliche Annexion des Gebietes jenseits von Oder und Neiße nunmehr als endgültig bestätigt. Hier hört dann auch der Widerspruch des Autors gegen das Zustandekommen der Oder-Neiße-Linie als Grenze aufgrund der Vertreibung auf.

Aber er ergreift das Wort für die Wahrung des Gedächtnisses und die mahnende Erinnerung an das Leid der Vertriebenen sowie das schuldhafte Verhalten der Siegermächte und der schuldigen Vertreiber in dem geplanten „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Berlin. Mag übrigens in früheren Editionen des Buches zwar die schuldhafte Verstrickung der Anglo-Amerikaner nie verschwiegen worden sein, so wird jetzt im Klartext nicht nur von der nicht zu umschreibenden Verstrickung gesprochen, sondern von der tatsächlichen Schuld.

Das Erfrischende an der sich durch Solidität auszeichnenden Arbeit ist das ganz persönliche Engagement für das Recht auf die Heimat und für das ernsthafte Bemühen, daß die Resolutionen des Menschenrechtsausschusses der Vereinten Nationen, dessen Sekretär de Zayas gewesen ist, in politisches Handeln umgesetzt werden und die Werteordnung in der Zukunft bestimmen. Selbstverständlich kann man dem Juristen und Historiker mit den Promotionen an der Harvard-Universität in Cambridge und in Göttingen nur uneingeschränkt zustimmen, muß aber skeptisch anmerken, daß manches Wunschdenken bleiben wird.

Im Epilog heißt es gleichsam futurologisch: „Es gibt Grund zum Optimismus, denn die Menschenrechte werden zunehmend zu einer gemeinsamen Kultur. Was die deutschen Vertriebenen verlangen, ist nicht mehr und nicht weniger als die Verwirklichung ihrer Menschenrechte. Die Nemesis von Potsdam soll nun durch die Anerkennung des Heimatrechts für alle ersetzt werden.“

Für die Gründlichkeit und den hohen Wissensstand des Autors dieses Standardwerkes über Potsdam und seine Vorgeschichte mit all den grausamen Fakten und Folgen spricht auch der Umfang von detaillierten Anmerkungen und Literaturhinweisen, einschließlich bislang unveröffentlichter Quellen, die 110 Seiten ausmachen. Das Thema ist bislang von niemandem gewissenhafter, klarer und überzeugender dargestellt worden als von Professor Alfred de Zayas, dem Amerikaner, jetzt in Genf zu Hause.

Herbert Hupka (KK)

Alfred de Zayas: Die Nemesis von Potsdam. Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2005, 415 S., 24,90 Euro

 

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