Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1274.

„Dieses Mütterchen hat Krallen“

So sagte Kafka einst über Prag, doch die Schriftsteller beider Sprachen haben weniger sie zu spüren als ein Gespür füreinander bekommen

Tagungsthema und Tagungsort zugleich war Prag für eine internationale literaturwissenschaftlichen Konferenz mit dem Titel „Praha – Prag 1900–1945. Literaturstadt zweiter Sprachen, vieler Mittler", die der Münchner Adalbert Stifter Verein in Zusammenarbeit mit seinen Prager Partnern, dem Goethe-Institut, dem Literaturhaus deutschsprachiger Autoren sowie den Instituten für Germanistik und für tschechische Literatur und Literaturwissenschaft der Karlsuniversität vom 25. bis zum 27. März 2009 veranstaltete. Referenten waren 18 Literaturwissenschaftler aus Tschechien, Deutschland, der Schweiz und Kanada.

Wenn in literaturwissenschaftlichen Darstellungen nur von der deutschsprachigen oder nur von der tschechischen Literaturszene die Rede ist, wird in Kauf genommen, daß Gemeinsamkeiten, Überschneidungen und Befruchtungen, die in beiden Gesellschaften wirksam waren, ausgeblendet werden. Zur Annäherung an diese unterstellte Wechselwirkung zwischen dem tschechischen und dem deutschsprachigen Literaturgeschehen in Prag wurden in vier Sektionen Bevölkerungsentwicklung und Sozialgeschichte der Stadt, literarische Institutionen und staatliche Kulturpolitik, theoretische Fragen der Literaturkritik sowie national gefärbte Interpretationen der Stadt thematisiert und somit ein Panorama der Literaturstadt vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eröffnet.

Eine Annäherung an die soziographischen Gegebenheiten Prags bildete das Referat „Die gezählte Stadt" von Ines Koeltzsch (Berlin) über das Verhältnis von Tschechen, Juden und Deutschen im Prager Zensus. Die Darstellung der postulierten und gelebten nationalen Identität der Prager Juden durch Katerina Capková (Prag) zeigte u.a. den Wandel dieses Identitätsgefühls mit Gründung der Tschechoslowakischen Republik 1918 auf. Die Anmerkungen über „Die Stadt als realer und symbolischer Raum zur Abgrenzung nationaler Identität an der Grenze vom 19. zum 20. Jahrhundert" von Jan Randák und Václav Petrbok (beide Prag) stützten sich auf stadthistorische sowie literaturhistorische Beobachtungen. Konkrete Orte, an denen „Nationale Kodierung und Umkodierung des öffentlichen Raums" stattfand, z.B. durch Errichtung des Denkmals für Jan Zizka oder die Aufladung der historischen Bedeutung des Vysehrad durch den Prominenten-Friedhof Slavin, beschrieb Marek Nekula (Regensburg).

In Sektion II gab Josef Cermák (Prag) einen Überblick über das Gemeinschaftsleben der Prager Hochschulvereine wie der Prager Lese- und Redehalle oder des tschechischen Literaturvereins Slavia. Der erst 1917 gegründete deutsche Bildungsverein Urania wollte sich, wie Alfons Adam (Düsseldorf und Prag) erläuterte, von den als elitär empfundenen Aktivitäten des Deutschen Hauses absetzen und mit seiner Kulturarbeit breiteste Schichten der Bevölkerung ansprechen Vor dem Hintergrund der Sprachenpolitik der ersten Tschechoslowakischen Republik vermittelte Jitka Ludvová (Prag) einen Eindruck vom spannungsgeladenen Verhältnis zwischen der deutschen Literatur und dem tschechoslowakischen Staat, was dazu führte, daß deutschsprachige Schriftsteller des Landes erst Ende der zwanziger Jahre mit staatlichen Auszeichnungen bedacht wurden. Durch Literaturpreise und -wettbewerbe im Protektorat Böhmen und Mähren 1939–1945 wurden, wie Volker Mohn (Düsseldorf) darstellte, nicht nur deutsche, sondern auch tschechische Schriftsteller gefördert, womit der Anschein einer ausgewogenen Kulturpolitik erweckt werden sollte. Die Schicksale der in das System gezwungenen Individuen gaben jedoch beredtes Zeugnis von der utilitaristischen Absicht dieser Maßnahmen.

Mit einem Überblick über Themen und Diskussionen auf den Seiten der „Frauen-Zeitung" der Prager deutschen Zeitung „Bohemia" 1905–1918 zeigte Anthony Northey (Wolfville, Kanada) die Anteilnahme der Prager deutschen Frauen an den gesellschaftlichen Fragen ihrer Zeit. Kurt Krolop (Prag) schilderte die tschechisch-deutschen Auseinandersetzungen über den „Prager Roman" 1914–1918, in die u.a. Egon Erwin Kisch, Arne Novák und F. X. Salda involviert waren. Daran anknüpfend näherte sich Daniel Vojtech (Prag) in theoretischer Manier „Auseinandersetzungen – Parallelen – Austausch im tschechisch-deutschen literaturkritischen Kontext zu Beginn des 20. Jahrhunderts". Überlegungen zu Geschichte und Implikationen des Begriffs „Prager deutsche Literatur" durch Georg Escher (Zürich) unterzogen ihn einer wissenschaftstheoretischen Untersuchung.

Aufgeladene Topographien präsentierte am Beispiel von Prag-Motiven auf alten deutschen und tschechischen Bildpostkarten Rudolf Jaworski (Kiel). Martina Thomsen (Leipzig) unternahm dies anhand alter deutschsprachiger Reiseführer und Bildbände über die hunderttürmige Moldaustadt und die Hauptstadt des Protektorats Böhmen und Mähren. Nach den zuvor behandelten kollektiven Stereotypen vermittelte Hartmut Binder (Ditzingen) mit dem Prag-Bild Franz Kafkas eine individuell getönte Sicht. Unterschiedliche, der jeweiligen Zeit geschuldete Bilder der Stadt Prag wurden selbst in den literarischen Darstellungen der Gestalt des Reformators Jan Hus in deutschen Romanen und in der deutschen Geschichtsschreibung sichtbar, die Jiri Holy (Prag) vorstellte. Im Schlußvortrag über das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in der Literatur machte Hans Dieter Zimmermann (Berlin) auf die fortdauernde Verschränkung von Gegenwart und Vergangenheit aufmerksam, die er als nicht vergehenden Vergangenheit apostrophierte.

Die Beiträge werden vom Adalbert Stifter Verein publiziert, der zum Thema der Konferenz auch eine Ausstellung zu Übersetzern als Mittler zwischen tschechischer und deutscher Literatur vorbereitet. Sie soll ab Juni 2010 zunächst in München und anschließend in Berlin, Zürich und Prag gezeigt werden.

Anna Knechtel (KK)

«

»