Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1248.

„Ich bin Ermländer, und ich bin katholisch“

Johannes Schwalke, der selbst- und heimatbewußte Apostolische Visitator der Ermländer, ist gestorben

Überraschend starb am 29. Oktober in einem Altersheim der ermländischen Katharinenschwestern in Daun in der Eifel der Apostolische Protonotar und langjährige Visitator der Ermländer Johannes Schwalke. Die Beisetzung fand am 5. November unter grosser Beteiligung ermländischer Priester und Gläubigen in Daun statt. Vertriebenenbischof Gerhard Pieschl predigte, Alt-Erzbischof Edmund Pieszct aus Allenstein/Olsztyn sprach einen Nachruf.

„Ich bin Ermländer, und ich bin katholisch“, so stellte sich einst der stattliche und selbstbewußte Prälat einer deutschen Zeitung vor. In der Tat umriß er damit prägnant sein Wesen und Wirken. 1923 wurde Schwalke im ostpreußischen Marienwallfahrtsort Dietrichswalde geboren. Zeitlebens ging er der Frage nach, ob dort vor mehr als hundert Jahren die Muttergottes Kindern erschienen sei. Er glaubte es, „ich habe alles geprüft“. Während der damals deutsche Bischof zurückhaltend reagierte, schloß sich zur Hundertjahrfeier der heutige polnische Diözesanbischof Schwalkes Meinung an. Der deutsche Prälat war in Dietrichswalde jedenfalls schon vor der Wende stets willkommen.

Johannes Schwalke studierte zunächst einige Semester Medizin in Königsberg und Danzig und wurde 1942 als Sanitäter eingezogen. Unter dem Eindruck von Krieg, Flucht und Vertreibung begann er nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1946 in Freiburg im Breisgau das Theologiestudium. Er ließ sich 1951 ausdrücklich nicht auf die Erzdiözese Freiburg, sondern „auf das Ermland weihen“. 22 Jahre diente er seiner „Gastdiözese“ Freiburg als Seelsorger, bis er 1975 zum Apostolischen Visitator für die Priester und Gläubigen aus der Diözese Ermland berufen wurde. Das blieb er 23 Jahre bis zu seiner Emeritierung.

Schwalke war stolz darauf, der Deutschen Bischofskonferenz anzugehören. Als er dort mit den übrigen Visitatoren das Stimmrecht verlor, kränkte ihn das, als er wiederum mit den übrigen Vertretern der Heimatvertriebenen im Zuge der neuen Ostpolitik aus der Bischofskonferenz ausgeschlossen wurde, verletzte es ihn tief. „Nun hat uns auch noch die Kirche vertrieben“, sagte er unter vier Augen. Es irritierte ihn, daß kaum einer der Bischöfe, vor allem nicht die beiden aus Ostdeutschland stammenden Kardinäle (Berlin und Köln) für die Vertriebenen Partei ergriffen. Roma locuta, Rom hatte gesprochen. Und Schwalke war als Ermländer papsttreu genug, um nicht in der Öffentlichkeit zu protestieren.

Bei seinem Abschied in der Bischofskonferenz fürchtete dieser so stolze und standhafte Priester, in Tränen auszubrechen. Nicht seiner selbst wegen, sondern weil er diese offenkundige Mißachtung seiner so treu katholischen Ermländer kaum ertragen konnte. Kardinal Meisners späteres öffentliches Lob in Werl war ihm da eine späte Genugtuung: „Die Ermländer haben von allen Heimatvertriebenen ihren Glauben am besten bewahrt.“

Schwalkes Herz schlug für die Jugend. Er nannte sich als Beirat der „Gemeinschaft Junges Ermland“ scherzhaft den ältesten Jugendseelsorger Deutschlands. Da er wußte, wie junge Leute heute ohne Trauschein zusammenleben, schuf er eine Art kirchlicher Verlobung, die er vor dem Altar vollzog. Weil er die klare Aussprache liebte, kein Jota von der katholischen Lehre abwich, genoß er großen Respekt bei den Jugendlichen, auch wenn sie sich oft anders verhielten, als es sich ihr Prälat wünschte.

In vielen Gottesdiensten betete er für die vergewaltigten ostpreußischen Frauen und verschwieg nicht, daß seine eigene Mutter dazu gehörte.

Schwalkes Stunde kam, als er zum polnischen Bischof von Ermland/Warmia Kontakt aufnahm. Die beiden Männer verstanden sich und begannen gemeinsam ihr großes Versöhnungswerk. Dem polnischen Erzbischof Edmund Pieszcz brachte es später das große Bundesverdienstkreuz ein, Schwalke erhielt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Schwalke zelebrierte einen Tag vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II. 1991 in Allenstein die erste deutschsprachige Messe für die dortige deutsche Minderheit. Er erreichte die Bestellung eines deutschen Kaplans für die Minderheit und die deutschen Touristen und wurde schließlich Domkapitular ehrenhalber in Frauenburg/Frombork.

Zahlreiche Kirchen im Ermland wurden mit deutschem Geld wiederhergestellt, nicht zuletzt half Schwalke bei der Errichtung des Priesterseminars in Allenstein. Es dauerte lange, bis der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Staatssekretär Henning, als erster das Ermlandhaus in Münster besuchte. Dabei hatte Schwalke bei den Ostpreussentreffen zelebriert und gepredigt sowie zu kirchlichen Feiertagen im „Ostpreußenblatt“ geschrieben. Polnische Priester und Seminaristen fanden im Ermlandhaus jederzeit Aufnahme und Hilfe. Es gab wohl keinen polnischen Priester im Ermland, der den Namen Schwalke nicht kannte.

Norbert Matern (KK)

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