Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1216.

„Evangelischer Heiliger“

Dem aktuellen Andenken des schlesischen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer zum 100. Geburtstag

Es ist erstaunlich, welche Resonanz noch heute, mehr als 60 Jahre nach seinem Tod am 9. April 1945, das theologische, politische und dichterische Werk des Schlesiers Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) weit über den Kreis der evangelischen Christen hinaus in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit erfährt! Zunächst sah es danach aus, als sollte das Leben und Wirken dieses unvergleichlichen Glaubenszeugen auch dem großen Vergessen anheimfallen, von dem die Verbrechensgeschichte des „Dritten Reiches“ nach 1945 insgesamt betroffen war, bis weit in die sechziger Jahre hinein. Aber dann erschien 1951, ediert von seinem theologischen Freund und Mitstreiter Eberhard Bethge, der später auch die 1108 Seiten starke Biographie verfaßte, ein Sammelband mit Lebenszeugnissen unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“, ein Buch, das zahlreiche Auflagen erlebte und von dem ich, seit Heinz Prengel, unser schlesischer Pfarrer in Rodach, es mir im Sommer 1954 in die Hand gedrückt hat, nicht mehr losgekommen bin.

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 als sechstes von acht Kindern des Berliner Arztes Karl Bonhoeffer in der schlesischen Hauptstadt Breslau geboren. Sein Vater hatte sich 1897 an der Medizinischen Fakultät der Landesuniversität im Fach Psychiatrie habilitiert und wurde 1912 an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin berufen. Klaus, ein älterer Bruder Dietrichs, war ebenfalls im Widerstand tätig und wurde am 23. April 1945 von den Nationalsozialisten umgebracht.

Nach dem Theologiestudium in Tübingen und Berlin, der Promotion 1927 und dem Auslandsvikariat 1928 in Barcelona wurde Dietrich Bonhoeffer, strebsam und hochbegabt, 1929 Assistent bei Wilhelm Lütgert in Berlin und legte, ehe er im September 1930 für ein Jahr an das Union Theological Seminary ging, seine Habilitationsschrift vor. Im Oktober 1931, knapp anderthalb Jahre vor der „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933, wurde er Studentenpfarrer und Privatdozent. Sein Schwager Hans von Dohnanyi wurde 1933 als Jurist Referent im NS-Justizministerium und verschaffte ihm später Zugang zu Widerstandskreisen. Unbeliebt machte er sich schon 1933 bei den neuen Machthabern als Mitverfasser des „Betheler Bekenntnisses“ gegen die staatstreuen „Deutschen Christen“. Nach der Übernahme eines Auslandspfarramts 1934 in London wurde er im April 1935 Direktor des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Pommern, das im Oktober 1937 von der Gestapo geschlossen wurde.

Nach der letzten Vorlesung, die er im Februar 1937 an der Berliner Universität hatte halten dürfen, unternahm er eine Studienfahrt nach Dänemark und Schweden, es folgten im August 1937 der Entzug der Lehrerlaubnis und im Januar 1938 die Ausweisung aus Berlin. Dennoch konnte er, weil die NS-Behörden offensichtlich hofften, er entschlösse sich zur Emigration, im Juni 1940 Freunde in London und New York besuchen.

Mit Kriegsbeginn wurde sein Schwager Hans von Dohnanyi Sonderführer der deutschen Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris, wodurch er im August 1940 auch, neben seinen kirchlichen Pflichten wie der Visitationsreise im Juni 1940 nach Ostpreußen, politisch-konspirative Aufgaben zugewiesen bekam. Im September 1940 wurden ihm Redeverbot erteilt und die tägliche Meldepflicht auferlegt; immerhin konnte er im März 1941, mitten im Krieg, den Schweizer Theologen Karl Barth in Basel besuchen, den die Nationalsozialisten 1935 vom Bonner Lehrstuhl vertrieben hatten.

Im April 1942 konnte er noch mit seinem schlesischen Freund Helmuth James von Moltke, dem intellektuellen Kopf der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis, ins 1940 von der Wehrmacht besetzte Norwegen fahren und von dort aus ins neutrale Schweden, wo er einen englischen Bischof in die Umsturzpläne der Verschwörer einweihte. Im Juli schließlich fuhr er mit Hans von Dohnanyi nach Rom, wo er im Vatikan vorsprach, und nach Venedig. Wie man heute weiß, haben seine und anderer Widerstandskämpfer konspirative Informationen über die ungeheuerlichen Verbrechen der Nationalsozialisten, die kirchlichen Würdenträgern des Auslands übermittelt wurden, keinerlei Wirkung gezeigt. Man wollte es nicht wissen, oder es gab bei den Politikern der mit Deutschland im Krieg stehenden Staaten keine Aufnahmebereitschaft für solche Informationen!

Im Januar 1943, während in Stalingrad die sechste Armee unterging, verlobte sich Dietrich Bonhoeffer, wenige Wochen vor seinem 37. Geburtstag, mit der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer, die einmal seine Konfirmandin gewesen war. Im April 1943 wurde er verhaftet, war in Untersuchungshaft in Berlin-Tegel und wurde im Februar 1945 ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verbracht. Im April 1945 erfolgte die Überführung nach Flossenbürg in der Oberpfalz, einem im Mai 1938 errichteten Konzentrationslager, wo er im Morgengrauen des 9. April mit Wilhelm Canaris und Hans Oster erhängt wurde.

Diese Daten sagen wenig aus über das von Glaubensstärke erfüllte Leben eines Christen, den Bischof Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, einen „evangelischen Heiligen“ genannt hat.

Man sollte nicht nur das von ihm im Gefängnis geschriebene Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ kennen, sondern auch die Anthologie „Widerstand und Ergebung“, die in der 15. Auflage vorliegt. Sein Ruhm als Theologe und christlicher Denker ist in den 60 Jahren nach seinem Tod unaufhörlich gewachsen, ein Blick in den Prospekt zum 100. Geburtstag des Gütersloher Verlagshauses zeigt, wie lebendig sein Werk noch heute ist!

Es gibt nicht nur einen neuen Band „Bilder eines Lebens“, sondern auch eine neue Teilbiographie von Sabine Dramm, „V-Mann Gottes und der Abwehr? Dietrich Bonhoeffer und der Widerstand“.

Es gibt heute eine „Bonhoeffer-Gesellschaft“ und ein Jahrbuch mit bisher zwei Bänden, es gibt eine sechsbändige Werkauswahl 1927/45 von Christian Gremmels und Wolfgang Huber. Es gibt mehrere Biographien, neben der von Eberhard Bethge (achte Auflage) die von Josef Ackermann und die von Renate Wind, es gibt den „Roman eines glaubwürdigen Lebens“ von Paul Barz, die „Brautbriefe. Zelle 92“ und nicht zuletzt den ausgezeichneten Spielfilm „Bonhoeffer. Die letzte Stufe“. Die Zeitungen waren am 100. Geburtstag voll mit Artikeln zur Würdigung dieses ungewöhnlichen Lebens, und seine Geburtsstadt Breslau hatte für den 4. bis zum 6. Februar zu einer Tagung eingeladen.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

«

»