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Ausgaben: Ausgabe 1242.

„Heimat ist Friede“

Und so schwer zu finden wie dieser, weshalb Paul Keller ein Schriftstellerleben lang auf der Suche war

Vor 75 Jahren, am 20. August 1932, starb der damals sehr beliebte und nicht nur in seiner schlesischen Heimat viel gelesene Schriftsteller Paul Keller.

In Arnsdorf, Kreis Schweidnitz, am 6. Juli 1973 als Sohn eines mit Frau, Pferd und Wagen über das Land ziehenden Handelsmannes geboren, wuchs er als armer, aber fröhlicher Dorfjunge auf, besuchte acht Jahre lang die einklassige Volksschule, dann die Präparandie in Landeck und 1887–1890 das Katholische Lehrerseminar in Breslau, wo er schließlich von 1896 bis 1908 als Volksschullehrer unterrichtete.

Neben dem Schuldienst wandte er sich immer stärker dem Schreiben zu, mit Kleinem beginnend, Erzählungen verfassend, sodann Romane vorlegend. Seine 1898 erschienene Sammlung „Gold und Myrrhe“ wurde zum Erfolg, ebenso „Waldwinter“, ein „Roman aus den schlesischen Bergen“ (1902). Hier steht schon das zentrale Thema Heimat im Zeichen der Flucht aus der Großstadt in das Waldgebirge, Weltmüdigkeit, Träumerei, Romantik, Melancholie. Hier traf der Autor ein Grundgefühl vieler Zeitgenossen, und so erlebte das Buch in 30 Jahren 393 Auflagen und eine Verfilmung. Diesem ersten großen Wurf folgte 1904 der Roman „Die Heimat“, der auch Feindschaft und Verbrechen in Dörfern realistisch nachzeichnet, dann 1907 der Roman „Der Sohn der Hagar“ mit der Problematik des unehelichen Kindes und seiner Mutter, der in 30 Jahren fast 330 Auflagen erreichte und u.a. vom steiermärkischen Schriftstellerkollegen Peter Rosegger gelobt wurde.

Keller setzte sich durch, fand eine begeisterte Lesergemeinde und verdiente gutes Geld. Als ihn dann eine reiche Dame als Erben einsetzte, gab er den Lehrerberuf auf, reiste viel, so nach Italien, Tunis, Algier und in die Türkei, wurde der Begründer und Herausgeber der volkstümlichen Monatsschrift „Die Bergstadt“ und steigerte seine Popularität und den Absatz seiner Bücher durch zahlreiche zum Besten von Kriegsopfern gehaltene Dichterlesungen. Mitten im Ersten Weltkrieg, 1916, erschienen zwei seiner Erfolgswerke: der Roman „Ferien vom Ich“ und „Das Königliche Seminartheater“. 1918 folgte „Hubertus“, ein Roman des Waldes und der Jäger. Über das in den Büchern von Keller erkennbare Streben nach Harmonie, Ausgleich, Erholung und Frieden, ja Behaglichkeit, kommt naturgemäß oft das Politische zu kurz.

Der Erfolg blieb Keller bei allen seinen rund 20 Büchern treu. 1931, in der Inflationszeit, mußte er seine „Bergstadt“ einstellen, und bei ihm, der gern feierte und kein preußisch diszipliniertes Leben führte, nahmen die Schatten zu, so daß er das unter dem Titel „Wölfe in Berlin“ begonnene Werk – eine Vision der in Trümmern liegenden Reichshauptstadt – nicht vollenden konnte. In den letzten Lebensjahren zog er sich immer wieder nach Bad Landeck zurück, erlitt dort 1932 einen Zusammenbruch und starb am 20. August 1932 in Breslau, wo ihm auf dem Laurentius-Friedhof das Grab bereitet wurde. In den das Grab schmückenden Findlingsblock wurde der Schlußsatz aus seinem Roman „Heimat“ eingemeißelt: „Heimat ist Friede.“

Weshalb war Keller so populär in (fast) allen Kreisen der Bevölkerung? Seine Texte lasen das Dienstmädchen und die „gnädige Frau“, der Inspektor und der Pfarrer, der Offizier und der Lehrer und mancher Universitätsprofessor. Er besaß viel Phantasie, verlieh den in ihm und vielen anderen schlummernden Träumen eine Stimme und schilderte die Dinge des Alltags zwar nicht falsch, aber oft erhöhend, verklärend. Poesie des Alltags, bewahrte Kindheit und Kindlichkeit! Scherz und Ernst vereinigen sich, Humor leuchtet auf, die Last des Lebens soll erträglicher werden.

Auch im Ausland erfuhren Kellers Werke viel Anerkennung. Texte von ihm wurden in 19 Sprachen übersetzt. Die literarische Fachkritik rümpfte allerdings großenteils die Nase, ja ignorierte ihn teilweise. Immerhin enthält – um ein Beispiel zu nennen – der 1997 erschienene 1. Band des „Lexikons der Weltliteratur“, das Gero von Wilpert herausgegeben hat, 16 Zeilen über ihn, auch die Wertung: „Schles. Heimaterzähler und Volksschriftsteller; konfessionell-kath. Grundhaltung. Anfangs träumerisch, gemütvoll, später mehr süßlich.“ Wichtiger als solche Beurteilungen würde Paul Keller wohl sein, daß seine Werke die Gesamtauflage von 5 Millionen erreichten, zumindest vier heute noch im Bergstadtverlag W. G. Korn (jetzt Würzburg) erhältlich sind und eine Reihe seiner Erzählungen immer wieder nachgedruckt werden, z.B. in dem von Monika Taubitz betreuten „Volkskalender für Schlesier“, und damit die ihnen vom Verfasser zugedachte Aufgabe erfüllen: zu erfreuen.

Hans-Ludwig Abmeier (KK)

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