Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1280.

„Irgendwo gibt’s soviel Himmel, wie die Zwiebel Häute hat“

In der Pförtnerloge der Zellulosefabrik in Sowjetsk, dem verschütteten ostpreußischen Tilsit, hängt eine martialische Jacke in Tarnfarben, in der auch der starke Mann Putin gesteckt haben könnte, die Rückwand aber ziert eine Panoramatapete mit lieblichem Meerblick. Auch der Pförtner Alexandr Borisowitsch Krawtschuk ist ein sichtlich starker Mann, der ein Leben lang Uniform getragen hat. Als Hauptmann der Sowjetarmee aber wird er nicht mehr gebraucht und bezieht nun deren Vorzugsrente, die er mit dem Pförtnergehalt abrundet: „ein Glück(s)fall für ihn … , seine Autorität ist noch einmal gefragt. ‚Arbeiten und noch mal arbeiten‘ sei sein Lebensmotto."

Martin Rosswog schreibt auf, wie er fotografiert, ohne Kommentar – die Wahrheit ist nackt. Und so paßt alles zusammen, denn hier haben ein Arbeiter der Kamera und eine Arbeiterin des Wortes, anders als der Hauptmann der Reserve ohne jede Reserve, vielmehr mit vollem Einsatz gearbeitet, so daß man es sehen, lesen, greifen kann, daß man sogar auf Anhieb begreift, wenn der Fotograf reichlich paradox formuliert: „Die Fabrik ein Moloch. Ein Ungeheuer aus Hitze, Lärm und Gestank. Schade, daß wir wenig Zeit haben. So kraftvolle Bilder sind selten zu sehen."

Das gilt ohne Einschränkung für dieses Buch. In ihrer Einführung erzählt Ulla Lachauer von zwei entscheidenden Lektionen, die eine hat ihr Leben und Schreiben, die andere die Entstehung dieses Buches bestimmt. Die im westfälischen Ahlen geborene junge Frau hat ohne jeden anderen Bezug zum ehemals deutschen Osten ihre menschliche und eben auch schöpferische Beziehung zu jenen Landschaften und ihren ehemaligen und jetzigen Bewohnern entdeckt und fruchtbar gemacht – ihre Berichte und Bücher sind bewegte und bewegende Zeugnisse. Sie hat gelernt, daß es grob fahrlässig ist, all das, was jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang verborgen war und diesseits lange Zeit nur von Vertriebenen beschworen wurde, unter dem Rubrum „Ewiggestrig" zu entsorgen, daß man schlecht daran tut, sein kulturelles Bewußtsein von ideologisch geprägten Vorurteilen bestimmen zu lassen. Ihre Erfahrungen hat sie auch dem Kölner Fotografen Martin Rosswog so zu vermitteln gewußt, daß er mit ihr zweimal dorthin gefahren ist. Von ihm hat sie dabei sehen und warten gelernt.

Warten auf das geeignete Licht, die Suche nach dem geeigneten Standort und Bildausschnitt und das Warten darauf, daß die Menschen möglichst so aussehen, wie sie sind. Die hohe Kunst: Nichts ist künstlich, nichts „wirkt", alles „ist". Selten erlebt man einen Bildband, der mit keinerlei Effekt nach einem greift, in den man vielmehr ganz sanft hineingezogen wird von nichts anderem als der schieren Oberfläche. Und diese Oberfläche entbirgt sich in den Bildern und Worten Schicht um Schicht – so daß einem aufgeht, wie irdisch Johannes Bobrowskis „himmlische" Verse über seine ostpreußische Heimat sind und weshalb sie Ulla Lachauer als Motto nimmt: „Irgendwo gibt’s soviel Himmel / wie die Zwiebel Häute hat".

