Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1279.

„Für die Einfachheit”

Vertreibung in tschechischen Publikationen

Reichenberg war zeitweise die zweitgrößte Stadt in Böhmen und gehörte mit Aussig zu den größten sudetendeutschen Städten. Zu den einschneidendsten historischen Ereignissen in seiner Geschichte gehört die Vertreibung der angestammten deutschen Bevölkerung. Dieser Vorgang wird immer ein Menetekel in den deutsch-tschechischen Beziehungen bleiben, und dies trotz Vertrag, deutsch-tschechoslowakischer Erklärung und gemeinsamer Mitgliedschaft der beiden Staaten in der NATO und der Europäischen Union. Wie sehr die Vertreibung die tschechische Seite beschäftigt und wie widersprüchlich diese Beschäftigung immer noch ist, soll anhand einiger Veröffentlichungen dargestellt werden.

In einem dreisprachigen Prospekt über Reichenberg heißt es dazu: „Nach der Befreiung und dem Zustrom neuer Menschen verlor die Textilerzeugung an Bedeutung". Obwohl vorher über die „deutschen Nationalisten, Deutschböhmen und Gauleiter Konrad Henlein" berichtet worden ist, fehlt hier – im Jahre 1993 – jeder Hinweis auf die Deportationen. An anderer Stelle, in den zweisprachigen Beschriftungen im Museum der Glashütte Harrachsdorf, wird von „sozialer Umwälzung in den Jahren 1945/46" gesprochen. Im Schloßführer von Johannesberg, ehemals Sommersitz der Bischöfe von Breslau, wird deren deutsche Abstammung mit keinem Wort erwähnt. Der deutschsprachige Führer durch Schloß Königswart (2005), das 1623 durch die Brüder Metternich (Offiziere Wallensteins) erworben wurde, verzeichnet für 1945 eine „vollstreckte Konfiskation". Von der Familie Metternich und den deutschen Bewohnern dieser Gegend ist nicht die Rede.

Tschechische Historiker befassen sich allerdings immer gründlicher mit dem Geschehen, wobei die Wertungen verschieden ausfallen. Jan Kren äußert sich in dem Sammelband „Tschechen, Deutsche und der Zweite Weltkrieg" (Herausgeber Robert Maier, Hannover 1997) anerkennend über die deutsche Dokumentation der Vertreibung ( Herausgeber Theodor Schieder). Er vermerkt: „Es ist wirklich geschehen, was geschehen ist – und der tschechische Historiker kommt nicht umhin, sich dies mit Bedauern einzugestehen …" Allerdings lehnt er eine Bewertung aufgrund der heutigen Auffassung der Menschenrechte ab und kritisiert Alfred de Zayas dafür.

In tschechischen Schulbüchern des Jahres 1995 (Kaplan/Mares: Geschichte der Länder der böhmischen Krone, Band II) heißt es, daß sich die „revolutionäre Gesetzlosigkeit" in vollem Maße auf die „Lösung des Nationalitätenproblems, eines der traurigsten Kapitel unserer modernen Geschichte", ausgewirkt habe. Erstmalig in tschechischen Schulbüchern werden hier das Massaker auf der Brücke von Aussig und der Brünner Todesmarsch genannt. Erstmalig wird hier in einem Schulbuch die These von einer kollektiven Schuld der Deutschen abgelehnt. (tento obecne nespravny princip – dieses grundsätzlich falsche Prinzip). Im gleichen Buch befaßt sich Zdenek Radvanovsky mit der Vertreibung in Aussig. Er sieht die „Aussiedlung" als „tschechischen Gegenangriff" nach der Okkupation und der von Hitler und Himmler geplanten „Vernichtung des tschechischen Volkes". Er schildert die tschechischen Aktionen in sehr deutlicher Weise, die massenhaften Verhaftungen, die schrecklichen Lager, die Zwangsarbeit, die Deportationen. Die Gesamtzahl der Vertriebenen aus der Stadt und dem Bezirk Aussig beziffert er bis 1946 auf 50 905 Menschen.

Im Jahre 2006 erschien in tschechischer und deutscher Sprache das interessante Buch „Das verschwundene Sudetenland – Zmizele Sudety", herausgegeben von der tschechischen Studenteninitiative Antikomplex, in dem ausgewählte Land- und Ortschaften der deutschen Zeit den heutigen Verhältnissen gegenübergestellt werden. Ondrej Matejka äußert sich darin über den Verlust durch die Abschiebung: „Für unser Land ging nicht nur die Kraft der Menschen, die mit uns gemeinsam die Landschaft gestalteten, sondern auch die Kraft der Menschen, die uns beeinflußten, verloren." Der frühere Ministerpräsident Petr Pithart schreibt in einem Vorwort: „Es verschwanden aber vor allem die Früchte der Arbeit ganzer Generationen", und T. Fertek meint: „Das Unglück des Sudetenlandes sind nicht die fehlenden Häuser, sondern die fehlenden Menschen".

