Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1306.

„Die Deutschen sind nicht anders als wir“

Junge Leute aus Polen im Haus Schlesien

Polnische und tschechische Germanistik- und Geschichtsstudenten nehmen seit 1996 regelmäßig an den „Schlesischen Begegnungen“ im Haus Schlesien – Deutsches Kultur- und Bildungszentrum e.V. – teil. Die vom Bundesministerium des Innern geförderte grenzüberschreitende Maßnahme der verständigungspolitischen Begegnungen wird von den Hochschulen offiziell für den Bachelor-Studiengang anerkannt. Jeder Seminar-Teilnehmer erhält einen Leistungsnachweis von der Akademie Haus Schlesien. Regelmäßige Partner des Kooperations-Projektes sind seit vielen Jahren vor allem Hochschulen und Fachhochschulen sowie Lehrerkollegs aus Breslau, Oppeln, Ratibor, Grünberg, Waldenburg, Tschenstochau, Troppau, Hirschberg und Neisse.

Die Studenten und jungen Grundschul- bzw. Gymnasiallehrer erleben während ihrer einwöchigen Aufenthalte in Deutschland abwechslungsreiche Programme mit Vorträgen, Besichtigungen, Schulbesuchen und Diskussionsrunden.

So auch die nunmehr 100. Seminargruppe, zu der 30 Studentinnen und Studenten von der Universität Zielona Góra/Grünberg gehörten. Auch diesmal haben Nicola Remig, Leiterin des Museums für schlesische Landeskunde, sowie Volker Knoerich, Ministerialdirigent a.D., und Adrian Sobek, Vorstandsmitglied, den Programmablauf der „Schlesischen Begegnungen“ inhaltlich abgestimmt. Es gab informative Vorträge zu Themen wie „Kulturelle und grenzüberschreitende Arbeit des Dokumentations- und Informationszentrums für schlesische Landeskunde“ von Nicola Remig, „Gesellschaftspolitische Infos für jedermann – die Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung“ von Detlev Dechant und „Die EU-Osterweiterung. Was verspricht sich Polen von der Mitgliedschaft in der EU?“ von Professor Dr. H. J. Küsters. Auf dem Besichtigungsprogramm standen Einrichtungen wie die Bundeszentrale für politische Bildung und das Haus der Geschichte in Bonn, die Stiftung Konrad Adenauer in Bad Honnef-Rhöndorf, das Polnische Generalkonsulat in Köln und das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen-Hösel.

Zum Abschluß ihres Kompaktlehrganges trafen sich die Studenten der Jubiläumsgruppe im Eichendorffsaal von Haus Schlesien, um in Anwesenheit von Betreuern und Veranstaltern ihre Berichte vorzustellen. Sie referierten in fünf Arbeitskreisen über interessante historische und aktuelle Brennpunktthemen wie „Kriege in und um Schlesien“, „Die Abkommen von Jalta und Potsdam“, „Flucht und Vertreibung“, „Europäische Einigung“ und „Die Wirtschaft folgt der Politik“. Wesentliche Grundlagen für die inhaltliche Arbeit an den Referaten bildeten auch hier die hausinternen Strukturen, die Bibliothek und nicht zuletzt der Ausstellungsbereich. Zum Zeitpunkt des einwöchigen Aufenthaltes war die zweisprachige Dokumentation „Exodus des Bartschtals – Vertreibungen, Umsiedlungen und Neuanfang von Deutschen und Polen“ zu besichtigen.

Die Jugendlichen aus Grünberg – die übrigens in Begleitung ihres Lehrers Piotr Kricki angereist waren – bewiesen mit ihren multimedial unterstützten Vorträgen, daß sie sich in dem einwöchigen Seminar viele neue Informationen angeeignet und auch ihre Sprachkompetenz erweitert haben. Als besondere Herausforderung galt die Präsentation der Vorträge in deutscher Sprache. Die meisten Grünberger haben nämlich Deutsch nur in der Schule als Fremdsprache gelernt. Wie einige verrieten, hatten sie vor ihrer ersten Reise nach Deutschland die Sprachbarriere als ein schwieriges Problem eingeschätzt. Nur unter den Studenten aus oberschlesischen Regionen hat der eine oder andere noch von den Großeltern Deutsch gelernt.

Ein ganz wichtiges Anliegen der Studenten war – wie auch bei den bisherigen Gruppen – der Dialog und Austausch mit deutschen Altersgenossen. „Die Deutschen sind nicht viel anders als wir. Wir haben so manche Gemeinsamkeiten entdeckt“, meinte Malvina Dobrowska, eine der jungen Seminarteilnehmerinnen. Die Germanistikstudentin Katarzyna Cierpiat wiederum war froh und dankbar, daß sie die Möglichkeit hatte, neue Daten und Fakten aus der deutschen Geschichte im Bonner Haus der Geschichte zu entdecken. Interessant waren auch die Aspekte der Integration von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen in die Bundesrepublik Deutschland.

Rückblickend stellen die Veranstalter und Seminarbetreuer von Haus Schlesien zufrieden fest, daß die grenzüberschreitenden Projekte eine sinnvolle und nachhaltige Investition in die Zukunft darstellen und zugleich als wichtiger Beitrag zur deutsch-polnischen bzw. deutsch-tschechischen Verständigung zu verstehen sind. Die Programme prägen weitgehend das Bild der Studenten von den gesellschaftlichen,
politischen und kulturellen Strukturen in Deutschland. Die Gespräche mit Angehörigen der Erlebnisgeneration der Vertriebenen wiederum bewirken gegenseitiges Verstehen und den Abbau von Vorurteilen auf beiden Seiten. Die Arbeit wird mit viel Engagement und Zuversicht von seiten aller  Beteiligten fortgesetzt. In diesem Frühjahr werden weitere Studentengruppen aus Breslau, Ratibor und Hirschberg im Haus Schlesien zu Gast sein.

Dieter Göllner (KK)

«

»