Martin Rosswog versagt sich jede Art von Trick, seine Bilder sind grundaufrichtig, da gibt es kein Spiel des Lichtes und schon gar kein künstliches, keine spektakulären Perspektiven, keinen „gelungenen" Schnappschuß, die Menschen, die er aufnimmt, blicken geradeheraus in die Kamera, manchmal ist es fast, als wüßte auch die Landschaft, als wüßten auch die Gegenstände in den Zimmern, daß sie fotografiert werden, und hielten still. Nicht heilig ist der Ernst, mit dem hier zu Werke gegangen wird, vielmehr durch und durch profan und gerade deshalb bewegend. In dem Verschlag, der dem Trinker Valerijus Zelojs als Schlafraum dient: „Eine rote Steppdecke, die Bretterwand am Bett verhängt mit einem verblassten, lachsroten Tuch. So schleicht sich Schönheit in eine so triste Behausung. Einige Sonnestrahlen, die durch die Ritzen fielen, ließen das Elend noch aufleuchten."

Wie er schreibt, so fotografiert Martin Rosswog. Doch es ist beileibe nicht nur Elend, das die beiden Schönheits- und Menschensucher am litauischen und dem russischen Ufer der Memel finden, es gibt unerschütterliche Überlebende der erschütternden Geschichte, es gibt selbstbewußte junge Leute, die ihre Freiheit begreifen und in die Hand nehmen, um ein Leben draus zu machen, es gibt die Erinnerungsträger und die Träger eines neuen Denkens in Möglichkeiten. Sie sind zwar immer noch eingeschränkt, doch politische Grenzen sind nicht mehr das ein für allemal Gegebene.

Die Düsternis des jahrzehntelangen Verfalls liegt noch über der Landschaft, folgerichtig hat Martin Rosswog bei den meisten Außenaufnahmen auf den Farbfilm verzichtet. Doch die zahlreichen Wohnstuben und Küchen sprechen die zweifelnde und hoffnungsvolle Sprache der Menschen, die nie darin, sondern meist auf eigenen Bildern draußen zu sehen sind. Vom Jugendstil-Kachelofen aus deutscher Zeit bis zum ergonomischen Computer-Arbeitsplatz ist da alles zu sehen – und manches zum Staunen: In Bibliothek und Arbeitszimmer des verdienten und auch in Deutschland verehrten Tilsiter Stadthistorikers Isaac Rutman, das dessen Witwe Sinaida Wladimirowna Maximowa zeigt, hängen Urkunden der Stadtgemeinschaft Tilsit und der Deutschen Kriegsgräberfürsorge neben Stalinplakette und Leninbüste. In vielen verschiedenen Räumen hängen viele kleinformatige Bilder, oft Porträts, ungewohnt hoch – um den Devotionaliencharakter zu betonen? Die Bildschirme sind viel zahlreicher als Naturpflanzen, ganze zwei damit bestückte Vasen zeigt das Buch. Die eine steht auf der gutbürgerlichen Anrichte von Sinaida Wladimirowna Maximowa, die zweite, eine Karaffe mit Osterglocken, steht auf dem Tisch des Kosaken Viktor Fjodorowitsch Pratschuk. Dieser ist auf der gegenüberliegenden Seite in ordensgeschmückter Veteranenuniform zu sehen.

Und auch das paßt wundersam zusammen, denn, sagt Martin Rosswog: „Es gibt Männer in Uniform, die eine durch und durch militante Ausstrahlung haben wie zum Beispiel der Pförtner der Zellulosefabrik. Unser Kosak dagegen wirkt wie gut gekleidet, bunt, die Uniform dem alten Körper einen straffen Halt gebend. Dazu das milde Lächeln im Gesicht." Dieses Buch verhilft auch dem Betrachter dazu.

Georg Aescht (KK)

Martin Rosswog, Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Mit einem einführenden Text von Ulla Lachauer, Photographie und Tagebuchtexte: Martin Rosswog. Begleitpublikation zur Ausstellung „Der kleine Frieden. Aufbruch an der Memel". Edition Braus, Heidelberg o. J., 120 S., 35 Euro

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