Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1250.

„Ich denke an einen anonymen Streich“

Das erste Lustspiel, das Gerhart Hauptmann „in den Schoß gefallen“ war, wußte er selbst nicht recht zu handhaben

„College Crampton“, die erste Komödie des Dichters, entstand 1891 während der Arbeit an den „Webern“ in Schreiberhau. Den Plan dazu datiert die „Chronik“ auf Februar/März. Eine Reise nach Berlin im November mit dem Besuch der Aufführung von Molières „Geizigem“ stimuliert die Niederschrift, die in erstaunlich kurzer Zeit abgeschlossen wird. Schon im November schreibt Hauptmann an Otto Brahm: „Es ist mir plötzlich ein Lustspiel in den Schoß gefallen … Das Stück ist ein Schmarrn oder das moderne Lustspiel …

Ich denke event. an einen anonymen Streich.“ Bereits Anfang Dezember soll er es ihm vorgelesen haben, sandte es sofort an Adolph L’Arronge vom Deutschen Theater und an Max Burckhard vom Wiener Burgtheater.

Die erfolgreiche Uraufführung mit Georg Engels in der Titelrolle fand am 16. Januar 1892 im „Deutschen Theater“ statt. Es war die erste Premiere, die nicht der Verein „Freie Bühne“ durchführte. Bei der Breslauer Aufführung mit Friedrich Mittenwurzer als Crampton war Hauptmann auch anwesend. Das Burgtheater und andere Bühnen spielten es nach, die Erstausgabe erschien natürlich bei S. Fischer. Peter de Mendelssohn nennt es „einen großen Bühnenerfolg“, Hauptmann „mein erstes materielles Erfolgstück“. Seine nächsten Komödien hatten ja nicht diesen Erfolg. „Der Biberpelz“ war bekanntlich ein Flop, kam nicht über „drei Respektvorstellungen hinaus“ (Hans Daiber), „Die Jungfern vom Bischofsberg“ gingen sogar in einem Theaterskandal unter.

„Kollege Crampton“ – wie die Schreibweise bald abgeändert wurde – war das erste Stück um einen zentralen Charakter wie „Fuhrmann Henschel“ und „Rose Bernd“ und eröffnete zugleich die Reihe der Künstlerdramen wie „Michael Kramer“ und „Gabriel Schillings Flucht“. Das Stück beruht auf den Erinnerungen Hauptmanns an seine Zeit an der Breslauer Kunstschule. Modell für die Titelgestalt war Professor James Marshall (1838–1902), einer der Lehrer, dem er auch Modell für den Faust-Schüler gesessen hatte. In „Das Abenteuer meiner Jugend“ steht: „Professor James Marshall war seines Lehramtes an der Kunstschule enthoben worden: Ein Fall, wie es einem genialen Menschen und Maler gegenüber sich heute wohl kaum ereignen würde. Er hatte Schulden, er trank eine Menge Bier und Wein, aber ich möchte doch glauben, daß er nicht nur im Kreis der Schule eine hochbedeutende Erscheinung war … Zigaretten rauchend und trinkend, hielt der faunische Mann mit dem faunischen Mund seine Vorträge. Ich habe nicht wenig von ihm gelernt. Er wies uns auf E. T. A. Hoffmann hin … Kurz, mancher lebendige Funke gleichsam unbekannter Sonnen ist in der Höhle dieses Exmittierten, Ausgestoßenen, neben die Gesellschaft gesetzten genialen Verbannten auf mich übergesprungen.“

Eine ausführliche Darstellung Marshalls und des Erlebnismaterials im Stück findet sich in „Das Urbild des ‚Kollegen Crampton‘. Ein Beitrag zur Psychologie des dichterischen Schaffens“ von Käte Rathausen-Hoffmann in dem 1942 von Ludwig Marcuse herausgegebenen Band „Gerhart Hauptmann und sein Werk“. Paul Schlenther sieht darin „manche technische Verwandtschaft mit dem „Geizigen“: „Hier wie dort eine überragende Hauptfigur, um deren moralische Schwäche sich alles übrige dreht. Hier wie dort mitten aus komischen Situationen ein kühner Zug in die Tragik der menschlichen Seele … Dort eine moralische, hier eine psychologische Komödie.“ Das Stück spielt eindeutig 1881 in Breslau („einer größeren schlesischen Stadt“). Rathausen-Hoffmann registriert die konsequente Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, Abweichungen und Umformungen erfolgen allein aus dramatischen und bühnentechnischen Rücksichten.

er Student Max Straehler und sein Bruder Georg tragen sogar den Familiennamen der Mutter, es sind Alter egos von Gerhart und Georg Hauptmann. Gerhart war aber nicht Schüler von Marshall, sondern von Professor Hertel (im Stück Professor Kircheisen), wurde ja dort vorübergehend ausgeschlossen. Auch der Herzog ist keine Erfindung, er war tatsächlich ein Gönner des Malers und hat ihn nicht mehr wie angekündigt besucht. Das Porträt von Cramptons Frau, „die Gräfin“ genannt, ihre Beziehungen und die Scheidung waren real. Marshall war freilich erst 43, kein Endvierziger, und nur drei Jahre in Breslau, keine zehn. Er hatte zwei Töchter, aus denen die Gertrud wurde, in die sich Max verliebt. Die gewichtigste Änderung betrifft die Figur des Löffler, der reale Dienstmann besaß keine seiner Qualitäten. Natürlich ist der Komödienschluß eine poetische Erfindung, quasi ein Wunschbild. James Marshalls Leben blieb alkoholverdüstert. Als Künstler hat Hauptmann ihn immer geschätzt, noch 1935 erwarb er eines seiner Selbstbildnisse.