In jenen Schreckensjahren hätte man vor allem von den christlichen Kirchen Einspruch erwarten können. Jan Lata hat dies in dem Aufsatz „Vertreibung und Aussiedlung in der kirchennahen Presse in den Jahren 1945–1947" (in : Religion in den böhmischen Ländern 1938–48, München 2007) untersucht. Die Erzbischöfe von Olmütz und Prag warnten in der Tat vor Ungerechtigkeit und Grausamkeit und deren Folgen. Man zitierte aus dem Brief von Papst Pius XII. an die Bischöfe, in dem die „Liebe als Führer der Gerechtigkeit" bezeichnet wurde. In einer ganzen Reihe von Zeitschriften wurde in Beiträgen und Leserbriefen gegen die Vertreibung Stellung genommen. Später verstummte diese Kritik, da die Regierung Verbote der Zeitungen plante.

Bischof Moric Picha (Königgrätz) warnte vor der Rache der Deutschen: „Mit geballter Faust werden sie auf eine Gelegenheit lauern, um sich womöglich nach Jahrhunderten an uns zu rächen". Zugleich forderte er die Übernahme deutschen Eigentums als eine nationale Pflicht, „um im Grenzland eine schöne tschechische Heimat zu schaffen". Ein Vertreter der evangelischen Tschechen wie der später bekannte Theologe Josef Hromadka sah in der Aussiedlung eine „segensreiche erzieherische Strafe", und der Patriarch F. Kovar begrüßte die Vertreibung als historische Wiedergutmachung und nationalen Sieg.

Der Autor Jan Lata faßt das Ergebnis seiner Untersuchung folgendermaßen zusammen: „Es bleibt die traurige Tatsache, daß diese antideutsche Haltung in der Tschechoslowakischen Kirche bei vielen die wesentlichen Elemente der christlichen Botschaft verdunkelte."

Zu den eindrucksvollsten Darstellungen tschechischer Historiker gehören die Bücher von Tomás Stanek: „Verfolgung 1945" (tsch. Persekuce, 1996, dt. 2002) und „Internierung und Zwangsarbeit", München 2007, die leider bisher nur unzureichend zur Kenntnis genommen werden. In dem zuletzt auf deutsch erschienenen Werk untersucht er das Lagersystem in den böhmischen Ländern zwischen 1945 und 1948. Es ist wenig bekannt, daß wohl 300000 Sudetendeutsche bis 1947 in Straflagern, Arbeitslagern, Gefängnissen und Haftanstalten festgehalten und malträtiert wurden, bevor die Deportation erfolgte. Die Zahl der Lager wird je nach Definition unterschiedlich angegeben. Stanek nennt für Böhmen 162 Lager und 30 Gefängnisse, für Mähren/Schlesien 133 „Objekte", dazu kommen noch 30 Kriegsgefangenenlager. Das DRK kommt auf 1200 Lager. In den Lagern wurden auch Zehntausende Frauen und rund 10000 Kinder festgehalten.

Stanek nennt die Verhältnisse in den Lagern „in vieler Hinsicht erschütternd und bedrückend". Wie schrecklich sie waren, läßt schon die offiziell angegebene Zahl von rund 60000 Toten erahnen. Er schildert die Exzesse u.a. in Prag, Kolin, Ostrau, Komotau, Bilin, Böhmisch-Kamnitz, Brünn, Schluckenau, Theresienstadt, Aussig, Pilsen-Bory etc., die völlig unzureichende Lebensmittelversorgung, den völligen Mangel an Medikamenten. Diese Publikation ist eine einzige Verurteilung der Internierungen, der Versklavung und Ausbeutung vor der Deportation.

Wer auch nur dieses eine Buch gelesen hat, kann nicht verstehen, daß das tschechische Parlament Eduard Benesch posthum Verdienste um den Staat bescheinigt, daß noch die Hälfte der Tschechen die Abschiebung als gerecht bezeichnen. Der Journalist Jiri Cerny schrieb im Dezember 2007 über den jetzigen Präsidenten Václav Klaus und dessen Haltung zum Schicksal der Sudetendeutschen: „Für die Einfachheit …, mit der Klaus dieses komplizierte und schmerzende Thema ein für allemal scheinbar gelöst hat, schäme ich mich." Und dagegen die Aktion der Bürgermeisterin Vera Vitova in Wekelsdorf bei Braunau, wo den 23 unschuldigen Opfern eines tschechischen Massakers ein beeindruckendes Denkmal gesetzt wurde.

Unsere Nachbarn in Böhmen und Mähren, aber auch in der Slowakei sind in der Frage der Vertreibung der Deutschen zwar nicht mehr einer Meinung, aber in großen Teilen noch nicht in der Lage, diesen Vorgang vom Standpunkt der Menschlichkeit, der Menschenrechte und des Völkerrechts zu beurteilen. Ansätze zu einer solchen Bewertung sind in der Kirche, in Kreisen der Wissenschaft, der Publizistik und der Studenten und bei einigen Politikern festzustellen. Die tschechische Politik hat hier jedoch noch großen Nachholbedarf.

Rüdiger Goldmann (KK)

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