Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1287.

„Macht was draus“

Der BdV Nordrhein-Westfalen folgt mit seinem Seminar auf Schloß Muhrau dem Vermächtnis der vertriebenen Schloßherrin

Muhrau gehört nicht zu den bekannten Schlössern Niederschlesiens. Das Herrenhaus im neoklassizistischen Stil kann nicht als schön oder romantisch bezeichnet werden, obwohl man bei klarem Wetter aus dem obersten – noch nicht renovierten – Turmzimmer einen weiten Ausblick über die Parkbäume nach Südwesten bis zum Schneegebirge und nach Osten zum Zobten, dem heiligen Berg Schlesiens, genießen kann. Dem auf einer kleinen Anhöhe liegenden Gebäude ist eine pompös anmutende Freitreppe mit einem Säulenvorbau angefügt, die auf eine weite Terrasse führt. Auf der Nordseite liegt der ehemalige Gutshof, auf dem Landwirtschaft betrieben wird.

Aus einem anderen Grund waren die Organisatoren des Seminars für oberschlesischen Studenten aus Ratibor und Umgebung auf Muhrau aufmerksam geworden. Vor 15 Jahren wagten zwei Schwestern aus der ehemaligen deutschen Eigentümerfamilie von Wietersheim-Kramsta einen Neubeginn mit der Gründung der Hedwig-Stiftung, die seither in einem Flügel des Schlosses einen Kindergarten für Kinder aus schwierigen Lebensverhältnissen betreibt. Zugleich wurde Muhrau zu einem Bildungs- und Begegnungszentrum für alle, für Polen und Deutsche, gefördert von Privatpersonen und Organisationen nicht nur aus Deutschland. Melitta Sallaj, geborene von Wietersheim-Kramsta, hat dort ihre Wohnung genommen, ihre jüngere Schwester Marie Therese von Werner leitet die Begegnungsstätte mit polnischen Mitarbeitern.

Bei einem abendlichen Kamingespräch mit Vertretern des Bundes der Vertriebenen Nordrhein-Westfalen als Veranstalter der Seminarwoche breitete Melitta Sallaj ihre Erinnerungen aus. Sie hat 1944 als 17jähriges Mädchen das letzte Weihnachtsfest in Muhrau erlebt hat und bald darauf mit ihrer Mutter über Böhmen nach Bayern fliehen müssen. Den ausgedehnten Besitz mußten sie zurücklassen. Zu Muhrau gehörten damals fünf Güter und eine Zuckerfabrik. Die Mutter konnte ihre schlesische Heimat nie vergessen und hoffte standhaft auf einen Neubeginn. Dieser wurde erst nach dem Fall des polnischen Kommunismus möglich, mit der Unterstützung der Deutsch-polnischen Stiftung, der Familie und weiterer Förderer. „Macht was draus“, hatte die Mutter gesagt, und in der Tat wurde daraus die gemeinnützige Hedwig-Stiftung, Fundacja sw. Jadwigi.

Das BdV-Seminar hatte seinen Schwerpunkt auf der Vermittlung schlesischer Geschichte und schlesischer Literatur, wofür Professor Dr. Josef Joachim Menzel und Dr. Maria Menzel aus Mainz gewonnen worden waren. Ergänzt und erweitert wurde diese Thematik durch eine Tagesfahrt ins Schlesischen Landesmuseum zu Görlitz, wo Maximilian Eiden eine informative Einführung gab. Am selben Tag wurde auch das Bildungs- und Begegnungszentrum in Schloß Lomnitz bei Hirschberg besucht, das sich der Erhaltung der schlesischen Kultur auf vielfache Art und Weise annimmt. Elisabeth von Küster, ebenfalls aus schlesischer Familie, berichtete eindrucksvoll von den jahrelangen Gründungs- und Aufbaubemühungen. Derzeit wird der alte Gutshof ausgebaut.

Über deutsche Medienarbeit in Oberschlesien referierte die junge Redakteurin Stefanie Böhme, und der Organisator der Veranstaltung, Hans-Joachim Muschiol, gab Hinweise zur Unterrichtstätigkeit und zum NRW-Schülerwettbewerb „Begegnung mit Osteuropa“. Yvonne Dobrikat aus Düsseldorf trug aus ihrer Arbeit über das Verhalten russischer Soldaten gegenüber den Frauen im eroberten Königsberg vor; ihre eindringliche Schilderung wurde von oberschlesischen Frauen mit eigenen schrecklichen Erlebnissen ergänzt.

Schließlich unterrichtete Oberstudienrat Rüdiger Goldmann die Teilnehmer über die Geschichte Pommerns, Ost- und Westpreußens sowie des Sudetenlandes und beschloß die Literaturreihe mit einer Darstellung von Leben und Werk des oberschlesischen Dichters August Scholtis, der aus dem Hultschiner Ländchen stammte und dessen Roman „Ostwind“ eine eindrucksvolle Schilderung des Lebens in Schlesien zur deutschen Zeit enthält.

Der aus Ratibor stammende Filmautor Josef Cyrus zeigte eigene Streifen über die jüngste Entwicklung dieses Landstriches, unter anderem über die Wiedererrichtung des Eichendorff-Denkmals in Ratibor. Ein Besuch in der wunderbaren gotischen Kirche St. Peter und Paul in Striegau, wo der amtierende Pfarrer durch das Gotteshaus aus dem 14. Jahrhundert führte, rundete die Arbeitswoche ab.

Muhrau, wo die Tagungsteilnehmer unter der Führung von Frau von Werner auch den Kindergarten besichtigen konnten, wird allen Seminarteilnehmern, Studenten und DFK-Mitgliedern, bei aller Fülle des Programms auch infolge der gastfreundlichen Aufnahme durch Direktor Jacek Dabrowski und nicht zuletzt der guten schlesischen Küche in Erinnerung bleiben und die Studenten hoffentlich anregen, sich weiter mit der reichen, aber auch tragischen Geschichte Schlesiens zu beschäftigen.

Rüdiger Goldmann (KK) 

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