Die erste Reaktion auf das Stück war enthusiastisch. Fritz Mauthner schrieb über die Uraufführung: „Die Lebensfülle der Gestaltung, das Charakterisierungsvermögen ist ersten Ranges. ‚College Crampton‘, der verbummelte, versoffene, immerhin genialische, phantastische, kindlich gutmütige Professor wird leben bleiben auf der Bühne. Er ist eine der wenigen Dramenfiguren, die man deshalb nicht mehr vergessen kann, weil man sie gründlich kennengelernt hat … Man müßte große Dichter zur Vergleichung heranziehen, um dieser Begabung Hauptmanns gerecht zu werden.“ Auch Max Henze rühmt die „wunderbare Kunstfertigkeit, wie alles ureinfach göttlich zusammengesetzt ist“. Über Georg Engels, den „ersten und bisher einzigen Darsteller des tragischen Schicksals eines alten Herrn“, befindet er: „… er hatte seine Rolle nur zu gut verstanden, es war die erste deutsche ‚Komödien‘rolle“. Und Ole Hannson meint: „… in College Crampton zischt und sprüht ein Feuerwerk von Humor und geistreicher Taugenichtigkeit … ununterbrochen“. Hauptmann behandele darin einen pathologischen Stoff als Lustspielmotiv, welchen er zuvor als Trauerspielmotiv gestaltet hatte. Es scheint ihm, daß der Dichter die pedantische Wirklichkeitskopie, „den moralischen kleine-Leute-Naturalismus“ satt habe. „Er hat die Distanz vor der ‚Wirklichkeit‘ gewonnen, mit der die Dichtung erst anfängt.“ Doch obwohl seine nächsten Stücke eine größere thematisch-formale Breite besitzen, war dies doch zu eng gesehen. Dennoch ist Hauptmanns erste Komödie seit langem von den Spielplänen der Theater verschwunden. Die „Chronik“ verzeichnet für Herbst 1932, also zum 70. Geburtstag, Aufführungen von 23 seiner Stücke, darunter noch zwei von „Kollege Crampton“.

Wie steht es aber in der Einschätzung der Literaturkritik? Eberhard Hilscher geht ausführlich auf das Stück ein. Hauptmann habe damit erstmals ein Künstlerdrama geschaffen, in dem es um die zweifelhafte Stellung des bürgerlichen Künstlers in der Klassengesellschaft geht. Die Achillesferse des Stücks sei die Fixierung auf Cramptons Charakter, er beherrscht das Geschehen völlig, echte Konflikte und eine Entwicklung fehlen. „Kollege Crampton“ sei „buchstäblich ein sprechendes Porträt“. Hans Mayer sieht auch, daß eine tragische Wendung im Thema liegt, aber „um der komödienhaften Lösung willen“ entschärft wurde. Karl S. Guthke registriert, daß bei Crampton, dem Genie nicht abzusprechen sei, Künstler und Mensch zum in letzter Minute abgewendeten Verhängnis zusammenwirken. Darin sieht er das Tragikomische: Der Künstler droht am Menschen zu scheitern, doch das Künstlerische läßt die menschlichen Schwächen komisch erscheinen, so daß „der glückliche Ausgang eo ipso komisch wirkt“.

Ich habe das Stück quasi produktiv kennengelernt. In meiner Oberschulzeit in Mühlhausen, der Thomas-Müntzer-Stadt, gab es eine potente und sehr aktive Laienspielgruppe. Ihr enthusiastischer Leiter wurde später Schauspieler und Theaterleiter. Es gab öffentliche Aufführungen von Faust-Szenen und „Egmont“, von Wolfs „Der arme Konrad“, Weisenborns „Die guten Feinde“ und „Die Ballade vom Eulenspiegel“. Wir gingen davon aus, daß wir die Anstrengungen wenigstens auf gewichtige Texte richten sollten. Die Paraderolle des „Kollege Crampton“ hatte der „Chef“ sich ausgesucht. Ich sollte den Max spielen, Hauptmanns Alter ego, die Gertrude eine von mir angeschwärmte Mitschülerin. Unsere „Liebesszene“ im letzten Akt war mir verlockend. Aber die Proben zogen sich hin, und als ein betreuender Lehrer vorschlug, den 4. Akt zu streichen, starb das Projekt. Wir hatten uns übernommen, ich war enttäuscht. Seitdem hoffe ich auf die Neuentdeckung der Komödie.

H. D. Tschörner (KK)

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