Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1268.

„Leicht würgendes Gefühl der Wehmut“

Es gibt Romane, die in Cafés entstehen, andere wiederum auf Reisen. Dieser wurde auf kleinen alltäglichen Fahrten niedergeschrieben. Sein Autor, der im siebenbürgischen Reps/Rupea geborene Claudiu M. Florian, ist Presseattaché an der Botschaft von Rumänien in Berlin, wo er sich auf dem Weg in die Friedrichstraße seiner Kindheit erinnerte. 

Der Storch wird in diesem Debütroman Claudiu M. Florians mehrmals auftauchen: einer, zwei und ein halbes Störchlein, angesungen von dem fünf- bis sechsjährigen Ich-Erzähler in seiner "Großmuttersprache“, d.h. auf deutsch. Die schwer definierbare Menge Störche, die zu dem anregenden Buchtitel führt, wird sehnsüchtig beschworen, dem Erzähler ein Geschwisterchen zu bringen. Sehnsucht und manchmal das „leicht würgende Gefühl der Wehmut“ umweht auch sonst dieses Buch, in dem der Autor sich die Perspektive eines Kindes erschreibt und aus ihr eine relativ glückliche Kindheit betrachtet. Diese spielt sich, wie es der Untertitel besagt, in Siebenbürgen ab, in einem im Buch ungenannten „Ort“. Der Ort läßt sich wiederum über die nicht weit entfernten Dörfer Dacia und Seiburg bestimmen sowie über das fernere Bukarest und das schier unerreichbare „Indeutschland“ (sic!).

Vorsichtig tastet sich der junge Erzähler an sein Thema heran, als suche er seine Erinnerung zusammen. So beginnt er mit einem Heiligabend bei den Großeltern, einer Feier im Spannungsfeld zweier Sprachen, Rumänisch und Deutsch. Dann geht er zur Ortsbeschreibung über, da gibt es den „Ort“ mit der Burg, Seiburg, wo der „Otata“ lebt, da gibt es „Indeutschland“, da gibt es aber vor allem Menschen, die diese Orte heiligen, allen voran die Großeltern, bei denen er aufwächst, sowie die ihm fast fremden Eltern.
Die Handlung ergibt sich aus dem Alltag des Ich-Erzählers, es mangelt ihr vielleicht an Dramatik, doch läßt die Zeitgeschichte dieses Kind nicht ungeschoren. Beschrieben wird eine Kindheit, mit ihren kleinen Freuden, den „Autochen Ausdeutschland“, der Pistole und dem weißen Mercedes, aber auch ihren Unsicherheiten. „Alles ist mehrerlei!“ stellt der Erzähler anfangs fest: Die Sprachen, die hier gesprochen werden, sind das Deutsche der Großmutter und das Rumänische des Großvaters, wobei dieser Otata auch noch sächsisch spricht. Die Lieder sind verschieden und die Feiern auch. Außerdem sagt der rotbraune Fernseher etwas anderes als die Menschlein im schwarzen Radio, und dann gibt es noch „Diese“, vor denen man sich fürchten muß, denn die nehmen einem das Dach überm Kopf weg.

Die heile Welt des Kindes wird dabei von der Realität der Erwachsenen kontaminiert, vor allem durch die mitgehörten Gespräche, und so wird fast beiläufig Zeitgeschichte am Beispiel einer Familie deutlich: Die deutsche Großmutter war von der Deportation bedroht und heiratete deswegen den rumänischen Großvater, die Onkel sind in Deutschland geblieben, der Vater bekommt zeitweise Berufsverbot. Die Kleinfamilie ist zerrissen, weil das Kind bei den Großeltern aufwächst, die Eltern gucken von Fotos dabei zu. Vor allem die junge Mutter und der Vater bleiben bis zum Ende blaß.

Nicht immer plausibel ist, daß sich der erst Fünfjährige tatsächlich diese „komischen Wörter“ vom Währungsfonds oder Helsinki merken kann oder daß die eindringlichen Beschreibungen tatsächlich auf seine Erinnerung zurückzuführen sind. Dennoch gelingt es Claudiu Florian, einen kindlichen Ton zu treffen und damit die 70er Jahre in Siebenbürgen aus der Perspektive eines aufgeweckten Jungen gewinnend zu beschreiben. Es ist ein Buch der leisen Töne, erfreulich unpathetisch und nicht nur dank seiner siebenbürgischen Einsprengsel recht unterhaltsam.

Edith Ottschofski (KK)

Claudiu M. Florian: Zweieinhalb Störche. Roman einer Kindheit in Siebenbürgen. Transit Verlag, Berlin 2008, 19,80 Euro

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