Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1297.

„Die Schatzgräber“ am Kaiserberg

„Ampelographische Archäologie“ bei Grünberg in Schlesien

In dieser weiten Runde,
Dein Nam’ und Kreuz allein,
funkelt all’ Zeit und Stunde
des kann ich fröhlich sein!

Diese Inschrift war auf der Gedenktafel auf dem Kaiserberg, der höchsten Erhebung in der Herrschaft Saabor, zu lesen. In einem weiteren Quellentext findet man folgenden Abschnitt:

Die nördliche Hügelkette trägt auf ihrer Südseite eine Reihe von Weinbergen, an ihrem Fusse zur Seidenzucht verwendete Maulbeeranlagen. Diese Höhen ziehen sich nach Loos gen West hin, und erheben sich hinter diesem Orte in ihrer höchsten Spitze, dem Kaiserberge, 505 Fuss hoch über die Ostsee, 335 Fuss über die Oder. Von diesem Punkte geniesst man eine weite Umsicht nach Schlesien, der Mark und Posen hinein. Bei günstigem Wetter ist sogar die Schneekoppe mit unbewaffnetem Auge zu erkennen.

(Alexander Duncker, Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der Preußischen Monarchie, 1857–1883)

Das von Ernst Clauß im Jahre 1967 erneut herausgegebene Buch „Stadt und Landkreis Grünberg in Schlesien“ enthält mehrere Angaben zum Kaiserberg. Unter anderem liest man an einer Stelle, daß der Berg seinen Namen Napoleon I. verdankt. Der französische Kaiser hat sich hier während seiner Rückkehr aus Rußland aufgehalten. Das Kreuz wurde am 31. Juli 1883 zum Gedenken an die 100jährige Herrschaft des Adelsgeschlechts Schönaich-Carolath in Saabor errichtet. Das Denkmal erinnerte an die Geschichte dieser Region, ebenso wie der alte Weinberg am Fuße des Kaiserbergs.

Inzwischen wurde das Denkmal zerstört. Der unbekannte Täter zersägte einfach das Kreuz und brachte es zum Schrottlager. Ich stelle mir die Frage, warum die Polizei kaum nach Verursachern dieser schändlichen Tat auf dem mythischen Berg in Loos gefahndet hat? Wer hat sich überhaupt irgend-
welche Gedanken über ein Stück Heimatgeschichte gemacht? Man sollte bedenken, daß viele ehemalige und heutige Bewohner des Dorfes in der Nähe der Erhebung, auch die Saaborer, sich mit diesem Kreuz und dem Kaiserberg identifiziert haben. Das Denkmal und der Berg sind zu einem Teil ihrer kleinen Heimat geworden.

Für uns bedeutet Heimat der Kaiserberg, vor allem ist es aber der Weinberg, denn bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein hat sich dort ein fabelhafter Weinberg erstreckt. An Weinbergen hat es in dieser Gegend nie gefehlt. Das „Saaborer Heimatlied“ enthält Verse, die die Schönheit der edlen Pflanzen besingen:

Ich weiß ein kleines Städtelein
Im Grünberger Kreise.
Ihm will ich dieses Liedchen weih’n
Zum Sing’n nach alter Weise.

Im Tale liegt’s so wunderschön,
Mit seinem See daneben.
Umrahmt wird es von sanften Höh’n,
Bebaut mit edlen Reben.

Das Lied wurde gedruckt von Otto Höhne, Grünberg in Schlesien, es war kaum möglich, der vorhandenen Kopie das Erscheinungsjahr zu entnehmen. Gleich unter dem Titel steht eine vom Verfasser angefertigte Notiz: Gewidmet meiner lieben Heimatstadt Saabor. Von Ernst Bartsch, Grünberg. Singweise: „Stimmt an mit hellem hohen Klang“.

Wo genau waren die Weinberge in Loos angelegt? Auf Katasterkarten, die wir im Staatsarchiv Wilkowo (Wilkau bei Schwiebus) gefunden haben, wurden Grundstücke mit dem Begriff „Garten“ markiert. Wie mir einer der Archivare erklärt hat, bedeutet „Garten“ – mit hoher Wahrscheinlichkeit – Weinberg. Aber mit Sicherheit kann dies festgestellt werden, wenn man in Büchern des deutschen Landwirtschaftsamtes nachschaut. Im Fall des Grünberger Kreises befinden sich diese in Breslau und Altkessel (Stary Kisielin). Alte Rebsorten sind bis heute auch in Grünberg in Schlesien, Loos (Laz) und in anderen Ortschaften zu finden. Letztens wurden sie von zwei Ampelographen, Andreas Jung vom Büro für Rebsortenkunde und Klonzüchtung und Reinhard Antes von der Firma Antes Rebenveredlung und Verkauf, untersucht.

Es hat sich herausgestellt, daß auf dem alten Weinberg am Kaiserberg so edle Rebsorten wie Pinot Noir, Pinot Gris, Traminer oder Gutedel wuchsen. Und diese Rebsorten sollen nun wieder kontinuierlich angebaut werden zur Erhaltung und Pflege alter deutscher Weintraditionen in der Region in und um Grünberg.

Der Verein Kulturgemeinschaft Lebuser Weinberge (Stowarzyszenie Wspolnota Kulturowa Winnice Lubuskie) hat diesen Schwerpunkt bei entsprechenden Behörden hervorheben können. Es gab Gespräche mit dem Oberförster Maciej Taborski (von der Regionalna Dyrekcja Lasow Panstwowych w Zielonej Gorze – Staatsforstverwaltung Zielona Gora) und mit Vertretern des Urzad Marszalkowski (Marschallamt) Zielona Gora. Das Marschallamt wird den Antrag begutachten. Die Kulturgemeinschaft hat auch entsprechende Schreiben an weitere Behörden in der Woiwodschaft und an die Staatsforstverwaltung vorbereitet. Auch die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen Minderheit in Grünberg/Zielona Gora wird sich der Problematik annehmen.

Für dieses große Projekt sollen auch die Gemeinde Saabor (Gmina Zabor), Restauratoren und natürlich Nadlesnictwo Przytok (Oberforstamt Przytok, Staatsforstverwaltung Zielona Gora) engagiert werden. Der Kaiserberg liegt innerhalb des vom Oberforstamt verwalteten Gebietes.

Dem Saaborer Julian Simonjetz, geboren 1927, einem Autochthonen und wahren Genius loci und Zeitzeuge dieser Region, verdanken wir zwei Bilder von 1962. Sie zeigen den Kaiserberg und das erwähnte alte Kreuz. Die Bewohner unserer Region möchten es nachmachen lassen. Es wäre gut,
eine Route festzusetzen, Wegweiser und Informationsschilder in deutscher und polnischer Sprache aufzustellen.

Krzysztof Fedorowicz,
Izabela Taraszczuk (KK)
 

 

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